A N Z E I G E

Patriotismus & Co.

  • Die Ereignisse im heutigen Tennis-Thread (eine französische Spielerin stand im Finale gegen "eine von uns", sprich eine Deutsche, und wurde massiv angefeindet) haben dazu geführt, dass ich mir mal wieder so einige Gedanken über Patriotismus, Nationalismus und ähnliche Phänomene gemacht habe.


    Ich habe zum Beispiel immer das Gefühl, dass einige Deutsche ihren Patriotismus im Allgemeinen nicht ausleben zu können glauben, sich dann aber auf den Sport konzentrieren. Dann kommen gerne mal Aussagen wie "wie kann man denn nicht für ein deutsches Team sein?" oder "man muss doch für Verein A sein".
    Interessanterweise gilt dies nicht für jeden Sport, wie man an den Reaktionen auf Vettel gut erkennen kann ...


    Eine weitere deutsche Eigenart dürfte sein, dass Menschen mit deutschem Pass und perfekten Deutschkenntnissen trotzdem als Türken und nicht als Deutsche gelten ... und ich dürfte nicht der einzige sein, der schon einen Spruch der Marke "Podolski ist ja eigentlich kein Deutscher, eigentlich sollte er nicht für unsere Nationalmannschaft spielen"
    gehört hat.


    Hier in England (aber auch in Frankreich oder in den USA) ist Patriotismus hingegen wesentlich salonfähiger und viel weiter verbreitet. Andererseits werden Minderheiten zumindest in England einfacher integriert (kaum jemand würde auf die Idee kommen, einen dunkelhäutigen Mensch mit Oxford-Englisch als Inder zu bezeichnen ...).


    Nun meine Fragen:
    Seid ihr der Meinung, dass Patriotismus gut ist?
    Was bedeutet euch euer Land?
    Kann man wirklich "stolz" auf "sein" Land sein?
    Und wo zieht man die Grenze zwischen Patriotismus und Nationalismus?
    Und drückt sich deutscher Patriotismus anders aus als beispielsweise der französische?


    Meine persönliche Meinung zu diesen Fragen werde ich später schreiben. Mich interessiert erst mal, wie ihr diese Fragen seht.

  • A N Z E I G E
  • Stolz auf etwas, was reiner Zufall ist, kann man meiner Meinung nach nicht wirklich sein. Man kann froh sein, dass man zufällig da geboren wurde, aber stolz sollte man eher sein, wenn man selbst etwas erreicht hat, oder auf Menschen die etwas erreicht haben usw.. jedoch find ich es komisch auf etwas stolz zu sein, was man gar nicht selber gewählt hat bzw nicht dazu beigetragen hat.


    Das beim Sport ist auch so ne Sache, wenn ich ein Team oder einen Sportler nicht mag, dann halte ich auch nicht zu ihm, egal wieviel Punkte in irgendwelchen Wertungen das für mein Land bringt.


    Patriotismus wird zum Teil auch missbraucht, wenn Patirotismus zB zur Nationalmannschaft halten oder die Wirtschaft fördern indem man Produkte aus dem eigenen Land vorzieht bedeutet, dann find ich das ok. Mann muss aber aufpassen, denn aus Patriotsmus kann sich schnell Nationalismus entwickeln. Wo man die Grenze zieht, ist jedoch ne gute Frage...
    Solange alles im Rahmen bleibt und man "fremdes" respektiert und das "eigene" nicht über andere stellt, sollte denk ich alles ok sein

  • Zitat

    Original geschrieben von armin00:
    Stolz auf etwas, was reiner Zufall ist, kann man meiner Meinung nach nicht wirklich sein. Man kann froh sein, dass man zufällig da geboren wurde, aber stolz sollte man eher sein, wenn man selbst etwas erreicht hat, oder auf Menschen die etwas erreicht haben usw.. jedoch find ich es komisch auf etwas stolz zu sein, was man gar nicht selber gewählt hat bzw nicht dazu beigetragen hat.

    Naja, ein bißchen ist das ja schon ein Widerspruch in sich, bzw. schließt sich ja nicht gegenseitig aus.
    Wenn man auf Menschen stolz sein kann die etwas erreicht haben, dann kann man schließlich auch auf seine Landsleute stolz sein die etwas erreicht haben - egal ob Zeitgenossen oder längst verstorbene - und somit dann letztendlich auch auf sein Heimatland.
    Und natürlich hat man was dazu beigetragen, genauer gesagt, tut man das sogar tagtäglich.

  • Zitat

    Original geschrieben von Skyclad:
    Seid ihr der Meinung, dass Patriotismus gut ist?


    Definitiv ja. Wenn man dadurch einen Ansporn gewinnt, für sein Land erfolgreich zu sein (sei es jetzt im Sport oder sonstwo) oder irgendwie anders einen positiven Nutzen zieht, dann kann Patriotismus schon gutheißen.


    Zitat

    Original geschrieben von Skyclad:
    Was bedeutet euch euer Land?


    Es ist das Land, indem ich nahezu mein ganzes Leben verbracht habe und zudem ich im Laufe meines Lebens zahlreiche Bezüge entwickelt habe. Mögen es positive sein, mögen es negative sein. Ich kann für mich aber nur sagen, dass ich mich voll mit Deutschland identifizieren kann und es mir sehr viel bedeutet. Das heißt aber nicht, dass ich zu 100% hinter allem stehe, was der Staat macht.


    Zitat

    Original geschrieben von Skyclad:
    Kann man wirklich "stolz" auf "sein" Land sein?


    Auf jeden Fall, wenn irgendein Repräsentant etwas erreicht hat, kann man sich als "Mitdeutscher" schon darüber freuen. Natürlich muss man auch die Gegenseite beachten und sagen, dass man sich genauso für sein Land schämen kann.


    Zitat

    Original geschrieben von Skyclad:
    Und wo zieht man die Grenze zwischen Patriotismus und Nationalismus?


    Patriotismus ist ja nur das Gutheißen des eigenen Staates, ohne generell andere abzuwerten. Beim Nationalismus wird der eigene Staat auf allen Ebenen auf die oberste Stufe gesetzt, wohingegen andere Nationen per se für niedriger eingestuft werden. Zudem ist Patriotismus ja auch meistens zeitlich bedingt, während der Nationalismus eine dauerhafte Eigenschaft ist.


    Zitat

    Original geschrieben von Skyclad:
    Und drückt sich deutscher Patriotismus anders aus als beispielsweise der französische?


    Eigentlich nicht, beim Patriotismus verhält man sich ja nur euphorisch gegenüber seinem eigenen Staat und da dürfte es kaum Unterschiede geben. Anders sieht es beim Nationalismus aus, der dürfte in Frankreich ja wesentlich ausgeprägter sein, als bei uns, wenn dort die Front National auf "Bundesebene" 20% kriegt.


    Zitat

    Original geschrieben von Skyclad:
    Eine weitere deutsche Eigenart dürfte sein, dass Menschen mit deutschem Pass und perfekten Deutschkenntnissen trotzdem als Türken und nicht als Deutsche gelten ... und ich dürfte nicht der einzige sein, der schon einen Spruch der Marke "Podolski ist ja eigentlich kein Deutscher, eigentlich sollte er nicht für unsere Nationalmannschaft spielen"gehört hat.


    Wobei das ja weniger etwas mit Patriotismus zu tun hat, sondern eher mit "deutschen Klischees" beschrieben werden kann. Solche Klischees kann man bei jeder Nationin gewissem Maße bilden, die Schweizer hassen den Islam, die Franzosen Schwule usw.


    Zitat

    Original geschrieben von Skyclad:
    Die Ereignisse im heutigen Tennis-Thread (eine französische Spielerin stand im Finale gegen "eine von uns", sprich eine Deutsche, und wurde massiv angefeindet) haben dazu geführt, dass ich mir mal wieder so einige Gedanken über Patriotismus, Nationalismus und ähnliche Phänomene gemacht habe.


    Das finde ich ein wenig aus der Luft gegriffen, bei anderen Partien werden die Gegner ja auch nicht angefeindet, weil sie gegen einen Deutschen spielen. Bei Haas' Niederlage hat ja auch keiner über Djokovic geflamt, weil er gerade einen Deutschen besiegt hat. Hier war es eher der Faktor, dass es ein so wichtiges Spiel war und das die meisten da wohl relativ angespannt sind. Da würde ich jetzt kein allgemeines Urteil fällen.


    Zitat

    Original geschrieben von Skyclad:
    Hier in England (aber auch in Frankreich oder in den USA) ist Patriotismus hingegen wesentlich salonfähiger und viel weiter verbreitet. Andererseits werden Minderheiten zumindest in England einfacher integriert (kaum jemand würde auf die Idee kommen, einen dunkelhäutigen Mensch mit Oxford-Englisch als Inder zu bezeichnen ...).


    Das dürfte aber auch von der Integrationsgeschichte der einzelnen Nationen abhängen. Frankreich und England sind als ehemalige Kolnialmächte quasi schon seit mehreren Jahrhunderten mit dem Thema Integration beschäftigt gewesen und daher wohl auch offener. Die USA sind ja quasi aus Integration entstanden. Bei uns ist Integration relativ neu und daher muss man sich erstmal daran gewöhnen. Zudem bezieht sich das Integrationsproblem ja größtenteils auf Muslime; Asiaten, Europäer usw. haben dagegen kaum Integrationsprobleme.

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    The Signature of bdbjorn: Drechslerrr (4.4.2017), Selfmade (19.4.2017), Skyclad (22.05.2017), J-Man (21.08.2017), ...

  • Zitat

    Original geschrieben von bdbjorn:
    Definitiv ja. Wenn man dadurch einen Ansporn gewinnt, für sein Land erfolgreich zu sein (sei es jetzt im Sport oder sonstwo) oder irgendwie anders einen positiven Nutzen zieht, dann kann Patriotismus schon gutheißen.


    Es ist das Land, indem ich nahezu mein ganzes Leben verbracht habe und zudem ich im Laufe meines Lebens zahlreiche Bezüge entwickelt habe. Mögen es positive sein, mögen es negative sein. Ich kann für mich aber nur sagen, dass ich mich voll mit Deutschland identifizieren kann und es mir sehr viel bedeutet. Das heißt aber nicht, dass ich zu 100% hinter allem stehe, was der Staat macht.


    Patriotismus kann aber auch genauso zu falschen Ehrgeiz führen, sowohl auf persönlicher als auch auf sozialer Ebene. Etwas Abstand, den du ja besitzen zu scheinst, würde machen daher ganz gut tun.
    Was ich aber persönlich nicht nachvollziehen kann, ist dass man sich voll mit einem Land identifizieren kann. Ich z.B. identifiziere mich mit der sozial-demokratischen freiheitlichen Grundordnung Deutschlands, aber sich voll mit einem Land zu identifizieren heißt ja auch seine Bräuche und Traditionen (fast) komplett zu akzeptieren und zu leben und das kann und will ich nicht.


    Zitat

    Original geschrieben von bdbjorn:
    Patriotismus ist ja nur das Gutheißen des eigenen Staates, ohne generell andere abzuwerten. Beim Nationalismus wird der eigene Staat auf allen Ebenen auf die oberste Stufe gesetzt, wohingegen andere Nationen per se für niedriger eingestuft werden. Zudem ist Patriotismus ja auch meistens zeitlich bedingt, während der Nationalismus eine dauerhafte Eigenschaft ist.


    Woran machst du fest, dass Patriotismus zeitlich begrenzt ist? Ich würde bloß behaupten, dass "richtiger" Patriotismus mit hoher Eigenreflektion einhergeht, zumal ich es auch als patriotisch empfinden würde, wenn aktiv gegen sozial Missstände ankämpft. Patriotismus nur als Bejubeln des eigenen Staates zu definieren halte ich für zu kurz gegriffen bzw. eine unzulässige Reduktion dieses Konzeptes auf diesen unsäglichen "Hurra-Patriotismus".


    Zitat

    Original geschrieben von bdbjorn:
    Wobei das ja weniger etwas mit Patriotismus zu tun hat, sondern eher mit "deutschen Klischees" beschrieben werden kann. Solche Klischees kann man bei jeder Nationin gewissem Maße bilden, die Schweizer hassen den Islam, die Franzosen Schwule usw.

    Ich würde es eher mit den Begriffen Angst und Ungewissheit um den eigenen gesellschaftlichen Status und des eigenen Weltbildes und daraus resultierende Fremdenfeindlichkeit beschreiben.



    Zitat

    Original geschrieben von bdbjorn:
    Das finde ich ein wenig aus der Luft gegriffen, bei anderen Partien werden die Gegner ja auch nicht angefeindet, weil sie gegen einen Deutschen spielen. Bei Haas' Niederlage hat ja auch keiner über Djokovic geflamt, weil er gerade einen Deutschen besiegt hat. Hier war es eher der Faktor, dass es ein so wichtiges Spiel war und das die meisten da wohl relativ angespannt sind. Da würde ich jetzt kein allgemeines Urteil fällen.


    Wobei aber solche Stresssituationen oftmals zeigen wie tief bestimmte Ressentiments verankert sind, ganz egal ob im Tennis, Fussball oder im Allgemeinen.



    Zitat

    Original geschrieben von bdbjorn:
    Das dürfte aber auch von der Integrationsgeschichte der einzelnen Nationen abhängen. Frankreich und England sind als ehemalige Kolnialmächte quasi schon seit mehreren Jahrhunderten mit dem Thema Integration beschäftigt gewesen und daher wohl auch offener. Die USA sind ja quasi aus Integration entstanden. Bei uns ist Integration relativ neu und daher muss man sich erstmal daran gewöhnen. Zudem bezieht sich das Integrationsproblem ja größtenteils auf Muslime; Asiaten, Europäer usw. haben dagegen kaum Integrationsprobleme.


    Frankreich und England haben sich eher mit dem Thema Unterdrückung als Integration beschäftigt. Wenn ich nicht komplett falsch liege, spielt der Begriff der Integration in Frankreich und in England erst in den letzten Jahren eine wichtigere Rolle. Aber das auch Länder mit Kolonialvergangenheit massive Probleme damit haben zeigen die Banlieus.

  • - Seid ihr der Meinung, dass Patriotismus gut ist?
    Ein gesundes Maß an Patriotismus finde ich absolut in Ordnung, solange man tolerant genug ist dem anderen nicht zu nah zu treten.


    - Was bedeutet euch euer Land?
    Als Deutscher immer so eine Frage, weil man ja nicht wie z.B. in den USA schon in der Schule patriotistisch eingestimmt wird, was aber durch den zweiten Weltkrieg verständlich ist. Aber wenn man hört und sieht wie es in anderen Ländern so abgeht und man sieht was für einen Weg Deutschland ab 1949 gegangen ist kann man eigentlich nur stolz sein.


    - Kann man wirklich "stolz" auf "sein" Land sein?
    Kommt auf das Land drauf an.... Stolz könnte man auf Deutschland Ende der 30er und Anfang der 40er nicht sein.


    - Und wo zieht man die Grenze zwischen Patriotismus und Nationalismus?
    Nationalismus ist für mich eher wenn man die eigene Nationalität über alle andere stellt, bei Patriotimus ist man ja nur positiv gegenüber seinem Land eingestellt.


    - Und drückt sich deutscher Patriotismus anders aus als beispielsweise der französische?
    Sicherlich wäre es in Deutschland was anderes gewesen ohne das 3. Reich, denn die Geschichte davor hat sich nicht sonderlich von denen andere europäischer Länder abgehoben, je nachdem wie kleinlig man da sein will ... Könige, Kaiser etc. ...


    ------------------
    Wo wir schon beim Thema sind würden mich mal Antworten von Österreichern und anderen Nachbarn interessieren :)

  • Ich bin kein Freund des Patriotismus und habe keine sonderlichen Gefühle in Bezug auf mein Heimatland. Natürlich bin ich froh, in einem friedlichen und reichen Gebiet der Welt zu wohnen, allerdings äußert sich das bei mit nicht in Stolz auf ein nationsartiges Gebilde.
    Vielleicht liegt mein Mangel an Patriotismus an meiner strikten Ablehnung von Nationalismus. Die beiden Konzepte sind zwar sicher nicht deckungsgleich, haben aber doch viele Berührungspunkte und bauen aufeinander auf.



    Um genauer auf deine Fragen einzugehen:
    Ob Patriotismus "gut" ist, kann ich nicht sagen, da ich nicht weiß, was "gut" genau bedeuten soll. Natürlich kann er für viele Menschen ein motivierender Faktor in verschiedenen Bereichen ihres Lebens sein - hier fallen einem natürlich sofort Sportler ein. Auf der anderen Seite lässt sich Patritismus natürlich auch vorzüglich als Feigenblatt oder gar Katalysator für politische und wirtschaftliche Interessen nützen.


    Eine sehr gute Frage ist, ob man stolz auf sein Land (bzw. eher seine Nation, würde ich meinen) sein kann. Ich kann hier nur für mich selbst sprechen und aus meiner Perspektive klar "nein" sagen. Vielleicht liegt es an meiner historisch-kulturwissenschaftlichen Vorbelastung, aber weder identifiziere ich mich über eine Nation noch empfinde ich Stolz in Bezug auf eine solche.


    Für mich ist es auch immer irgendwie befremdlich, wenn ich Bekannte in Ungarn besuche und die Intensität des dort gelebten Patriotismus erlebe, dem man sich kaum entziehen kann. Hier liegt, denke ich, auch der Unterschied zwischen den Gesellschaften: In der Intensität und Ausformung des Patriotismus, nicht im Wesen der Sache selbst.

    “Democracies in which there are no significant political choices to be made, where economic policy is all that really matters—and where economic policy is now largely determined by nonpolitical actors (central banks, international agencies, or transnational corporations)—must either cease to be functioning democracies or accommodate once again the politics of frustration, of populist resentment.”

  • Ich hab nix gegen Patriotismus, also im Sinne von Liebe zum Vater-/Mutterland. Wer sollte was gegen Liebe haben?
    Was ich rein logisch nicht begreife, ist "Stolz" auf die Nationalität. Schließlich habe ich dazu nichts beigetragen, (in meinem Fall) Deutscher zu sein. Ich wurde geboren und war Deutscher. Eigene Anstrengung: Null. Das ist, wie wenn man stolz darauf wäre, keinen Haarausfall zu bekommen. Das ist auch rein erblich. Stolz bin ich auf Dinge, für die ich was getan habe und sie erreicht habe.

  • AAALSO...



    Ich finde Patriotismus auch stellenweise überbewertet. Dass wir für die deutsche Nationalmannschaft sind, legitimieren wir ja damit, dass wir hier geboren sind und dass unser Land ist. Nur ensteht dadurch ein Weltbild "Wir sind besser als alle anderen." Im Club-Fussball sieht man das ja auch. Hier entsteht die Vereinswahl ja auch durch Zufälle. Ich bin FC Bayern-Fan dadurch geworden, dass es meine Großmutter auch war und mir zum Geburtstag immer Trikots geschenkt hat.


    Jetzt nehmen das manche halt zu Ernst und fangen Schlägereien an, weil sie ihren Verein als sooo wichtig sehen und stellen den über alle anderen, dass sie Wut bekommen, wenn ihr Verein verliert.



    Dass Kultur und Werte eines Landes ganz schön sind und diese auch erhalten werden müssen, ist keine Frage. Aber das ist halt auch nichts was jetzt wirklich sonderlich in Gefahr ist, weil sich die Kultur durch die regionalen oder temerapturebedingten Gegebenheiten bildet. Also selbst, wenn es keine Ländereingrenzungen geben würde, wären doch sämtliche Teile der Erde verschieden.


    Momentan wird halt Patriotismus und Nationalismus immer mehr zum Störrfaktor. Wir leben nun einmal in eine Welt, die sich immer mehr globalisiert und wir sind immer mehr abhängig von einander. Deswegen bezahlen wir auch Geld für Griechenland, weil die Gefahr besteht, dass wenn Griechenland pleite geht, es uns auch immens schaden könnte, dadurch dass wir so miteinander vernetzt sind.



    Patriotismus ensteht sich für mich aus zwei Faktoren:


    1.) Man identifiziert sich mit einer bestimmten Gruppe, die eines gemeinsam hat (Alle in der Gruppe sind in diesem Land geboren, worauf man wie oben schon angedeutet, keinen Einfluss hat und sei es per Sport oder anderen Sachen erhöht man sich über andere Gruppen/Länder und sieht sich als besser an. Deswegen freuen sich auch alle so, wenn mal ne Deutsche im Tennis vorankommt, weil sie denken "Hey da vertritt jemand unsere Gruppe und zeigt, dass wir es drauf haben.".


    2.) Die Angst davor, dass das, was man ja Kultur nennt, was um einen herum passiert, was einem vertraut ist, irgendwann nicht mehr da sein könnte. So entsteht übrigens auch Rassismus, ist eine kindliche Verhaltensform, dass was einem fremd ist, sieht man als Bedrohung an und hat Angst davor. Wenn also jetzt ein paar Türken ihre Dönerläden hier aufmachen oder eine Moschee wollen, bekommen nun mal viele Angst, da diese Kultur ihnen fremd ist und sie Angst haben, ihre momentane, vertraute Kultur, die man ja wie in Punkt 1) beschreiben über alle anderen stellt, verloren gehen könnte und man irgendwann gezwungen ist in einer neuen Kulturform zu leben.

    Derrick Rose - Rookie of the Year 2009, MVP 2011


    "My future starts when I wake up every morning. Every day I find something creative to do with my life." -Miles Davis

  • Zitat

    Original geschrieben von dentz:
    Was ich aber persönlich nicht nachvollziehen kann, ist dass man sich voll mit einem Land identifizieren kann. Ich z.B. identifiziere mich mit der sozial-demokratischen freiheitlichen Grundordnung Deutschlands, aber sich voll mit einem Land zu identifizieren heißt ja auch seine Bräuche und Traditionen (fast) komplett zu akzeptieren und zu leben und das kann und will ich nicht.


    Sich "voll" mit dem Land zu identifizieren heißt ja auch nicht, dass man die Bräuche oder Traditionen mögen, sondern lediglich akzeptieren muss. Oktoberfest oder Karneval ist jetzt auch nicht mein Ding, aber ich akzeptiere, dass Menschen ihre Freude dran haben. Das ist für mich auch ein Zeichen von Patriotismus, dass man diese Pluralität, wie es sie in Deutschland gibt, akzeptiert. Bei der Nationalelf ist es ja ähnlich, Bayern-Spieler mag ich hier, weil sie nicht für den Fc Bayern spielen, sondern für die Nationalelf. Eventuell geht es bei mir schon in eine Richtung Lokalpatriotismus.


    Zitat

    Original geschrieben von dentz:
    Woran machst du fest, dass Patriotismus zeitlich begrenzt ist? Ich würde bloß behaupten, dass "richtiger" Patriotismus mit hoher Eigenreflektion einhergeht, zumal ich es auch als patriotisch empfinden würde, wenn aktiv gegen sozial Missstände ankämpft. Patriotismus nur als Bejubeln des eigenen Staates zu definieren halte ich für zu kurz gegriffen bzw. eine unzulässige Reduktion dieses Konzeptes auf diesen unsäglichen "Hurra-Patriotismus".


    Da bin ich ganz bei dir, ich bezog mich auch eher auf das öffentliche Zeigen des Patriotismus. Ob man Deutschland jetzt politisch, sportlich oder kulturell vertritt, oder als einfacher Arbeiter oder Aktivist etwas patriotisches tut, ist ja auch keine andauernde Tat. Es gibt wohl niemanden, der ständig seinen Patriotismus zeigt, sondern nur zu bestimmten Anlässen (Feiertag, Sportevent, Preisverleihung usw.). Das man durchaus auch außerhalb dieser Zeiten patriotisch sein kann, es aber nicht unbedingt zeigt, will ich nicht bestreiten.


    Zitat

    Original geschrieben von dentz:
    Ich würde es eher mit den Begriffen Angst und Ungewissheit um den eigenen gesellschaftlichen Status und des eigenen Weltbildes und daraus resultierende Fremdenfeindlichkeit beschreiben.


    Das wäre zu einfach. Man kann ja nicht sagen, durch jeden Migranten wächst die Fremdenfeindlichkeit. In Deutschland sind es ja meistens nur die Migranten aus islamischen Ländern, wo es Integrationsprobleme gibt. Europäer usw. haben hier kaum Probleme, sich zu integrieren. Warum das so ist, ist vielschichtig, da Sprache, Kultur, Religion oder auch Geschichte hier eine Rolle spielen.


    Zitat

    Original geschrieben von Hijo:
    Ich hab nix gegen Patriotismus, also im Sinne von Liebe zum Vater-/Mutterland. Wer sollte was gegen Liebe haben?
    Was ich rein logisch nicht begreife, ist "Stolz" auf die Nationalität. Schließlich habe ich dazu nichts beigetragen, (in meinem Fall) Deutscher zu sein. Ich wurde geboren und war Deutscher. Eigene Anstrengung: Null. Das ist, wie wenn man stolz darauf wäre, keinen Haarausfall zu bekommen. Das ist auch rein erblich. Stolz bin ich auf Dinge, für die ich was getan habe und sie erreicht habe.


    Man trägt nichts dazu bei, in Deutschland geboren zu werden, aber man ist selbst dafür verwantwortlich, sich auch als Deutscher zu fühlen. Darin liegt doch der Kern: Man entwickelt im Laufe seines Lebens ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Nation oder nicht, völlig unabhängig davon, wo man geboren ist. Das kann eben von verschiedenen Ereignissen beeinflusst werden. Von daher verstehe ich auch die Leute die sagen, dass sie sich nicht mit Deutschland identifizieren oder stolz darauf sein können. Da muss jeder seinen eigenen Weg finden.


    Zitat

    Original geschrieben von DerrickRose:
    Ich finde Patriotismus auch stellenweise überbewertet. Dass wir für die deutsche Nationalmannschaft sind, legitimieren wir ja damit, dass wir hier geboren sind und dass unser Land ist. Nur ensteht dadurch ein Weltbild "Wir sind besser als alle anderen." I7


    Eben nicht. Du verwechselst hier Nationalismus und Patriotismus. Man freut sich über Erfolge der Nationalmannschaft, aber hält sie nicht gleich für die beste der Welt und wertet andere an sich ab. Durch Patriotismus entsteht das Bild, dass man gerne besser als alle anderen sein würde. man unterstützt diese Ziel, akzeptiert dahingehend aber auch die Überlegenheit der anderen. Im Dart unterstütze ich unsere deutschen Jungs auch überall, wo es geht. Aber ich weis auch, dass sie einfach nicht zu den Top-Nationen der Welt gehören. Trotzdem jubele ich ihnen zu. Das ist Patriotismus.


    Zitat

    Original geschrieben von DerrickRose:
    Im Club-Fussball sieht man das ja auch. Hier entsteht die Vereinswahl ja auch durch Zufälle. Ich bin FC Bayern-Fan dadurch geworden, dass es meine Großmutter auch war und mir zum Geburtstag immer Trikots geschenkt hat.


    Auch das ist Blödsinn, du darfst nicht von dir selbst auf andere schließen. Es gibt genügend Leute, die sich erst spät einen Verein suchen, den sie unterstützen. Dabei lassen sie denn verschiedene Kriterien für sich entscheiden. Ich selbst bin erst mit 12 zum Fußball gekommen und bin dann 2004 durch Mainz 05 erst richtig zum Fußball-Fan geworden. Heute habe ich viele Vereine, die ich mag.


    Zitat

    Original geschrieben von DerrickRose:
    Momentan wird halt Patriotismus und Nationalismus immer mehr zum Störrfaktor.


    Auch hier möchte ich nochmal darauf hinweisen, dass beide Begriffe vollkommen unterschiedlich definiert sind. Das Nationalismus in einer zunehmend globalen Welt ein Problem darstellt, verstehe ich ja. Aber wo liegt das Problem beim Patriotismus? Hier wird sich nicht von anderen abgegrenzt oder andere werden schlechter gemacht.


    Zitat

    Original geschrieben von DerrickRose:
    2.) Die Angst davor, dass das, was man ja Kultur nennt, was um einen herum passiert, was einem vertraut ist, irgendwann nicht mehr da sein könnte. So entsteht übrigens auch Rassismus, ist eine kindliche Verhaltensform, dass was einem fremd ist, sieht man als Bedrohung an und hat Angst davor. Wenn also jetzt ein paar Türken ihre Dönerläden hier aufmachen oder eine Moschee wollen, bekommen nun mal viele Angst, da diese Kultur ihnen fremd ist und sie Angst haben, ihre momentane, vertraute Kultur, die man ja wie in Punkt 1) beschreiben über alle anderen stellt, verloren gehen könnte und man irgendwann gezwungen ist in einer neuen Kulturform zu leben.


    Sorry, aber das ist kompletter Blödsinn. Was du hier beschreibst, ist Nationalismus und hat wieder nichts mit Patriotismus zu tun. Patriotismus beschränkt sich auf die Beziehung "Heimatland - Einwohner" und nicht "Einwohner und Heimatland - Ausland".

    Mein erster Blog: Videospielhistoriker - Geschichte in Videospielen. // CyBull TV - Der Darts-Channel


    The Signature of bdbjorn: Drechslerrr (4.4.2017), Selfmade (19.4.2017), Skyclad (22.05.2017), J-Man (21.08.2017), ...

  • Ich sags mit Schopenhauers Worten:
    Die billigste Art des Stolzes ist hingegen der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein

    Lust auf Leben, Lust auf Liebe, Lust auf Lust. Lust auf Lagerfeuer und nen fetten Kuss. Lust auf Wunder, Wunderbar und Wundervoll. Lust mein Maul nicht zu halten wenn ich soll ( Manchmal - Milch & Blut )


    Also wenn man in alle Richtungen nur nach Süden kommt, dann ist es der Nordpol. Wenn man in alle Richtungen nur nach Norden kommt, ist es der Südpol. Soweit klar.
    Was ist dann wohl West-Berlin ;)

  • Schopenhauer urteilt hier leider unnötig pauschal. Denn durch die Gegenüberstellung des Tropfes der stolz auf sein Land ist mit demjenigen der die Fehler der eigenen Nation erkennt erzeugt er quasi zwei Schwarz-Weiß-Kategorien. Er übersieht somit, dass um auf etwas stolz sein zu können man nicht zwangläufig alles billigen muss was zu dem Objekt des Stolzes gehört. Und dessen Fehler erkenn schließt das somit überhaupt nicht auch.


    Darüber hinaus, kann man auch auf mehrere Sachen stolz sein. Deswegen zu urteilen, dass jemand der stolz auf sein Land ist dies tut weil er persönlich nichts hat worauf er stolz sein kann, ist also auch einfach nur plakativ und sogar unlogisch.


    Mit Patriotismus im hier diskutierten Sinne hat es aber inhaltlich sowieso wenig zu tun.

  • Ich kann auch gerne Goethe zitieren:
    Der Patriotismus verdirbt die Geschichte.


    Oder wie wäre es mit Schnitzler:
    Diejenigen Tugenden werden am lautesten gepriesen, zu deren Ausübung weder Gedankenarbeit, noch Energieentfaltung, noch Selbstüberwindung gehört, vor allem also diese beiden: Patriotismus und Gottesfurcht.


    Derselbe sagt übrigens auch sehr treffend:
    Ich liebe mein Vaterland nicht, weil es mein Vaterland ist, sondern weil ich es schön finde. Ich habe Heimatgefühl, aber keinen Patriotismus.


    Und wenn wir schon die Zitatetour machen, dann darf Tucholsky nicht fehlen:
    Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen haßt die andern Klumpen, weil sie die andern sind, und haßt die eignen, weil sie die eignen sind. Den letzteren Haß nennt man Patriotismus.

    Lust auf Leben, Lust auf Liebe, Lust auf Lust. Lust auf Lagerfeuer und nen fetten Kuss. Lust auf Wunder, Wunderbar und Wundervoll. Lust mein Maul nicht zu halten wenn ich soll ( Manchmal - Milch & Blut )


    Also wenn man in alle Richtungen nur nach Süden kommt, dann ist es der Nordpol. Wenn man in alle Richtungen nur nach Norden kommt, ist es der Südpol. Soweit klar.
    Was ist dann wohl West-Berlin ;)

  • Da du schon die Zitatetour machst, zitiere ich gerne Romain Gary: "Patriotismus ist Liebe zu den Seinen; Nationalismus ist Hass auf die anderen."


    Edit: Persönliche Sicht und mehr kommt heute Abend, jetzt wird erstmal ein 1-Tage alter Bundesbürger besucht. ;)

    Mein rechter, rechter Platz ist frei Vol. 3 -- Sieger
    Beste Band
    Verein: Bayern München
    "Verbrennt die Kinder und versteckt die Ernte!"

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