A N Z E I G E

Nachrichten und Diskussionen zum Thema Medien

  • Wie wir alle wissen, wurde der Begriff "Lügenpresse" vor kurzem zum Unwort des Jahres gewählt. Gleichzeitig wurde auch der Begriff mit der Pegida-Bewegung in Zusammenhang gebracht, da dort viele Demonstranten unseren Medien "Lügen" und eine einseitige Berichterstattung vorwarfen.


    Vor kurzem bin ich über einen interessenten Mitschnitt der Sendung ZAPP auf YouTube gestoßen. In der Sendung vom 07.01.2015 wurde ein repräsentative Umfrage zur Glaubwürdigkeit unserer Medien veröffentlicht. Das Ergebnis: 69% der Bürger haben nur noch geringes oder gar kein Vertrauen mehr zu den Meldungen aus unserer Leitpresse.


    https://www.youtube.com/watch?v=HbHhPY_LEmU


    Von daher würde es mich interessieren, wie groß noch euer Vertrauen in die deutschen Leitmedien ist?


    Ich will auch gleich mit meiner persönlichen Meinung beginngen: Ich habe das Vertrauen in unsere Leitmedien schon lange verloren. Sicher ist der Begriff "Lügenpresse" nicht richtig, aber von einer objektiven Presse kann bei bestimmten Themen schon lange keine Rede mehr sein.


    Ob bei der Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt, Veröffentlichgung von staatlichen Statistiken wie den Arbeitslosenzahlen oder dem Armutsbericht. Ich glaube immer weniger an solche Veröffentlichungen. Auch beim Thema "Eurokrise" bin ich sehr skeptisch, wenn sich bekannte Ökonomen wie beispielsweise ein Professor Sinn äußern.


    Im Netz gibt es zum Großteil andere Informationen. Natürlich muss man sehr auf der Hut sein, keinem Verschwörungstheretiker auf dem Leim zu gehen. Aber es gibt auch viele vernünftige Quelle, die oft andere Infos und andere Bilder liefern, die in den Leitmedien oft garnicht vorkommen.


    Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich war Pegida-Kritiker und konnte mit den Demonstrationen nichts anfangen. Aber bei der Kritik an unseren Medien kann ich Pegida zum Teil zustimmen.


    Wie steht ihr also zur Glaubwürdigkeit unserer Leitmedien? Reicht euch die Berichterstattung der Tagesschau, oder versucht ihr euch, selbst eine Übersicht über aktuelle Themen zu geben?

    Alles was einen Anfang hat, hat auch ein Ende.

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  • A N Z E I G E
  • Das ist ein heikles Thema. Erstmal müsste man definieren, was denn nun die "deutschen Leitmedien" sind? ARD und ZDF? Oder auch große Zeitungen? Sind BILD, FAZ und TAZ auch "Leitmedien", obwohl sie alle unterschiedlicher nicht sein könnten? Das ist erstmal ein Problem, dass man klären müsste. Und dann muss man weiter auf die Inhalte gucken. Wie werden diese präsentiert? Objektivität wäre sicherlich wünschenswert, aber wenn wir mal ehrlich sind, gibt es doch keine wirklich objektiven Medien. Jede Zeitung usw. hat eine gewisse Zielgruppe, die sie ansprechen möchte und das macht sie auch deutlich. Die BILD will Geringverdiener und den "kleinen Mann", die TAZ sammelt ihre Leser im linken Spektrum und die FAZ ist quasi die Zeitung der gut verdienenden Menschen. Dabei werden heikle Sachen wie Mindstlohn, Wahlen in Griechenland usw.. natürlich unterschiedlich gedeutet und präsentiert, um sich auch von den anderen Zeitungen abzusetzen.


    Das ganze kann man nun auch auf ARD und ZDF übertragen. Auch hier kann es keine wirklich objektiven Nachrichten geben, da man zum einen nur 15 Minuten Zeit in der Tagesschau hat und vieles runterbrechen muss und zum anderen, weil Politiker in den Gremien sitzen und natürlich auch mitbestimmen, was man senden soll und nicht. Problematisch ist dabei jedoch, dass wir dafür Gebühren zahlen müssen, woraus die öffentlich-rechtlichen den Anspruch ableiten, die "besten" Nachrichten zu haben. Aus dieser Perspektive kann ich die Kritik schon verstehen, denn gezielte politische Einflussnahme ist hier möglich, was man in den letzten Jahren ja auch immer wieder gesehen hat (Nikolaus Brender). Von daher halte ich es für wichtiger, über eine Änderung oder Abschaffung der GEZ zu sprechen, damit wir quasi nicht mehr für diese Art von Medien bezahlen und andere benachteiligt werden. Denn einen wirklich großen Unterschied zwischen der Tagesschau, RTL aktuell, Sat1-Nachrichten usw. erkenne ich nicht mehr. Gute und informative Dokus gibt es auch auf privaten Sendern.


    Inhaltich sehe ich aber nur Probleme mit den Nachrichten über ausländische Krisengebiete, innenpolitisch sehe ich eigentlich selten Probleme in den Berichten, da kriegt doch fast jede Partei ihr Fett weg bzw. es wird über sie berichtet. Ein wenig mehr Kritik an der westlichen Welt wäre natürlich wünschenswert, aber dafür gibt es dann ja andere Medien, über die man sich informieren kann. Denn, wenn man nur aus einer Quelle seine Informationen bezieht, darf man sich über einseitige Berichterstattung nicht wundern. Man sollte möglichst viele Quellen zum Vergleich haben und immer mal gucken, wie andere Medien darüber berichten. Ich wechsel meine Medien daher Tag für Tag ab und versuche so, einen möglichst neutralen Überblick zu gewinnen.

    Mein erster Blog: Videospielhistoriker - Geschichte in Videospielen. // CyBull TV - Der Darts-Channel


    The Signature of bdbjorn: Drechslerrr (4.4.2017), Selfmade (19.4.2017), Skyclad (22.05.2017), J-Man (21.08.2017), ...

  • In Bezug auf das Internet prangere ich "Zensur" von den Betreibern der Newsseiten stark an. Sobald es brisante wie aktuelle Themen wie Pegida, Zuwanderung, Folter etc. sind sämtliche Kommentarfunktionen deaktiviert. Dies fällt besonders auf stark besuchten Seiten wie BILD.de, t-online.de auf. Natürlich gibt es genug Lappen, die die Anonymität des Internet für sich nutzen um ihren Quatsch zu posten. Mit Zensuren verhindert man aber im Vorfeld einen kritischen Diskurs. So kann ich es total verstehen, dass sich die Menschen dann nicht ernstgenommen fühlen.

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  • Ich empfinde die "Zensur" (die keine ist) ja als positiv. Die Kommentarfunktion im Internet bleibt für mich das beste Argument für Printausgaben. Aber das kann man natürlich auch anders sehen.

    "Heute sehen wir noch viel klarer, daß Privateigentum an Produktionsmitteln und Marktfreiheit zu einer immer größeren Ungleichheit führten, welche die Freiheit der großen Zahl gegenüber der Freiheit kleiner Gruppen unerträglich einschränkt."
    - Karl-Hermann Flach (1971)

  • Das Internet ist für den Journalismus Segen und Fluch zugleich.


    Ein Segen weil sie sich über Länder, Völker, Ereignisse usw. weitaus mehr informieren können, als vor der Internetzeit. Damals mussten sie unbedingt in die betroffenen Länder reisen um sich eine Meinung für einen Artikel oder eine Reportage zu bilden. Und genau darin liegt wieder der Fluch des Internets. Weil sich eben halt mittlerweile immer mehr Journalisten der "Qualitätsmedien" weigern, sich ein Bild von der Lage vor Ort zu machen!


    Das hat Peter Scholl-Latour ja auch immer wieder kritisiert, das die meisten Journalisten sich nur noch über das Internet ihre Meinung bilden. Dies aber eine Recherche vor Ort nie ersetzen kann! Er hat auch in einem seiner letzten Bücher (Arabiens Stunde der Wahrheit) von einer Begegnung mit einem bekannten Journalisten (Name wurde nicht genannt) gesprochen, der ihm ganz klar gesagt hatte, das er nur noch über das Internet seine Infos bezieht und doch nicht durch die Welt reist, nur um eventuell seine Meinung ändern zu müssen!


    So denken sicher nicht alle Journalisten aber das die Bequemlichkeit und die selbstherrliche Arroganz in dieser Gilde zunimmt, steht für mich absolut außer Frage!


    Mein Vertrauen in die großen und bekannten Medien hält sich arg in Grenzen.

  • Wenn ISIS Journalisten der Kopf abhackt, in der Ukraine OECD-Beobachter als Geiseln genommen werden, wenn in der Türkei (nur als "zivilisiertestes" Beispiel) und unzähligen anderen Ländern Meinungsfreiheit beschnitten wird und in vielen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion Journalisten getötet werden, braucht man sich nicht wundern, wenn wenige da vor Ort sein wollen.


    Und wenn wir alle über das Smartphone oder über den PC immer und überall Nachrichten für lau haben wollen und gerne den AddBlocker benutzen, dann brauchen wir uns auch nicht zu wundern, wenn weniger Geld da ist, um qualitativ hochwertige Reportagen zu machen. Die kosten nämlich Geld. Deswegen sind weiterhin die besten Reportagen von den ÖR oder BBC etc. Dass da manchmal auch eine politische Agenda dahintersteht, ist auch nicht neu.


    Beispiel Auschwitz: Es gibt ja jetzt diesen Film "Night Will Fall" in der ARD-Mediathek (ab 20:00 Uhr aus Jugendschutz-Gründen), der wurde nach dem Krieg, obwohl als "Lehrfilm" für die Deutschen gemacht, nicht ausgestrahlt, weil man die Deutschen nicht an den Pranger stellen wollte und sie als "Bollwerk gegen den Bolschewismus" brauchte. Da wurde mal die Entscheidung getroffen, eins, wenn nicht das größte Verbrechen der Zivilisation quasi unter den Tisch fallen zu lassen, aus politischen Gründen. Ich glaube kaum, dass das heute noch möglich wäre.


    Zur Kommentar-Funktion, die manchmal ausgeschaltet ist:
    Früher gab's nur Leserbriefe, die von der Redaktion ausgewählt wurden, jetzt ist es schon ein Einschnitt der Meinungsfreiheit, wenn man nicht überall jeden Artikel kommentieren darf. Im Endeffekt darf doch jeder seinen Senf dazugeben, ob in Foren oder beim selben Artikel auf einer anderen Seite, und ähnlich wie Berhard Black schon schreibt, das ist ja meist kein Segen.

  • Die Berichterstattung in Zusammenhang mir dem Ukrainekonflikt von sämtlichen großen Medien wie ARD, BILD, Spiegel und Co. war meiner Meinung nach nichts anderes als Anti-Russland-Propaganda. Keine ausgewogene Berichtersattung und nahezu keine NATO-kritischen Artikel, teilweise sogar Fälschungen.

  • Zitat

    Original geschrieben von Hijo:
    Und wenn wir alle über das Smartphone oder über den PC immer und überall Nachrichten für lau haben wollen und gerne den AddBlocker benutzen, dann brauchen wir uns auch nicht zu wundern, wenn weniger Geld da ist, um qualitativ hochwertige Reportagen zu machen. Die kosten nämlich Geld. Deswegen sind weiterhin die besten Reportagen von den ÖR oder BBC etc. Dass da manchmal auch eine politische Agenda dahintersteht, ist auch nicht neu.


    ARD und ZDF können uns mit ihren Milliarden nicht richtig informieren, oder wie meinst du das?


    Interessante Reportagen und gute Interviews werden gegen 0.00 Uhr gesendet oder auf Spartenkanälen, damit ja nicht um 20:15 Uhr mal kein Quiz mit Jörg Pilawa ausgestrahlt wird.


    Also für die 16 Euro GEZ-Gebühr darf ich als Zahler auch ne höhere Qualität an Journalismus erwarten.


    Ansonsten kaufe ich mir Fachbücher, weil mir die Infos aus der Presse viel zu oberflächlich sind. Vier Seiten kann man schneller zusammenschreiben, als 400 Seiten.


    Also guter Journalismus und recherchierte Informationen sind mir schon ein Geld wert. Für Lau kriegt man halt Artikel über Justin Bieber, wenn man auf die Seite von seinem E-Mail-Account geht. Aber solche News sind ja auch garnichts wert.


    Also für schlecht abgeschriebene dpa-Meldungen und für Kommentare wie "Warum haben die Griechen kein Wirtschaftswachstum, obwohl sie sparen" gebe ich kein Geld aus. Sorry ...

  • Zitat

    Original geschrieben von Fenrax:
    Die Berichterstattung in Zusammenhang mir dem Ukrainekonflikt von sämtlichen großen Medien wie ARD, BILD, Spiegel und Co. war meiner Meinung nach nichts anderes als Anti-Russland-Propaganda. Keine ausgewogene Berichtersattung und nahezu keine NATO-kritischen Artikel, teilweise sogar Fälschungen.

    Das war tatsächlich kein Ruhmesblatt in den ersten Tagen. Hat schon eine Woche circa gedauert, bis auch gesagt wurde, dass da Faschisten plötzlich mit an der Macht sind. Man erinnere sich noch an das Video, als der eine Typ (Informationsminister oder so) in der Ukraine in die Redaktion von einem Journalisten ging und ihn zusammenschlug, weil er Anti-ukrainisch berichtet haben soll...

    Zitat

    Original geschrieben von Rolf Miller:
    ARD und ZDF können uns mit ihren Milliarden nicht richtig informieren, oder wie meinst du das?

    Ich sehe die Qualität nicht so schlecht, es gibt Ausrutscher, die natürlich heutzutage sofort kritisiert werden, eine Minute nach der Ausstrahlung, und deswegen der Eindruck erweckt wird, man habe es mit Stümpern zu tun.
    Dass die besten Sachen oft nachts laufen, ist natürlich ein Ärgernis, aber ja auch schon seit Ewigkeiten Kritikpunkt.

    Zitat

    Original geschrieben von Rolf Miller:
    Also für die 16 Euro GEZ-Gebühr darf ich als Zahler auch ne höhere Qualität an Journalismus erwarten.

    Die Mehrheit scheint für 16 Euro eben Jörg Pilawa zu erwarten ^^ Kannst ja Phoenix, ZDF Info oder Arte gucken, da bleibst du von ihm verschont.
    Wer hat nochmal die beste Einschaltquote? Dschungelcamp? Da gibt es bestimmt ne Menge Leute, die sich beschweren, warum so ein Knaller nicht auf den ÖR's läuft, obwohl sie ja bezahlen und eigentlich solch beste Unterhaltung für ihre Euronen erwarten dürften.


    Finde übrigens, im Titel dürfte "Lügenpresse" gerne in Anführungszeichen stehen.
    Vor allem, wenn die Neuentdecker des Wortes sich jetzt selber aufspalten, und eben die böse Lügenpresse scheinbar vor ihnen gemerkt hat, was Sache bei ihnen im Vorstand ist.

  • Zitat

    Original geschrieben von Hijo:
    Finde übrigens, im Titel dürfte "Lügenpresse" gerne in Anführungszeichen stehen.
    Vor allem, wenn die Neuentdecker des Wortes sich jetzt selber aufspalten, und eben die böse Lügenpresse scheinbar vor ihnen gemerkt hat, was Sache bei ihnen im Vorstand ist.


    Hab den Titel für dich mal geändert. Hoffe, es gefällt dir so besser ;)


    Ansonsten finde ich, hat die Kritik an unserer Presse mit Pegida wenig zu tun. Wenn in der Umfrage 69% unsere Medien kritisch sehen, hätten wir sonst auch eine ähnlich hohe Zustimmung bei Pegida. Hatten wir aber nicht. Solltest du auch berücksichtigen ...

  • Traue keiner Statistik die du nicht selbst gefälscht hast :)


    Deine 69% kann man so oder so sehen. Wenn ich mir die "Nachrichten" mal bei Pro Sieben anschaue, dann bin ich der Erste der zustimmt, dass das ja wohl alles ist nur kein Journalismus und erst recht nicht objektiv.


    Aber auch was versteht man genau unter Leitmedien? Bei den Printmedien hatte man schon immer Zeitungen die für eine bestimmte Lesergruppe bestimmt waren, daher die WAZ für die SPD-Wähler und die Rheinische Pest, ähm Rheinische Post als Kirchenblättchen für die CDU-Wähler. Daher hatte man dort auch nie die Erwartungen das es objektiv gestaltet ist.


    Und natürlich werden die Themen immer nur kurz angekratzt und ein Fachbuch ist immer besser. War aber auch schon immer so und wird auch immer so sein. Wüsste auch nicht wieso sowas geändert werden sollte.


    Und allgemein "Lügenpresse" ist vollkommen zu Recht Unwort des Jahres geworden und ich verstehe immer noch nicht wieso das in letzter Zeit so häufig gebraucht wird, denn ich sehe bei der breiten Berichterstattung keine große Veränderung gegenüber der letzten 20 Jahre.

  • Ich glaube nicht, dass diese Umfrage die Realität widerspiegelt. Erstmal ist die Aussage für sich zu offen. Das fängt mit der Frage an, die Björn hier schon gestellt hat: Wer sind denn überhaupt die Leitmedien? Jemand der ein hohes Vertrauen in die Berichterstattung der FAZ oder SZ hat, wird nicht zwingend das gleiche Maß an Vertrauen in die Berichterstattung der Bild-Zeitung haben.


    Daneben ist es eine Frage der selektiven Wahrnehmung. Mit der Frage konfrontiert, denke ich automatisch eher an Beispiele, in denen ich misstraut habe. Und diese Fälle bleiben auch mehr im Gedächtnis haften. Auch wenn ich am Ende an 99 von 100 Meldungen in der Zeitung nicht im geringsten zweifle, ist es am Ende die eine Meldung, die heraussticht.


    Ich schätze demgegenüber das Vertrauen in die meisten großen Medien weiterhin im Schnitt als sehr hoch ein. Die meisten, die hier angeben, kaum Vertrauen zu haben, werden sich in der Realität dennoch an den Leitmedien orientieren. Das sind sicherlich keine 69% die Stammkunden beim Kopp-Verlag sind. Vielmehr werden die meisten dieser Leute dennoch in den häufigen Szenarien, wo sich Neuigkeiten zunächst über unbekannte Quellen, soziale Netzwerke, etc. verbreiten, skeptisch abwarten, bis eine renommierte Zeitung das gleiche meldet. Und dann denkt man sich doch: Okay, jetzt meldet es auch der Spiegel, jetzt meldet es auch die SZ, jetzt kann man davon ausgehen, dass es stimmt. Das passiert vor allem auch unterbewusst. Und die wenigsten, die eine Meldung einer Zeitung lesen, die sie inhaltlich für plausibel halten, werden denken: Hm, Süddeutsche Zeitung, ich weiß ja nicht, ob ich das glauben kann. Dieses Grundvertrauen gibt es m.E. weiterhin.


    Es ist ja auch etwas, was durch das Internet wichtig wird. Jeder kann jederzeit alles im Netz veröffentlichen. Und durch die Vielzahl an Veröffentlichungen, hat man es auch mit einer Vielzahl an Quellen zu tun, die einem persönlich unbekannt sind. Da ist es umso wichtiger, bekannte und vertrauenswürdige Quellen zu haben. Und da hat sich die Funktion der Leitmedien als solche sogar noch weiter verstärkt.


    Die Vielzahl der Quellen, v.a. auch Vielzahl an unseriösen Quellen, führt aber auch dazu, dass man, wenn man lange genug sucht, auch genau das finden wird, was man lesen will. Das war im Prinzip schon immer so. Als politisch links stehender Leser werde ich schon früher eher die TAZ gekauft haben, weil dort eher das stand, was ich lesen will als in der Welt. Das meiste zwischen TAZ und Welt spielt sich aber dennoch in einem seriösen Feld der Wirklichkeit ab. Früher war es entsprechend so, dass, wenn ich der Berichterstattung einer Zeitung misstraute, ich mir eben noch eine andere Zeitung kaufte. Wenn ich aber dann die Fakten aus der Welt, die ich anzweifelte, in der TAZ bestätigt fand, musste ich mich damit abfinden und mir sagen: Gut, dann scheint es wohl tatsächlich so zu sein. Im Internet muss ich das nicht mehr und werde etwas finden, was meinen ursprünglichen Zweifel bestätigt.


    Ein weiterer Punkt, den das Internet hervorgebracht hat, ist die Erwartungshaltung. Das eine ist sicher die Erwartung kostenlos mit den besten Informationen versorgt zu werden. Definitiv ein großes Problem, das größere ist aber die erwartete Geschwindigkeit. Viele erwarten von den Qualitätsmedien, dass sie spätestens 30 Minuten nachdem etwas passiert ist, genau wissen, was passiert ist und am besten noch alle Hintergründe gleich mitliefern. Früher hatte man, wenn etwas morgens passiert ist, noch einen ganzen Arbeitstag Zeit für ausführliche Recherche, um am nächsten Tag das liefern zu können, was wir heute innerhalb von Minuten erwarten. Teilweise bleibt da auch gar keine Zeit mehr für große eigene Recherche und viele übernehmen einfach die Agenturmeldungen, die bereits vorher seitens der Agenturen im Wettbewerb unter Zeitdruck erstellt wurden.


    Nun könnte man natürlich sagen: Selbst Schuld, wenn sich die Qualitätsmedien auf Kosten der Qualität diesem Zeitdruck unterwerfen. In der Theorie lässt sich da auch problemlos argumentieren, dass die großen Zeitungen weiter auf Qualität statt Schnelligkeit setzen sollten und sich damit am Markt positionieren. Dann muss ich eben auf die Artikel der großen Zeitungen einige Stunden oder sogar Tage warten, kriege dann aber einen sauber recherchierten Artikel. Aber m.E. funktioniert das in der Praxis so einfach nicht mehr. Das geht an der Erwartungshaltung des Markts vorbei, der natürlich Schnelligkeit und hohe Qualität will, aber im Zweifelsfall Schnelligkeit vorzieht. Die großen Leitmedien können es sich heute nicht mehr leisten, die Aktualität im Internet anderen zu überlassen. Denn dann werden die Leute eben dort lesen, wo die Aktualität geboten wird und einen großen Marktanteil verlieren - letztlich damit Geld verlieren, dass sie für die Qualität brauchen. Und man wird ihnen sagen: Selbst schuld, ihr habt die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Ihr könnt im Internet nicht Nachrichten Stunden und Tage später erst bringen. Die Erwartungshaltung der Internetnutzer zwingt die Qualitätsmedien zu einem Spagat zwischen Qualität und Schnelligkeit, der einfach nicht immer - und ohne Abstriche gar nicht - gelingen kann.



    Im Einzelfall muss man sich außerdem anschauen, was hinter dem Misstrauen der Leute steckt. Das kann mitunter banales sein, gegen das man in der Berichterstattung gar nicht viel tun kann. Hinter der Skepsis in der Ukraine-Berichterstattung steckt bei vielen auch ein in Deutschland mittlerweile weit verbreiterer Antiamerikanismus, eine angenehme Form des Rassismus, der gesellschaftlich viel akzeptierter ist als anderer und ja ohnehin Mächtige und keine Minderheit trifft. Wenn es nun einen Bruch des Völkerrechts seitens Russlands gibt, dann muss ich das im Journalismus auch so benennen, auch wenn dann viele mit "aber die Amis" reagieren. Es wurde in den deutschen Medien auch höchstkritisch über den Krieg der Amerikaner im Irak berichtet, ohne dass Parallelen zum Tschetschenienkrieg eingefordert wurden. Ich will damit überhaupt nicht behaupten, dass es nicht teilweise eine Parteinahme einiger Medien in der Ukrainekrise gab und somit einen wahren Kern hinter der Kritik. Nur darf man darüber nicht vergessen, dass bei einer Vielzahl von Pegida-Demonstranten und Konsorten Motive hinter dieser Kritik stehen, die mit dem wahren Kern nichts mehr zu tun haben.


    Ein weiterer Punkt, der in vielen dieser Fälle eine Rolle spielt, ist die Komplexität der zugrundeliegenden Ereignisse. Das wird bei der Eurokrise deutlich. Die große Mehrheit kann diese ganzen hochkomplexen volkswirtschaftlichen Zusammenhänge gar nicht verstehen oder will sich nicht ausreichend tief damit auseinandersetzen. Der leichtere Weg, wenn ich etwas instiktiv ablehne, aber nicht verstehe, ist es zu sagen: Niemand vertritt da meine Meinung, die sind doch alle gleichgeschaltet. Das ist im konkreten Einzelfall noch nicht einmal eine reines Problem der Medien, sondern auch eines der Politik, das ja auch das Aufkommen der AfD ermöglicht hat. Auch die etablierten Parteien haben dabei ja längst erkannt, dass sie es nicht geschafft haben, das Problem ausreichend verständlich zu machen.


    Genau das zwingt die Medien aber letztlich erneut in einen kaum schaffbaren Spagat. Sie müssen simplifizieren. Damit macht man sich wiederum angreifbar, umso mehr, umso weniger solche Sachverhalte wie die Eurokrise simplifizierbar sind. Auch in diesem Beispiel ist es wiederum auch eine Frage der Wahrnehmung. So gab es in Bezug auf die Eurokrise eine sehr breite Behandlung in den Medien und eine durchaus kritische. Gerade etwa z.B. zur aufgezwungenen Sparpolitik gab es auch in den großen Medien ein Vielzahl an kritischen Stimmen. Jetzt zur Wahl in Griechenland gab es in den Medien eine sehr differenzierte Betrachtung mit unterschiedlichem Meinungsspektrum. Aber man muss das natürlich auch erkennen können und nicht nur weil sich alles in diesem komplexen Rahmen abspielt und ich nirgends außer in der Bildzeitung ein "raus mit den faulen Griechen" lese, von einem einheitlichen oder gar gleichgeschalteten Meinungsspektrum ausgehen.


    Man muss also insgesamt unterscheiden, in welchen Fällen die Kritik an den Leitmedien tatsächlich fundiert ist und an welcher Stelle sie auf festgefahrenen Meinungen, Ressentiments und mangelndem Verständnis beruht. Die deutliche Mehrheit dürfte in die zweite Gruppe fallen.



    Generell sind die Leitmedien (abgesehen von der Bild und weniger, stärker politisch motivierten Zeitungen) weiterhin sehr vertrauenswürdig. Und der Großteil vertraut ihnen auch in den meisten Fällen weiterhin. Das schließt ein kritisches Lesen und ein Hinterfragen von Berichterstattung nicht aus. Vertrauen heißt nicht blind alles glauben. Im Gegenteil muss man hinterfragen, aber dabei in beide Richtungen offen sein. Hinterfragen muss man aber vor allem auch die Erwartungshaltung gegenüber den Leitmedien. Eine minutenschnelle, gründlich recherchierte Berichtererstattung, die eine tiefe Hintergrundbeschreibung liefert, die für jeden beim Querlesen leicht verständlich ist, kann es nicht geben. Die Medien müssen auch erst noch lernen, den Spagat, den man ihnen in vielerlei Hinsicht abverlangt zu schaffen und gute Kompromisse zu finden. Genau so wie einfach viele Leute die Medienkompetenz in diesem gesteigerten Maß, das die gefühlt endlose Informationsflut des Internets mit sich bringt, noch erlernen müssen. Aber gerade in dieser Informationsflut erfüllen die Leitmedien weiterhin einen sehr wichtigen Zweck als Fels in der Brandung, den die meisten auch weiterhin, und sei es unterbewusst, so wahrnehmen.

  • Gestern drang in Hilversum (Niederlande) ein bewaffneter Student in ein TV-Studio ein und verlangte Sendezeit. Er behauptete, Mitglied einer Hackergruppe zu sein und "Weltnews" zu haben. (Posting dazu ).
    Auf YouTube ist ein Video aufgetaucht, scheinbar von Anonymus, das direkten Bezug auf diese Aktion nimmt. Darin werden die TV-Leitmedien der Niederlande angeklagt, Lügen zu verbreiten, zu USA-freundlich zu berichten und zu wenig kritische Fragen zu stellen.
    Link zum Anonymus-Video (Englisch mit niederländischen Untertiteln)


    Das Phänomen ist kein rein deutsches.

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