A N Z E I G E

Der Jazz/Swing/Fusion-Thread

  • Habe die Suchfunktion vergewaltigt, aber keinen allgemeinen Jazz-Thread gefunden, was mich bei so einem breigefächerten Forum wundert.


    Wer von euch alles interessiert sich für Jazz?


    Ich finde es ist eine der einflussreichsten und vielschichtigsten Musikrichtungen auf unserem Planeten ist, auch wenn sie grad in Deutschland eher unpopulär ist.

    Derrick Rose - Rookie of the Year 2009, MVP 2011


    "My future starts when I wake up every morning. Every day I find something creative to do with my life." -Miles Davis

  • A N Z E I G E
  • Jazz hat einfach das Problem, dass er mehr oder minder tot ist. Seit Jahrzehnten nudeln Jazztrios ihre immer gleichen Standards runter. Innovation, unerwünscht. Jazz war dann am stärksten, wenn er sich weiterentwickeln wollte und dynamisch war. Als es Fortentwicklungen gab vom Bebop zum Hard Bop und in anderer Richtung zum Free Jazz und Richtung Fusion.


    Und neben uninnovativ ist vieles auch noch unispiriert. Skala rauf, Skala runter, Skala rauf, Skala runter. Und dann das gleiche nochmal doppelt so schnell. Dass ist dann als Zuhörer so, wie wenn man Etüden hört, aber nicht Musik.


    Es gibt die Trivialisierung zum Pseudo-Jazz, es gibt die totgespielten Standards und es gibt eine Avantgarde, die besser ohne Zuhörer auskommt.


    Noch immer verkaufen sich Davis, Coltrane und Co 10 Mal so oft wie zeitgenössisches. Und das liegt auch einfach daran, dass es 10 Mal so gut ist.


    Auch wenn im letzten Jahr mein "Album des Jahres" erstmals seit Jahrzehnten wieder ein Jazz-Album war (Wadada Leo Smith's Organic - Heart's Reflections), um die vernichtende Einschätzung komme ich nicht rum: Jazz ist tot.

  • Da hast du durchaus recht, dass es viele Künstler gibt, die "den alten Kram" wiederholen, aber dass Jazz komplett tot ist, damit stimme ich nicht überein. Jazz wandelt sich auch heute noch weiter, siehe z.B. den Jazz-Rap.


    Und Jazz steht nun mal auch für Freiheit. Selbst wenn ein Saxophonist "A Night in Tunisia" z.B. spielt, hat er dennoch die Möglichkeit was Eigenes drauszumachen und zu experimentieren.

    Derrick Rose - Rookie of the Year 2009, MVP 2011


    "My future starts when I wake up every morning. Every day I find something creative to do with my life." -Miles Davis

  • Das sind eher Randphänomene. Jazz-Rap ist auch schon wieder 20 Jahre her im Übrigen. V.a. ist das m.E. eine Geschichte, die eher aus anderen Musikrichtungen kommen und dann Jazz-Einflüsse einarbeiten. Das ist für mich eher ein Fusion-Gedanke als eine Weiterentwicklung des Jazz. Es gibt einige interessante Geschichten, wo eben Jazz-Elemente integiert werden. Aber eine Weiterentwicklung im Jazz selbst, sehe ich nicht. Das ist der Konservativismus der Musik. Selbst Klassiker trauen sich viel, viel mehr.


    Und Freiheit nützt halt nix, wenn man nichts draus macht. Auch in der Improvisation werden die gleichen Muster und die ewig gleichen Skalen gespielt. Der eine zuerst rauf und dann runter und der nächste umgekehrt. Und am Ende vermischt sich alles zu einem langweiligen Einheitsbrei, der für mich ganz schwer verdaulich ist. Das ist der Tod jeder Kreativität.


    Ich höre gerne Jazz aus den Blütezeiten. Aber Leute, die das uninspiriert nachdudeln und zeitgenössischen Jazz finde ich einfach weitestgehend schrecklich.

  • Jazz ist genau so wenig tot wie es auch andere Genre nicht sind. Das ist leider alles unglaublich kurzhaltiges Gerede. Jazz ist nicht gleich Jazz. Das dürften wir alle wissen. Wenn es um den typischen "Jazz Trio Sound" geht, dann gibt es da selbstverständlich wenig bis relativ gar keine Abwechslung. Aber wer fordert die denn auch? Man bekommt nun mal das was man erwartet.


    Hör dir z.B. mal die letzten Alben von Nils Petter Molvær an. Wenn das keine "Weiterentwicklung" vom Standard Jazz ist, dann weiß ich auch nicht. Oder das letzte Album von Arve Henriksen. Zum niederknien wie dieser Kerl moderne Electronica mit seinen Jazzwurzeln kombiniert. Das gleiche gilt für John Hassell. Natürlich ist das kein 08/15 Jazz und mittlerweile verschmelzen die Jazzwurzeln sogar immer mehr, dass man am Ende das Gefühl bekommt man hört ein vollkommen anderes Genre. Und dennoch ist und bleibt es Jazz.


    Jazz oder andere Musik kann nur so tot wie die eigenen Hörgewohnheiten sein. So einfach ist das.


  • Eine interessante Sichtweise. :-D:
    Ich hab's wirklich mit dem Jazz versucht, aber so richtig warm werde ich mit diesem Genre - bitte keine "Aber es gibt doch so viele Arten von Jazz!"-Kommentare an dieser Stelle - wahrscheinlich nicht mehr. Das liegt daran, dass Jazz meiner Ansicht nach in der Tat sehr oft das ist, was das Klischee besagt und was Jesse hier auch bemängelt: beliebig. Die klassischen Jazz-Akkordfolgen und Skalen sind sattsam bekannt und gleichzeitig total unverbindlich. Kann man gut finden, muss man aber nicht. Da fehlt dann einfach das bindende, beseelte, begeisternde Element.
    Fusion im klassischen Sinne mag ich lieber, aber es ist eigentlich ein sehr stark begrenztes Genre und vieles davon wird auch zurecht als Fahrstuhlmusik kritisiert. Weather Report ist doch zum Beispiel ultraekliges, schleimiges Gedudel, auch Return To Forever sind abgesehen von ein paar Stück furchtbar seicht. Die ersten zwei Platten vom Mahavishnu Orchestra sind natürlich geil, aber nicht, weil sie so toller Jazz sind, sondern weil sie abgehen wie die Pest.


    (Und das, was dieser Molvaer-Typ macht, ist noch nichtmal Musik. Nur so nebenbei bemerkt. :D)

    (20:14:02) Hagen: Ich bekomme morgen FIFA 14
    (20:14:14) Hagen: Dann is schluß mit Karriere

  • Zitat

    Original geschrieben von Gabe Gonzaga:
    Jazz oder andere Musik kann nur so tot wie die eigenen Hörgewohnheiten sein. So einfach ist das.


    So einfach ist es für mich nicht. Das kannst du im Bereich der Klassik sagen, wo es viele neue und kreative Ansätze gibt, aber immer noch an jeder Hausecke Bach aufgeführt wird. Da ist es im wesentlichen eine Frage der Nachfrage. Beim Jazz ist es dagegen eine Frage des Angebots.


    Natürlich pauschalisiere ich. Und selbstverständlich gibt es selbst im Jazz noch den ein oder anderen, der kreativ ist. Molvaer finde ich z.B. auch zumindest teilweise großartig. Aber die gehen im Jazz-Sumpf von ultrakonservativen Musikern und musikuninteressierten Statushörern unter. Natürlich ist auch in jeder Musikrichtung ein Mainstream an Müll üblich. Aber das Verhältnis Müll und Kreatives ist für mich derzeit in keiner Musikrichtung so schlecht wie im Jazz.


    Wenn ich mich mit Pop-Musikern, Rockern, Klassikern unterhalte - nirgens finde ich eine solche Unlust an Kreativität wie im Jazz. Wenn da mal ein Molvaer dazwischen kommt, ändert das für mich an der Gesamtdiagnose nichts und dieses "Zucken" reicht mir dann nicht, um den Patienten für lebendig zu erklären. Und selbst wenn der Patient tatsächlich noch lebt, ist er zumindest schwer erkrankt an Konservativismus.

  • Aber alleine wenn dir Molvaer so gut gefällt, kann ich dir auf Anhieb direkt 5 weitere Künstler nennen, die bei dir auch ähnlich zünden könnten. Natürlich gibt es viel belanglosen Einheitsbrei. Das verneint ja zum Glück auch keiner. Aber man darf auch nicht zu bequem sein und sich damit abgegeben.

  • Zitat

    Original geschrieben von Gabe Gonzaga:
    Aber alleine wenn dir Molvaer so gut gefällt, kann ich dir auf Anhieb direkt 5 weitere Künstler nennen, die bei dir auch ähnlich zünden könnten. Natürlich gibt es viel belanglosen Einheitsbrei. Das verneint ja zum Glück auch keiner. Aber man darf auch nicht zu bequem sein und sich damit abgegeben.


    Ich bin nicht bequem. Ich höre mir auch im Jazz viel an. Der von mir angesprochene Wadada Leo Smith hat ewig Davis nachgespielt. Langweilig, auch wenn Computer dabei sind. Mit 70 haut er dann plötzlich so ein starkes Album raus. Hätte ich nie gehört, wenn ich eben nicht trotzdem unvoreingenommen reingehört hätte.


    Was Molvaer betrifft: Da finde ich auch nicht alles überragend. Durchgehend stark fand ich da v.a. Khmer. Was ich bei ihm gut finde ist eben, dass ein Willen zur Kreativität spürbar ist, der mir einfach allgemein im Jazz so stark abgeht.


    Wenn ich sage, Jazz ist tot, meine ich nicht, dass es absolut nichts mehr im Jazz gibt, was interessant und gut ist. Wenn ich sage, Jazz ist tot, dann meine ich den Drang zur Weiterentwicklung. Dieser Drang hat Davis zu dem gemacht, was er war. Ob es Cool war, Bitches Brew oder Electronic später - er wollte sich immer weiter entwickeln und letztlich damit die Musik weiterentwickeln. Und diesen Drang teilte er mit vielen Jazz-Musikern seiner Zeit. Selbst Blakey und die anderen Hard Bopper, wollten nicht nur den Bebop erhalten, sondern gleichzeitig weiterentwickeln. Natürlich ist es den wenigsten wie Davis gelungen, auch wirklich das zu erreichen, was sie wollten. Aber dieser Drang war im Jazz ganz weit verbreitet und hat dieses Genre ausgemacht. Und heute verspüre ich diesen Drang bei weit über 99% der Jazz-Musiker nicht mehr. Und deshalb ist Jazz für mich tot.

  • Würde Miles noch leben würde er sich wohl gerade voll in diesen House-Hype stürzen. Er würd zwar "die weißen Motherfuckers" beschimpfen "die keinen Peil von Musik und jazz haben" beschimpfen :D, aber er war ja auf der Suche nach immer neuen Sounds und er würde es auch hinbekommen dies mit Jazz zu verbinden.

    Derrick Rose - Rookie of the Year 2009, MVP 2011


    "My future starts when I wake up every morning. Every day I find something creative to do with my life." -Miles Davis

  • Was auch so das Problem ist, sind diese Klischees. Wenn ich meinem Vater eine CD von Coltrane vorspiel ist das für ihn nur "nichtssagendes Rumgedudel". Erst wenn ich ihm Tutu von Miles zeige, dann ist das Interesse wieder ein bisschen größer :D.


    Und hier in Deutschland bekommste das ja alles nachgeschmissen. War vorhin erst im Karstadt und da ist so ein CD-Abschnitt, wo halt Preisaktionen sind und da sind halt ganz viele Schlager-CDs, aber auch sämtlich Jazz-Alben. Z.B. "Kind Of Blue", das wohl beste und einflussreichste Album überhaupt liegt dort für 2,99 Euro.

    Derrick Rose - Rookie of the Year 2009, MVP 2011


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