A N Z E I G E

Direkte Demokratie - Utopie oder reale Alternative?

  • Die Studie zeigt im Schnitt eine größere Korrelation zwischen Bildung und Demokratiezufriedenheit als zwischen Einkommen und Demokratiezufriedenheit. Angesichts der großen Korrelation zwischen Bildung und Einkommen, ist entsprechend davon auszugehen, dass Bildung der entscheidende Faktor ist und nicht das Einkommen. Die Studie ist ja sogar deutlich darauf ausgelegt, Zusammenhänge zu sozialen Faktoren zu finden. Da liefert sie aber nirgends bemerkenswerte Korrelationen.


    Gerade bei den Gegner der repräsentativen Demokratie sind es übrigens vor allem schlechter Gebildete als Ärmere, die sie befürworten und Korrelationen mit der Beurteilung der Sozialpolitik sind auffallend schwach.


    Gut 40% der Befragten vertrauen grundsätzlich anderen Menschen nicht (unter den Demokratiekritischen ist es eine Mehrheit), knapp zwei Drittel sind der Meinung, dass politische Probleme so komplex geworden sind, dass sie nur schwer erklärbar sind, und 88% glauben, dass sie die meisten Leute nicht ausreichend über Politik informieren. Da ist es vielleicht schon eine Frage von Bildung, ob man dann zu dem Schluss kommt, dass Leute, die sich nicht ausreichend über Politik informieren, über die (zu komplexe) Politik entscheiden sollten.



    Aus der Studie:


    Zitat

    "Die wahrgenommene Komplexität der Probleme hat keinen Einfluss darauf, ob man diese lieber Politiker_innen, Expert_innen oder eine_r starken Führer_in überlässt oder sie einem Volksentscheid unterwerfen möchte."


    Zitat

    "Interessant erscheint zudem, dass die politisch (sehr) stark Interessierten die Entscheidung lieber gewählten Abgeordneten und Regierungsvertreter_innen überlassen (44,8 Prozent) als den Bürger_innen in regelmäßigen Volksentscheiden (39,1 Prozent), während die politisch wenig oder überhaupt nicht Interessierten die Volksentscheide mit 57,1 zu 24,1 Prozent klar vorziehen."

    Zitat


    Im Übrigen generell:


    Zitat

    "Allerdings erhielt die direkte Demokratie in einer drei Jahre zurückliegenden Umfrage, in der nur diese beiden Alternativen abgefragt wurden, eine erheblich klarere Mehrheit.
    Über zwei Drittel favorisierten damals das direktdemokratische Modell, nur ein Viertel das repräsentative; sechs Prozent forderten spontan eine Mischform aus beidem. Auch wenn man beide Erhebungen nicht eins zu eins vergleichen kann, ist daraus doch ableitbar, dass sich der Enthusiasmus für die direkte Demokratie binnen weniger Jahre merklich abgekühlt hat."

  • A N Z E I G E
  • Zitat

    Original geschrieben von Jesse:
    Angesichts der großen Korrelation zwischen Bildung und Einkommen, ist entsprechend davon auszugehen, dass Bildung der entscheidende Faktor ist und nicht das Einkommen.


    Und das liest du aus der Studie wo genau raus?

  • Zitat

    Original geschrieben von Kir Royal:
    Und das liest du aus der Studie wo genau raus?


    Die Studie zeigt eine größere Korrelation mit Bildung als mit Einkommen. Das lese ich aus der Studie. Der Rest sind normale statistische Schlüsse. Wenn zwei Faktoren A und B untereinander eine sehr hohe Korrelation aufweisen und es eine jeweilige Korrelation zu einem Faktor C gibt, wobei die Korrelation zwischen A und C größer ist als zwischen B und C, ist es sehr wahrscheinlich, dass eine Kausalität (wenn dann) eher zwischen A und C und nicht zwischen B und C besteht.


    Einfaches Beispiel: 90% der CyBoard-User lesen keine Frauenmagazine, 95% der Männer lesen keine Frauenmagazine. Logischer Schluss: Das mangelnde Interesse von CyBoard-Usern an Frauenmagazinen hat wahrscheinlich nichts mit Interesse an Wrestling oder Internetforen zu tun, sondern der Großteil der CyBoard-User sind einfach Männer. Oder: Leute, die sich oft an der Sonne aufhalten, haben ein erhöhtes Hautkrebsrisiko. Bauarbeiter haben ein erhöhtes Hautkrebsrisiko. Bauarbeiter halten sich überdurchschnittlich häufig an der Sonne auf. Logischer Schluss, es liegt wahrscheinlich nicht am Beruf.


    Hier: 25% der Leute mit niedriger Bildung sind mit der Demokratie sehr unzufrieden, 20% der Leute mit niedrigem Einkommen. Umgekehrt: 59% der Leute mit hoher Bildung sind mit der Demokratie zufrieden, 54% der Leute mit hohem Einkommen. In beide Richtungen gibt es eine größere Korrelation zwischen Bildung und Demokratiezufriedenheit als zwischen Einkommen und Demokratiezufriedenheit. Allgemein bekannte Korrelation: Je höher/niedriger die Bildung, desto höher/niedriger das Einkommen. Logischer Schluss: Es liegt eher an der Bildung als am Einkommen.


    Und dann gibt es im Übrigen in der Studie auch noch einen Faktor generelle Unzufriedenheit, die wiederum mit sowohl Einkommen als auch Demokratiezufriedenheit korreliert. Und es gibt den Faktor der Zufriedenheit mit der Sozialpolitik, wo es wiederum eine überraschend geringe Korrelation zur Demokratiezufriedenheit gibt.


    Natürlich kann man das alles nicht mit wissenschaftlicher Gewissheit sagen. Man kann aus Korrelationen allein keine Kausalitäten beweisen. Es ist aber erstmal der naheliegende Schluss, dass das Einkommen für sich kaum eine Rolle spielt, da es deutlichere Korrelationen zu anderen Faktoren gibt, die linear mit dem Einkommen korrelieren. Ein statistischer Anscheinsbeweis. Es wäre an demjenigen, der dann das Einkommen entgegen dieses Anscheinsbeweises zum Hauptfaktor erklärt, das zu entkräften.

  • Sei mir nicht böse, aber ich würde den Zusammenhang "Einkommen" und "Demokratie-Zufriedenheit" nicht als weniger relevant betrachten, nur weil die Korrelation zwischen den Faktoren "Bildung" und "Demokratie-Zufriedenheit" höher ist.


    Gibt auch Studien, dass die "politischen Interessen" der "Personen mit niedrigerem Einkommen" in der Politik viel weniger berücksichtigt werden. Ob in Deutschland oder in den USA.


    Und selbst die Verfasser der aktuellen Studien verweisen auf die Beziehung zwischen "Einkommen" und "Demokratie-Zufriedenheit". Aber das hast du ja schon selbst in der Studie nachgelesen ;)


    Nun einfach die "Demokratie-Kritiker" als "Leute mit geringer Bildung" gleichzusetzen, halte ich allgemein für sehr gefährlich. Zumal insgesamt 52% der Bürger lt. der Studie mit der Demokratie inzwischen unzufrieden sind ...


  • Ich habe nicht gleichgesetzt, sondern gesagt, dass es da die größte Korrelation gibt. Leute mit geringer Bildung sind häufiger kritisch gegenüber der parlamentarischen Demokratie als Leute mit hoher Bildung.


    Was das Einkommen betrifft: Nochmal, das ist erstmal ein statistische Anscheinsbeweis, den man ggf. durchaus widerlegen kann. Aber wenn du das Einkommen als nicht weniger relevant betrachtest, musst du erklären, warum die Korrelation geringer ausfällt als die der Bildung.


    Und dazu kommt ja auch noch der Befund: Je weniger sich die Leute für Politik interessieren, desto stärker sind sie für direkte Demokratie.

  • Als die Schweiz dem Bundesrat die Lust am autoritären Regieren austrieb


    Der Zweite Weltkrieg war vorbei. Doch die Schweizer Bundesräte hatten im so genannten Vollmachtenregime Freude am autoritären Regieren gefunden. Erst 1949 – vor 70 Jahren – konnte das Stimmvolk den hohen Herren im Bundesrat diese Freude wieder austreiben – mit einer knappen Mehrheit von 50,7% Ja zur Volksinitiative "Rückkehr zur direkten Demokratie".


    Demokratie auf der Kippe


    Die Neigung hin zu autoritären Regierungsformen überdauerte also die Kriegsjahre. Bundesrat und Parlament waren auch drei Jahre nach dem Krieg gegen eine Rückkehr zur Referendums-Demokratie.


    So meinte der katholisch-konservative Nationalrat Karl Wick 1948, ein Staat könne sich auch "zu Tode demokratisieren": "Demokratie ist wichtig, aber die innere und äussere Sicherheit des Staates ist wichtiger."


    Nur wenige Parlamentarier sprachen positiv über zwei parallele Volksinitiativen für eine Rückkehr zur direkten Demokratie. Zu ihnen gehörte der Gewerkschaftsfunktionär und Nationalrat Max Weber. "Wir können die Gefahr einer Diktatur, die Gefahr undemokratischer Massnahmen nicht durch die Beschränkung der Demokratie bekämpfen", sagte er.


    Quelle: https://www.swissinfo.ch/ger/d…egieren-austrieb/45203984


    Wieder was gelernt: In Deutschland haben wir ein "Vollmachtenregime" für Regierung und Parlament. Vielleicht sollte man das Wort in Zukunft verwenden, anstatt von "Demokratie" zu sprechen ^^

  • Zitat

    Original geschrieben von Kir Royal:


    Wieder was gelernt: In Deutschland haben wir ein [B]"Vollmachtenregime" für Regierung und Parlament. Vielleicht sollte man das Wort in Zukunft verwenden, anstatt von "Demokratie" zu sprechen ^^ [/B]


    Nein, wie kommst du darauf?

  • Ui, Popcornzeit. ^^


    Direkte Demokratie hat viele gute Seiten, setzt aber eine gebildete, informierte und sachliche denkende Bevölkerung voraus. In der Schweiz klappt es bei vielem, wenn ich aber hierzulande den "besorgten Protestwähler" sehe, dessen Bauchgefühl ihm wichtiger als alle Argumente ist und der Fakten als Lügen verneint sowie Gerüchte und Falschinformationen, welche seine Sicht bestätigen, als einzige Wahrheit sieht, dann sehe ich schwarz. Ne, blau. Und das wird dann wieder braun.

    Lust auf Leben, Lust auf Liebe, Lust auf Lust. Lust auf Lagerfeuer und nen fetten Kuss. Lust auf Wunder, Wunderbar und Wundervoll. Lust mein Maul nicht zu halten wenn ich soll ( Manchmal - Milch & Blut )


    Also wenn man in alle Richtungen nur nach Süden kommt, dann ist es der Nordpol. Wenn man in alle Richtungen nur nach Norden kommt, ist es der Südpol. Soweit klar.
    Was ist dann wohl West-Berlin ;)

  • Zitat

    Original geschrieben von Berlin Brawler:
    Ui, Popcornzeit. ^^


    Direkte Demokratie hat viele gute Seiten, setzt aber eine gebildete, informierte und sachliche denkende Bevölkerung voraus.


    Eben.
    Das ist genau wie mit Anarchie oder dem Kommunismus. Solange jeder das Wohl Aller als oberste Priorität hat - wunderbar. Sobald aber Egoismus eine Rolle spielt - und der Mensch ist eben von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen ein egoistisches Wesen - ist die Ganze zum Scheitern verurteilt.


    Daher ist das System gut so, wie wir es haben. Beileibe nicht, weil es perfekt wäre. Grund zur Kritik am status quo gibt es mehr als genug.
    Es hat aber einfach die wenigsten Schwächen.

    "Ich habe nicht gesagt, dass ich Ihnen nicht traue und ich sage nicht, dass ich Ihnen traue, aber ich traue Ihnen nicht."

  • Zitat

    Original geschrieben von Kir Royal:
    mit einer knappen Mehrheit von 50,7% Ja zur Volksinitiative "Rückkehr zur direkten Demokratie".


    Ahh, interessant. Soviel zu DEM Volkswillen...

    EC3 changing the game... The best guy here. The best guy there. The best guy ANYWHERE!


    The spirit of the Ultimate Warrior will run forever!

  • Zitat

    Original geschrieben von Berlin Brawler:
    Ui, Popcornzeit. ^^


    Direkte Demokratie hat viele gute Seiten, setzt aber eine gebildete, informierte und sachliche denkende Bevölkerung voraus. In der Schweiz klappt es bei vielem, wenn ich aber hierzulande den "besorgten Protestwähler" sehe, dessen Bauchgefühl ihm wichtiger als alle Argumente ist und der Fakten als Lügen verneint sowie Gerüchte und Falschinformationen, welche seine Sicht bestätigen, als einzige Wahrheit sieht, dann sehe ich schwarz. Ne, blau. Und das wird dann wieder braun.


    Ich sag mal so, wenn diese Protestwähler mal in so großer Zahl sind, dass sie eine Mehrheit bilden, dann würde unser Land von Leuten wie Gauland und Weidel regiert werden.


    Dann wären einige ganz froh, wenn es direkte Demokratie gäbe. Die Schweizer sind nun auch nicht von Natur aus gebildeter und informierter;) lediglich die kleinere Landesgröße kommt ihnen bei dem Thema wohl zu gute.

    Die drei Hauptsätze der Thermodynamik:
    1. Du kannst nicht gewinnen
    2. Du kannst kein Unentschieden erreichen
    3. Du kannst aus dem Spiel nicht ausscheiden

  • Das Resultat in einer "Direkten Demokratie" kann man ja gut im Szenario "Operation Yellowhammer" sehen welches Hijo im entsprechenden Brexit-Thread ausführlicher darstellt.

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    Wer oft genug an's Hohle klopft, der schenkt der Leere ein Geräusch!

  • Das ist mir zu einfach. Es gibt halt positive Beispiele (hier kann man viele Volksabstimmungen in der Schweiz nennen, aber auch das von der Politik ignorierte MediaSpree Volksbegehren in Berlin bzw. das zu THF), aber eben auch viele negative.


    Richie hat es im Grunde gut kommentiert.

    Lust auf Leben, Lust auf Liebe, Lust auf Lust. Lust auf Lagerfeuer und nen fetten Kuss. Lust auf Wunder, Wunderbar und Wundervoll. Lust mein Maul nicht zu halten wenn ich soll ( Manchmal - Milch & Blut )


    Also wenn man in alle Richtungen nur nach Süden kommt, dann ist es der Nordpol. Wenn man in alle Richtungen nur nach Norden kommt, ist es der Südpol. Soweit klar.
    Was ist dann wohl West-Berlin ;)

  • Zitat

    Original geschrieben von DocPsycco:
    Das Resultat in einer "Direkten Demokratie" kann man ja gut im Szenario "Operation Yellowhammer" sehen welches Hijo im entsprechenden Brexit-Thread ausführlicher darstellt.


    Wann hat das Volk für einen ungeregelten Brexit abgestimmt?


    Dies zu verhindern sollte doch kein Problem für die Regierung sein;)

    Die drei Hauptsätze der Thermodynamik:
    1. Du kannst nicht gewinnen
    2. Du kannst kein Unentschieden erreichen
    3. Du kannst aus dem Spiel nicht ausscheiden

  • Unzufrieden mit "Demokratie" oder unzufrieden mit "der aktuellen Demokratie-Ausübung der gewählten Verantwortlichen" sind für mich wohl die Gegendarstellungen, die man im Hinterkopf behalten sollte. Selbst wenn jemand sagt, dass er mit Demokratie aktuell nichts anfangen kann, dann geht es auch immer darum was er genau meint. Welcher Zusammenhang, wie gemeint, etc.
    Man vereinfacht ja gerne Aussagen und viele angebliche Argumente sind hinfällig, wenn sie sich tatsächlich mit den Hintergründen auseinandersetzen.


    Direkte Demokratie... naja, wenn überhaupt kommt es auf die Art und Weise drauf an und wenn dann 50,7% einschneidende Dinge forcieren (und viele der Wähler haben halt zu wenig Ahnung was es für Folgen gäbe, welche Zusammenhänge es gibt), dann halte ich nichts von direkter Demokratie.
    Wenn man bei bestimmten Themen ansetzt, darauf achtet welche Art von Propaganda da mit reinspielt und meinetwegen eine 2/3 Mehrheit benötigt und/oder Wahlpflicht besteht und nicht nur optional, dann kann man drüber reden. Oder eben über andere Varianten, die nicht so plump sind.


    Vor allem wenn man bedenkt wieviel man beeinflussen kann allein durch die Art der Formulierung der Fragen und Antworten. Wissen denke ich viele (Stichwort Framing), aber speziell durch meinen Abstecher in die empirische Forschung übers Studium, habe ich da weitaus mehr Zweifel. Ich konnte bei Umfragen Mehrheiten erzwingen durch Nuancen, die wohl viele Menschen niemals von sich aus erkennen würden.

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