A N Z E I G E

Brexit: Großbritannien verlässt die EU! (ganz langsam)

  • Zitat

    Original geschrieben von Skyclad:
    Und normalerweise weiß der Wähler beim Schwimmbad auch, was er wählt. Beim Brexit haben viele Wähler ja was anderes gewollt, als sie bekommen haben.


    So unintelligent die Entscheidung ist, die meisten Leave-Wähler sollten durchaus gewusst haben, dass leave leave heißt. Dass sich viele vielleicht nicht über die Folgen ausreichend informiert haben, ja, aber auch das war eine bewusste Entscheidung oder sie haben die Folgen falsch eingeschätzt. Jeder der für Leave gestimmt hat, wusste aber zumindest, dass es den EU-Austritt bedeutet und nimmt die entsprechenden Folgen eben billigend im Kauf. Beim Schwimmbad informieren sich auch nicht alle über die genauen kosten, sondern entscheiden vielleicht nur, ob sie selbst ins Schwimmbad gehen oder nicht. Wir hatten hier mal eine Volksabstimmung über die Einführung des Gelben Sacks in der Gemeinde. Die Mehrheit hat es abgelehnt und eines der Hauptargumente war, dass das bestimmt etwas kostet (wo vorher für jeden transparent war, dass es nichts kostet). Schlecht informierte Wähler hast du bei jeder Wahl und jeder Abstimmung - da würde ich gar keinen so großen Unterschied zwischen Schwimmbad und Brexit machen.

  • A N Z E I G E
  • Finde ich schwach, jetzt eine Neuabstimmung zu fordern. Zumal die meisten, die das jetzt fordern, bestimmt strikt dagegen gewesen wären, wenn es das anderslautende Ergebnis gegeben hätte. Dann wäre eine Neuabstimmung "undemokratisch" gewesen...

  • Zitat

    Original geschrieben von Skyclad:
    Und normalerweise weiß der Wähler beim Schwimmbad auch, was er wählt. Beim Brexit haben viele Wähler ja was anderes gewollt, als sie bekommen haben.


    Ist mir schon klar. Aber kann ich als Wähler nicht auch damit leben, das ich demokratisch verloren habe?


    Ich finde es einen psychologischen Vorteil, wenn die Mehrheit meiner Mitbürger etwas anderes wollten als irgendwelche Politiker ... Das Gefühl der Ohnmacht ist weg, denn ich wurde ja gefragt. Also ich kann damit leben, dass Deutschland aus der EU ausscheidet oder falls Deutschland in der EU verbleibt.


    Und da wir geheime Wahlen haben, muss es der Nachbar auch nicht wissen. Oder erzählt ihr allen Leute, welche Partei ihr wählen wollt?



    Aber heißt das dann nicht übersetzt: Alle Wahlen sind sowieso überflüssig?


    Wenn die Wirtschaft keine demokratischen Prozesse mehr verkraften kann, was bringen dann noch Wahlen? Wir fahren in einem Zug und alle vier Jahre können wir das Zugpersonal demokratisch bestimmen. Wer wird Lockführer? Steinbrück oder Merkel?


    Aber ob wir die Strecke wechseln wollen, ist garnicht mehr möglich. Denn den Zug verlangsamen oder gar anhalten geht garnicht mehr. Mal Anhalten und zwei Wochen diskutieren? Wie denn? ... Würden die Märkte nicht mitmachen ... Wo ist dann noch der Unterschied zum Film Speed aus den 90er Jahren?


    Leben wir dann nicht in einer "Art Finanzdiktatur", in dem garnicht mehr der Mensch agiert, sondern nur noch reagieren darf, was Finanzmärkte entscheiden? Klingt jetzt sehr nach Marx, aber ist diese Sichtweise so verkehrt?


    Spinnen wir mal rum: 2017 bekommt die Linke die Absolute Mehrheit und Wagenknecht wird Kanzlerin. Dann brechen die Märkte dauerhaft ein ... Bestimmt dann nicht am Ende der Finanzmarkt, was wir wählen sollen?

  • Zitat

    Original geschrieben von casa:
    Das sehe ich komplett anders. Wer seine Stimme abgeben kann, der kann Entscheidungen,, die nicht in seinen Sinne sind, viel besser akzeptieren als wenn eine kleine Gruppe von Politikern etwas eigenmächtig durchzwängt. Die Legitimation eines Entscheids ist nach einer Volksabstimmung logischerweise viel grösser. Wird ständig über die Köpfe der Bevölkerung hinweg im Alleingang alles bestimmt, führt das zu Frust und einem Gefühl der Machtlosigkeit, da die Kritik aus der Bevölkerung ja nichts zu verändern vermag.


    Das ist die Kehrseite. Aber der Unmut richtet sich in diesem Fall eben gegen eine Regierung, die dann sogar noch von Personen unterschiedlicher Meinungen geteilt wird. In der Flüchtlingsfrage gabe es viele Befürworter und Gegner, die sich auf Seite der Mehrheit der Bevölkerung sahen. Hätte es eine Abstimmung gegeben, hätte eine Seite dieses Gefühl nicht haben können und hätte sich eher gesagt: Das ist nicht mehr mein Land. Die objektiv klare Minderheit der Pegida-Demonstranten skandiert "Wir sind das Volk".


    Natürlich kann man dann fragen, was negativer ist. Das Gefühl in einer Minderheit zu sein in einer Land, in dem die Mehrheit Idioten sind oder das Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber eine Regierung, die (gegen die Mehrheit) macht, was sie will. Aber in Sachen Zusammengehörigkeitsgefühl sehe ich klare Vorteile beim Katalysator Regierung in der parlamentarischen Demokratie. Das Gefühl wir, das normale Volk, haben doch eh nichts zu sagen, enthält eben eine Zuordnung zur Mehrheit des Volks und ein wir.


    Zitat

    Hier wird ja immer wieder die These vertreten, dass in einer direkten Demokratie die Wirtschaft bachab gehen und aufgrund von Populismus bald Barbarentum und Unrecht herrschen würde. Dass dies nicht so ist, beweist die Schweiz doch seit Jahrzehnten. Was den Wohlstand betrifft, befindet man sich stets an der Spitze, es herrschen keine inneren Unruhen, man lebt bei einem Ausländeranteil von 25 Prozent friedlich zusammen, es gibt keine gewalttätigen Übergriffe auf Asylbewerberheime und der Rechtsstaat funktioniert einwandfrei. Und das alles ohne EU-Mitgliedschaft.


    Der Wohlstand der Schweiz rührt aber nicht in erster Linie aus einer starken Binnenwirtschaft her. Und die günstigen Bedingungen für die Schweizer Wirtschaft sind auf Entscheidungen des Parlaments und nicht auf Volksbefragungen zurückzuführen.


    Die paradiesischen Zustände, die du hier für die Schweiz beschreibst, sind auch mit der Realität nicht wirklich in Einklang zu bringen. Alleine etwa die Behauptung, es gäbe in der Schweiz keine gewalttätigen Übergriffe auf Asylbewerberheime ist schlicht falsch. Ganz im Gegenteil, war das eine Zeit lang sogar ein massives Problem in der Schweiz. Es gibt allgemeine eine relativ große Ausländerfeindlichkeit in der Schweiz. Bei den Volksbefragungen hat sich das ja auch etwa im Minarettverbot manifestiert. Die Funktionalität des Rechtsstaats ist vor allem eine Frage der Gewaltenteilung und nicht ob die Legislative direkt oder indirekt demokratisch erfolgt.

  • Zitat

    Original geschrieben von casa:
    Das sehe ich komplett anders. Wer seine Stimme abgeben kann, der kann Entscheidungen,, die nicht in seinen Sinne sind, viel besser akzeptieren als wenn eine kleine Gruppe von Politikern etwas eigenmächtig durchzwängt. Die Legitimation eines Entscheids ist nach einer Volksabstimmung logischerweise viel grösser. Wird ständig über die Köpfe der Bevölkerung hinweg im Alleingang alles bestimmt, führt das zu Frust und einem Gefühl der Machtlosigkeit, da die Kritik aus der Bevölkerung ja nichts zu verändern vermag.


    Hier wird ja immer wieder die These vertreten, dass in einer direkten Demokratie die Wirtschaft bachab gehen und aufgrund von Populismus bald Barbarentum und Unrecht herrschen würde. Dass dies nicht so ist, beweist die Schweiz doch seit Jahrzehnten. Was den Wohlstand betrifft, befindet man sich stets an der Spitze, es herrschen keine inneren Unruhen, man lebt bei einem Ausländeranteil von 25 Prozent friedlich zusammen, es gibt keine gewalttätigen Übergriffe auf Asylbewerberheime und der Rechtsstaat funktioniert einwandfrei. Und das alles ohne EU-Mitgliedschaft.


    zum ersten punkt würde ich gefühlsmässig sogar zustimmen. aber wenn der Brexit in der konsequenz wirklich eine ausgewachsene wirtschaftskrise auslöst, dann kann das tiefe gräben hinterlassen. dann wird eventuell der Bremain anhänger, der seinen job verliert, den Brexit voter persönlich dafür verantwortlich machen.


    zur Schweiz. das das land wirtschaftlich sehr stabil ist, könnte imo nicht die folge, sondern erst die ursache für das funktionieren der direktdemokratie sein. zufriedene menschen neigen zu rationalen entscheidungen bzw. es gibt nicht die notwendigkeit, über richtig haarige themen (wie z.b. die deutschen Hartz reformen) abstimmen zu lassen. aber das kannst Du als einwohner vielleicht besser einschätzen.

    EC3 changing the game... The best guy here. The best guy there. The best guy ANYWHERE!


    The spirit of the Ultimate Warrior will run forever!

  • Zitat

    Original geschrieben von BigCountry:
    zum ersten punkt würde ich gefühlsmässig sogar zustimmen. aber wenn der Brexit in der konsequenz wirklich eine ausgewachsene wirtschaftskrise auslöst, dann kann das tiefe gräben hinterlassen. dann wird eventuell der Bremain anhänger, der seinen job verliert, den Brexit voter persönlich dafür verantwortlich machen.


    Oder wenn er ohne Brexit arbeitlos wird, darf er dann seinen Personal-Chef killen? Wenn einer im Abi durchfällt, darf er seinen Mathe-Lehrer töten?


    Aber in einem Punkt gebe ich dir gerne recht: Bei einer "direkten Demokratie" würde viel mehr ans Tageslicht kommen, dass eigentlich alle Bürger untereinander verfeindet sind ... Schaffen wir morgen beispielsweise den Abbau der Steinkohle ab, dreht ein Arbeiter durch und erschießt Aktivisten von Green Peace ... Schaffen wir die Benzinautos ab, dreht ein arbeitsloser Tankstellenbesitzer durch ...


    Mit anderen Worten: Damit wir nicht so merken, dass alle Bürger quasi im Konflikt zueinander stehen, brauchen wir Feindbilder in Form der Politiker, auf die wir alle einhauen können ... Jetzt weiß ich endlich, woführ wir Politiker brauchen :thumbup:


  • was hat das von mir geschriebene denn mit den märkten zu tun? ich kenne Deine abneigung, aber hier können sie gar nichts dazu.


    versetz Dich Dich einfach mal in die lage eines unternehmers. was machst Du jetzt als britischer mittelständischer maschinenbauer, der z.b. deutsche firmen beliefert?


    Du weisst nicht:


    -ob Du noch zugang zum europäischen markt haben wirst
    -wie hoch die einfuhrzölle sein werden
    -ob du noch konkurrenzfähig bist oder sich Dein kunde in Deutschland lieber einen zulieferer in Frankreich oder Italien sucht
    -wie es Deinen kunden im heimatlichen GB gehen wird
    -wann das alles passiert


    was tust Du also? investierst Du noch so, wie Du es anfang des jahres noch geplant hast? oder bist Du vorsichtig? und was bedeutet das für die gesamtwirtschaft, wenn jeder unternehmer so denken muss?



    und um auf die erste frage zurückzukommen. natürlich sind wahlen nicht sinnlos. aber wenn partei X die rahmenbedingungen für die wirtschaft verändert, dann wird diese entsprechend reagieren. aber wenn Du nicht das ganz grosse rad drehst, dann passiert vielleicht auch gar nichts - z.b. beim mindestlohn. der Brexit zählt imo leider nicht in die kategorie harmlos.

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  • Zitat

    Original geschrieben von Kir Royal:
    Oder wenn er ohne Brexit arbeitlos wird, darf er dann seinen Personal-Chef killen? Wenn einer im Abi durchfällt, darf er seinen Mathe-Lehrer töten?


    Aber in einem Punkt gebe ich dir gerne recht: Bei einer "direkten Demokratie" würde viel mehr ans Tageslicht kommen, dass eigentlich alle Bürger untereinander verfeindet sind ... Schaffen wir morgen beispielsweise den Abbau der Steinkohle ab, dreht ein Arbeiter durch und erschießt Aktivisten von Green Peace ... Schaffen wir die Benzinautos ab, dreht ein arbeitsloser Tankstellenbesitzer durch ...


    Mit anderen Worten: Damit wir nicht so merken, dass alle Bürger quasi im Konflikt zueinander stehen, brauchen wir Feindbilder in Form der Politiker, auf die wir alle einhauen können ... Jetzt weiß ich endlich, woführ wir Politiker brauchen :thumbup:


    ich bin erstmal raus. es wird langsam absurd.

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  • Zitat

    Original geschrieben von Jesse:
    Die paradiesischen Zustände, die du hier für die Schweiz beschreibst, sind auch mit der Realität nicht wirklich in Einklang zu bringen. Alleine etwa die Behauptung, es gäbe in der Schweiz keine gewalttätigen Übergriffe auf Asylbewerberheime ist schlicht falsch. Ganz im Gegenteil, war das eine Zeit lang sogar ein massives Problem in der Schweiz. Es gibt allgemeine eine relativ große Ausländerfeindlichkeit in der Schweiz. Bei den Volksbefragungen hat sich das ja auch etwa im Minarettverbot manifestiert. Die Funktionalität des Rechtsstaats ist vor allem eine Frage der Gewaltenteilung und nicht ob die Legislative direkt oder indirekt demokratisch erfolgt.


    Ich habe nicht von paradiesischen Zuständen gesprochen. Tatsache ist aber, dass das Land im internationalen Vergleich gut dasteht, sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich.


    Dass es Ausländerfeindlichkeit - wie überall - auch in der Schweiz gibt, ist klar. Sie tritt hier im politischen Diskurs auch offener zutage, eben genau wegen der direkten Demokratie. Es wird halt offen über Ausländerthemen debattiert und das Thema nicht tabuisiert, was ich grundsätzlich für gesund halte. Wohl auch der Grund, weshalb sich Gruppen wie Pegida in der Schweiz nicht etablieren können. Es braucht keine Pegida, wenn man zu Ausländerthemen seine Stimme abgeben kann.


    Die Quellen zu den gewalttätigen Übergriffen musst du mir erst zeigen. Da ich in der Schweiz lebe, bekomme ich natürlich mit, was hier passiert. Ich kann mich an einen Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim so etwa in den frühen 90igern erinnern. Seither ist mir kein Vorfall mehr präsent.


    Mit dem Minarettverbot können die hier ansässigen Muslime eigentlich ganz gut leben, wie mir scheint. Die Ausübung ihres Glaubens wir dadurch nun wirklich nicht drastisch eingeschränkt. Ich fand diese Entscheidung auch unschön aufgrund ihrer Symbolwirkung. Aber eine Tragödie ist es nun auch wieder nicht.


    Zitat

    Original geschrieben von Jesse:
    Der Wohlstand der Schweiz rührt aber nicht in erster Linie aus einer starken Binnenwirtschaft her.


    Das ist korrekt.


    Zitat

    Original geschrieben von Jesse:
    [B ]Und die günstigen Bedingungen für die Schweizer Wirtschaft sind auf Entscheidungen des Parlaments und nicht auf Volksbefragungen zurückzuführen. [/B]


    Das hingegen kann man meiner Meinung nach so nicht stehen lassen. Das Schweizer Volk hat über die bilateralen Verträge mit der EU abgestimmt, über die Personenfreizügigkeit und deren Erweiterung auf die Oststaaten, auch über Schengen/Dublin.


    Entscheidungen des Parlaments werden zudem vom Volk indirekt und stillschweigend abgesegnet, indem dagegen kein Referendum ergriffen wird.

  • Zitat

    Original geschrieben von casa:
    Ich habe nicht von paradiesischen Zuständen gesprochen. Tatsache ist aber, dass das Land im internationalen Vergleich gut dasteht, sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich.


    Genau wie Deutschland und andere Länder der EU und/oder andere Länder, die keine mit der Schweiz vergleichbaren direktdemokratischen Entscheidungen haben. Ich widerspreche auch gar nicht deiner Grundaussage, dass direkte Demokratie nicht automatisch zu negativen Entscheidungen führt oder zum Untergang des Abendlands. (Die Wahrscheinlichkeit für negative Entscheidungen ist m.E. nur höher.) Außerdem ist auch das, was Big Country angeführt hat, zu beachten. Gute Grundbedingungen sorgen für bessere direktdemokratische Entscheidungen.


    Zitat

    Dass es Ausländerfeindlichkeit - wie überall - auch in der Schweiz gibt, ist klar. Sie tritt hier im politischen Diskurs auch offener zutage, eben genau wegen der direkten Demokratie.


    Ich vermag nicht zu beurteilen, ob es in der Schweiz mehr ausländerfeindliches Denken gibt oder ob es nur offener ausgesprochen wird. Mein persönlicher Eindruck und v.a. der Eindruck von Bekannten, die in der Schweiz arbeiten, ist, dass man in der Schweiz überdurchschnittlich viel Ausländerfeindlichkeit begegnet. (Wie gesagt, ich kann wirklich nicht beurteilen, ob es nur offener kommuniziert wird oder ob es tatsächlich mehr gibt. - Auch der subjektive Eindruck mag natürlich falsch sein.)


    Zitat

    Es braucht keine Pegida, wenn man zu Ausländerthemen seine Stimme abgeben kann.


    Letztlich ist Pegida auch nur ein demogratisches Instrument, per se weder besser noch schlechter.


    Zitat

    Die Quellen zu den gewalttätigen Übergriffen musst du mir erst zeigen. Da ich in der Schweiz lebe, bekomme ich natürlich mit, was hier passiert. Ich kann mich an einen Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim so etwa in den frühen 90igern erinnern. Seither ist mir kein Vorfall mehr präsent.


    http://www.nzz.ch/schweiz/aktu…-keine-seltenheit-ld.1604


    Aber ohnehin sehe ich da keinen Zusammenhang mit direkter Demokratie. Zum Zeitpunkt als Merkel sagte "wir schaffen das" hatte sie die deutlicher Mehrheit der Bevölkerung, wie alle Umfragen zu dieser Zeit gezeigt haben, hinter sich. Hätte es zu diesem Zeitpunkt also eine Volksabstimmung gegeben, wäre das Ergebnis das gleiche gewesen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur einer der ***********, die später Gewalt gegen Flüchtlinge oder Asylantenheime ausgeübt haben, das nicht getan hätte, wenn es eben die entsprechende Volksbefragung gegeben hätte. Umgekehrt wäre es in der Schweiz auch voraussichtlich vermehrt zu entsprechenden Taten gekommen, wenn die Schweiz proportional so viele Flüchtlinge wie Deutschland aufgenommen hätte.


    Zitat

    Mit dem Minarettverbot können die hier ansässigen Muslime eigentlich ganz gut leben, wie mir scheint. Die Ausübung ihres Glaubens wir dadurch nun wirklich nicht drastisch eingeschränkt. Ich fand diese Entscheidung auch unschön aufgrund ihrer Symbolwirkung. Aber eine Tragödie ist es nun auch wieder nicht.


    Tragödie ist relativ. Traurig für eine moderne aufgeklärte Gesellschaft ist die Entscheidung aber in jedem Fall. Und das ist eine Entscheidung, die das Parlament anders getroffen hätte. Umgekehrt die aufgezählten positiven Beispiele, in denen die Volksbefragungen positive Ergebnisse gebracht haben, hätte das Parlament genau so beschlossen. (Zugegeben, mir ist die Mehrheit im Parlament zum jeweiligen Zeitpunkt dieser Entscheidungen nicht genau bekannt, aber ich gehe mal davon aus).


    Zitat

    Das hingegen kann man meiner Meinung nach so nicht stehen lassen. Das Schweizer Volk hat über die bilateralen Verträge mit der EU abgestimmt, über die Personenfreizügigkeit und deren Erweiterung auf die Oststaaten, auch über Schengen/Dublin.


    (Abgesehen davon, dass auch das Entscheidungen sind, die das Parlament wohl ebenso getroffen hätte:) Das ist soweit richtig und ich meinte auch nicht, dass es ausschließlich auf Entscheidungen des Parlaments zurückzuführen ist - natürlich spielen da auch eine Reihe von Volksabstimmungen eine Rolle. Vor allem war es auf den allgemeinen Wohlstand unabhängig von der Binnenwirtschaft bezogen. Die meisten politischen Entscheidungen, die zum Kapitalimport aus dem Ausland geführt haben und damit für die Grundlage des Wohlstands, wurden nicht in Volksabstimmungen getroffen.

  • Zitat

    Original geschrieben von casa:
    Das hingegen kann man meiner Meinung nach so nicht stehen lassen. Das Schweizer Volk hat über die bilateralen Verträge mit der EU abgestimmt, über die Personenfreizügigkeit und deren Erweiterung auf die Oststaaten, auch über Schengen/Dublin.


    Bei Volksentscheidungen ist es doch im Endeffekt GENAU wie bei Parlamentswahlen etc.
    DAS VOLK folgt irgendwelchen Politikern, die sagen:"Stimmt mit 'Ja'" oder "Stimmt mit 'Nein'". Das ist in der Schweiz nicht anders. Und dann wählt das Volk dies oder jenes, auf Empfehlung.Der einzige Unterschied ist, dass es über eine ganz bestimmte Sache abstimmt und nicht über ein Gesamtpaket.


    Aber hier wie da ist "das Volk" genauso von Politikern geleitet wie bei anderen Wahlen.
    Es sind Politiker, die die Plakate kleben lassen, Wahlbündnisse schmieden, diese oder jene Seite unterstützen und am Ende auch in den Talkshows sitzen.
    Gaaanz ganz selten gibt es mal sowas wie hier in Bayern das "Rauchverbot" oder sowas, aber das sind dann wirklich Sachen, wo man auch keine große Kompetenz braucht und deswegen der "Jedermann" als geeigneter Vertreter angesehen wird.
    Bei einem EU-Austritt mit 70 Freihandelsabkommen, die auf dem Spiel stehen, Kreditwürdigkeit bei Ratingagenturen, Hunderttausenden Arbeitnehmern im In- und Ausland, möglichen Unabhängigkeitsreferenden, weltwirtschaftlichen Verwerfungen etc. ist es wirklich nahezu schon wahnwitzig Leute darüber entscheiden zu lassen, die eben nicht das ganze Leben berufsmäßig mit solchen Entscheidungen zu tun haben. Es ist wirklich, als lasse man den Klemptner die Herztransplantationen durchführen.
    Da sagt bspw. die AfD, "wir sind noch nicht bereit zu regieren, das wäre unser Untergang bei dem ungeübtem Personal", ist aber für Volksentscheide (auch mit Blick auf den EU/Euro-Austritt). Das ist doch irre. Also sie selbst wollen keine Entscheidungen wegen mangelnder Erfahrung treffen, aber Herr Müller oder Maier sollen es machen?

  • Zum Brexit:


    Heute hat der Kanzler vom UK gesagt, sie würden den §50 erst ziehen, wenn sie wüssten, wie es mit den UK und der EU weitergeht. Die weigert sich aber, Gespräche vor dem offiziellen Austrittsgesuch zu führen.
    http://www.theguardian.com/pol…unch-talks-brexit-fallout


    Das ist jetzt schon Verhandlung. Also UK will am liebsten alles wie vorher, nur nichts zahlen und selbst über Freizügigkeit bestimmen. Und wenn sich die EU nicht bewegt, bleiben sie einfach drinnen und fügen der EU durch die Hängepartie Schaden durch Unsicherheit zu. Und sich selbst auch. Dazu kommt, dass sie auf längere Zeit, sollte die EU standfest bleiben, dann immer mehr als bisher schon den Volkswillen ignorieren, den sie versprochen haben zu befolgen.
    Jetzt wird sch zeigen, wer hier am längeren Hebel sitzt. Und das ist mMn die EU. Jetzt wird die EU beschwört, von den USA bis zu anderen Populisten, "sanft" mit GBR umzugehen. (??) Das geht jetzt so idiotisch weiter, bis die Brexit-Anhänger halt sagen: Augen zu und durch oder zur Einsicht kommen, dass es ganz gut wäre, doch nicht auszusteigen bzw. einfach drinnen zu bleiben, bis das Referendum vergessen ist.
    Ziemlich unverschämt. Vor allem, weil vorher die EU mit Hitler verglichen wurde etc. Und jetzt will man erst von Hitler wissen, ob er einen auch noch danach lieb hat, bevor man Hitler verlässt. Und genau sowas kommt dabei raus, wenn die Populisten ans Ruder geraten. Der Vorgeschmack darauf war das Referendum in Griechenland, das war auch schon peinlich, und jetzt setzen die englischen Populisten dem Ganzen die Krone auf. Und was zur Hölle soll ich von den 52% halten, die für die "Ideen" dieser Leute gestimmt haben?

  • Man kann das teilweise wirklich nur mit Staunen beobachten. Wenn man es nicht besser wüsste, dann könnte man zu dem Schluß kommen, dass bis auf Mr Farage alle in der Leave-Kampagne eine Mr Johnson-Haltung hatten und nur aus opportunistischen Denkzettel-Gründen dabei waren. Und Mr Farage sitzt derweil zufrieden in irgendeinem Landhaus, trägt einen Tweed-Anzug mit Ellenbogen-Aufnähern, schwenkt einen Cognac und krault seinen treuen Beagle Chamberlain.


    Auch die Erwartungen sind dann teilweise der Wahnsinn: Voller Zugang zum Wirtschaftsraum, aber bitte ohne Kohäsionsbeitrag oder gar Freizügigkeit! Natürlich darf man die Engländer jetzt nicht beleidigt waterboarden, aber die Idee jetzt Cherry-Picking betreiben zu dürfen sollte man sich direkt abschminken. Dass mag teilweise auch Verhandlungstaktik sein, aber dass geht gerade völlig auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Entweder hat man wirklich keine Strategie, oder die Strategie ist es sich selbst völlig zum Horst der politischen Welt zu machen und zu hoffen, dass man durch pure Dreistigkeit wahlweise noch ein gutes Paket bekommt oder das Thema noch abgewendet werden kann.

  • Das hast Du sehr schön und richtig zusammengefasst.
    John Oliver hat übrigens noch mal nachgelegt: https://www.youtube.com/watch?v=VEALC1z3QG8
    Das intelligenteste was UK jetzt machen kann, ist das alte Referendum aus irgendeinem fadenscheinigen Grund für ungültig erklären und nochmal neu abhalten, oder aus irgendeinem anderen Grund das Referendum doch nicht umsetzen.
    Und Cameron denkt sich wohl auch "Ich hab mich elendig blamiert, aber für das was jetzt kommt will ich nicht auch noch verantwortlich sein". Egal wer da jetzt das Sagen kriegt, wird da doch geteert und gefedert.

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