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LSA: [LSA] 200 Tage Champion, 1 Main Event, kaum Quote: Ist CM Punk als Face verschenkt?
Verfasst von MS.de am 06.06.2012, 19:13 Uhr
[LSA] 200 Tage WWE Champion, 1 PPV Main Event, keine Ratings: Ist CM Punk als Face verschenkt?

Ende diesen Monat jährt sich zum ersten Mal der Tag jener berühmten Wutrede, mit der CM Punk vor einem Jahr Wrestlinggeschichte geschrieben hat und seiner WWE-Karriere eine entscheidende Wende geben konnte. Der "Summer of Punk" machte den Straight Edge Superstar für einige Wochen zum Gesprächsthema Nr. 1 unter Wrestling-Fans auf der ganzen Welt. Sein Titelgewinn von John Cena bei "Money in the Bank 2011" gilt als einer der größten WWE-Momente der letzten fünf Jahre. Danach explodierte seine Popularität in den Shows, sein Merchandise verkaufte sich monatelang besser als das von John Cena und bei Monday Night RAW setzte man ihn nur verstärkt als neues Babyface Nummer 1 ein. Erste Fans verglichen ihn bereits aufgrund seiner respektlosen Promos mit Stone Cold Steve Austin. Und Punk selbst wurde auf Twitter nicht müde anzudeuten, dass er in naher Zukunft gerne noch gegen die Texas Rattlesnake ein großes PPV-Match bestreiten möchte. Kurzum: Die WWE schien aufgrund einer einzigen Promo plötzlich ein neuer Superstar in den Schoß gefallen zu sein, eine neue "Cash Cow", die vielleicht einen kleinen Boom würde initiieren können.

So war es dann auch nicht überraschend, dass man dem neuen Aushängeschild bei der Survivor Series 2011 im Madison Square Garden den WWE Titel von Alberto Del Rio gewinnen und danach einen langen World Title Run bei Monday Night RAW folgen ließ. Nachdem Punks davor liegende vier Regentschaften als World Champion immer sehr schnell wieder beendet gewesen waren, gab man ihm diesmal für nun schon über ein halbes Jahr die Chance, sich als Weltmeister zu etablieren. Am heutigen Mittwoch ist der Straight Edge Superstar nun schon über 200 Tage lang der WWE Champion. In den letzten fünf Jahren hielten nur Randy Orton und Triple H den prestigeträchtigen Titel noch länger als 2012 CM Punk. Und beide Kontrahenten wird er bis zum kommenden PPV noch hinter sich lassen.

Die längsten Titelregentschaften als WWE Champion in der WWE in den letzten 10 Jahren [Stand 06.06.2012]:

01.) 381 Tage: John Cena (WWE Champion 17.09.2006-02.10.2007)
02.) 281 Tage: John Cena (WWE Champion 03.04.2005-08.01.2006)
02.) 281 Tage: JBL (WWE Champion 27.06.2004-03.04.2005)
04.) 211 Tage: Triple H (WWE Champion 27.04.2008-23.11.2008)
05.) 204 Tage: Randy Orton (WWE Champion 07.10.2007-27.04.2008)

06.) 200 Tage: CM Punk (WWE Champion (20.11.2011-heute)
07.) 161 Tage: The Miz (WWE Champion vom 22.11.2010 bis zum 01.05.2011)
08.) 153 Tage: Brock Lesnar (WWE Champion 16.09.2003-15.02.2004)
09.) 134 Tage: John Cena (WWE Champion 29.01.2006-11.06.2006)
09.) 134 Tage: Eddie Guerrero (WWE Champion 15.02.2004-27.06.2004)

11.) 120 Tage: Brock Lesnar (WWE Champion 30.03.2003-27.07.2003)
12.) 099 Tage: Chris Jericho (WWF (Undsiputed) Champion 09.12.2001-17.03.2002)
13.) 092 Tage: Sheamus (WWE Champion 20.06.2010-19.09.2010)
14.) 091 Tage: Randy Orton (WWE Champion 15.06.2009-13.09.2009)
15.) 085 Tage: Brock Lesnar (WWE Champion 25.08.2002-17.11.2002)

CM Punk wird den WWE-Fans gegenüber weiter intensiv vermarktet. Ob mit "Ice Cream"-T-shirts oder nun sogar als Coverboy für das kommende Videospiel "WWE 13": In der Werbung kann man seinem Gesicht bei WWE-Produkten im Moment kaum aus dem Weg gehen. So müsste man eigentlich von einer neuen Erfolgsstory sprechen und darauf hoffen, dass CM Punk es dem großen Antihelden der späten 1990er Jahre - Stone Cold Steve Austin - am Ende nachmacht. Doch auf dem zweiten Blick lassen bei seinem momentanen Title Run auch diverse Schwachstellen entdecken. Denn so soll sein Merchandise sich auch verkaufen mag:(gerade bei älteren Fans): In den TV-Shows und den PPVs spielt er weiterhin nur zweite Geige hinter John Cena. Und bei genauem Hinsehen erkennt man, dass dies eigentlich schon seit dem Summer Slam 2011 der Fall ist. Seine Verwicklung in die bizarre Fehden gegen Kevin Nash und HHH hat ihm am Ende nicht wirklich geholfen, schon im November mehrten sich die schlechten Quarterratings bei seinen Auftritten und die WWE scheute sich danach immer mehr, ihn im heiligen Overrun der Show einzusetzen. Hier hatte John Cena dagegen weiterhin einen Stammplatz. Dessen TagTeam-Match mit The Rock gegen Awesome Truth durfte dann auch die Survivor Series 2011 headlinen, während für Punk und Alberto Del Rio nur die Upper Midcard blieb.

Und auch in den letzten 200 Tagen hat sich an dieser Hackordnung nicht viel geändert. Sechs PPVs folgten für den neuen WWE Champion auf seinem Titelgewinn im Madison Square Garden. Ein einziges Mal schaffte er es dabei in den Main Event: Bei TLC 2012 gegen The Miz und Alberto Del Rio. Ironischerweise war es genau diese Großveranstaltung, bei der sich John Cena erstmals seit 2008 wieder eine PPV-Auszeit nahm. Ohne den Chaingang Commander auf der Card durfte CM Punk den Event gnädigerweise headlinen. Ansonsten scheint sein Run als Face Champion bis heute die Masse nicht wirklich zu interessieren. Ein einziger Hauptkampf bei einer Großveranstaltung in 200 Tagen als World Champion von Monday Night RAW ist zudem in der Geschichte der Brand Extension (seit 2002) absoluter Minusrekord. Diesen hielt bisher Randy Orton im Winter 2007/2008: Beim "Age of Orton" gingen wenigstens der Titelgewinn und der Titelverlust der Viper im letzten Match des Abends bei einem PPV über die Bühne. Punk bleibt bisher nur die eher unwichtige Titelverteidigung gegen Miz und Del Rio bei TLC.

Trotz einer anfangs gut aufgebauten Fehde gegen Dolph Ziggler, trotz einer anfangs immens viel Potenzial versprechenden Rivalität mit Chris Jericho: Der Straight Edge Superstar zündete nur selten bei den Massen in den Hallen und blieb insbesondere bei Einschaltquoten auf ganzer Linie ein Ratings-Flop. Die durchaus vielversprechende aktuelle Titelfehde gegen Daniel Bryan versteckt man daher seit Wochen bewusst lieber in der Midcard von RAW und SmackDown!, während John Laurinaitis und John Cena regelmäßig die großen Segmente am Ende der beiden Hauptshows bekommen.

Ist CM Punk damit nun also als Babyface auf ganzer Linie gescheitert?

Nein, denn seine Popularität an den Fanartikel-Buden der WWE ist für die zuletzt nicht unbedingt erfolgverwöhnte Promotion immer noch ein willkommener Geldsegen, egal was bei den Ratings oder PPV-Buyrates passiert. Allerdings lässt sich die gleiche Feststellung auch auf einen Zack Ryder anwenden. Woran sich automatisch die Frage anschließt, ob CM Punk sich als Champion wirklich rentiert. Seine T-Shirts könnte er schließlich auch als Midcarder verkaufen. Bei den Houseshows hat er jedenfalls in seiner neuen Rollen in den letzten Monaten zu keiner Trendwende bei den Besucherzahlen geführt. Ein echter "Draw" ist der Ex-Indy-Star im Entertainment-Mainstream bisher nicht. So dass man wohl nach einem Jahr nüchtern bilanzieren muss:

CM Punk ist definitiv nicht Stone Cold Steve Austin.

Bei weitem nicht. Dies liegt sicherlich vor allem in der völlig veränderten Zuschauerzusammensetzung im Vergleich zu 1997/1998 begründet, da die WWE in der nahen Zukunft nun einmal ausschließlich familienorientiert und kinderfreundlich vermarktet werden wird. Zum anderen aber schlichtweg auch an der Tatsache, dass Punk bei weitem nicht an das Charisma oder gar an die Fähigkeit des Publikum-Anheizers von Steve Austin herankommt. Dies muss keine Abwertung von Punk sein, da Austin ein Jahrhundertalent war und Punk trotzdem für die heutige WWE-Generation eines der größten Talente überhaupt darstellt. Aber einen neuen Boom oder gar eine neue revolutionäre Wendung wird er im PG-Universe sicherlich auch in den nächsten fünf Jahren nicht herbeiführen können. Womit sich die Frage stellt, in welcher Rolle er der Promotion in den kommenden Monaten am meisten helfen wird?

Als großer Fan von CM Punk im Frühjahr 2011 ertappe ich mich mittlerweile immer öfter bei dem Wunsch, ihn wieder als Heel im Programm zu sehen. Seine seltsamen "Straight Edge"-Predigten verstören oftmals nur das Hallenpublikum statt es zu Begeisterungsstürmen zu animieren und seine intellektuelle Smartness kann sich oft genug auch als Bumerang erweisen, wenn nicht jeder Fan in den Arenen auch vorher alle Dirt Sheets zu den Hintergründen zu WWE-Figuren wie John Laurinaitis gelesen hat. Wenn ihn nicht gerade ein Chris Jericho mit persönlichen Angriffen unter der Gürtellinie zu einer emotionalen Reaktion provozierte, blieb das neue Aushängeschild meiner Empfindung nach im ersten Halbjahr 2012 verdammt lame als World Champion. Genauer gesagt: Er wirkte wie eine [i]Lame Duck[/u]. Gehört irgendwie zum Produkt dazu, initiiert durch seine Handlungen bei RAW aber so gut wie keine einzige neue Storyline. Das tun heutzutage eher Big Johnny, Big Show oder Brock Lesnar. Wie anders hat da ein Steve Austin bei seinem Aufstieg 1997/1998 auf das WWE-Produkt gewirkt. Fast alle großen Stories, die das WWE-Universe damals in Atem hielten, gingen von kontroversen Aktionen der Texas Rattlesnake aus. CM Punk 2012 reagiert dagegen nur. Agieren tun andere. Und das ist mehr als schade, wenn man sich das Potenzial seiner Persönlichkeit noch einmal vor Augen hält. Jenes Potenzial, was in den Jahren 2009-2011 immer wieder für herausragende Heel-Momente im Programm von RAW und SmackDown! sorgte. Die Straight Edge Society und "The New Nexus" mögen am Ende verjobbt worden sein - CM Punk schrieb als Anführer trotzdem bei fast jeder Show durch kreative Promos Geschichte und brachte so das Publikum gegen ihn auf sowie andere Babyfaces over. Jeff Hardy, Rey Mysterio, selbst Randy Orton und The Big Show profitierten von einer Fehde gegen den "bösen" Punk, weil dieser gerade wegen seiner "intellektuellen Fährigkeiten" eine echte und "gefährliche" Bedrohung für die Kinderlieblinge im PG-Universe darstellte. Heute hat man schon fast vergessen, dass die erste Cena-Punk-Fehde bereits im Dezember 2010 startete, als Punk den Nexus übernahm und den Chaingang Commander mehrfach in Hinterhalte lockte. Für kurze Zeit wurde diese Paarung daher sogar als Main Event von WrestleMania 27 ins Gespräch gebracht und hätte dort vermutlich auch am Ende für mehr Furore gesorgt als der letztendliche Headliner "Miz vs. Cena".

Kurzum: CM Punk ist für das PG-Universe der WWE im Jahr 2012 als brilliant agierender Heel vielleicht viel, sehr viel wertvoller als in seiner momentanen Rolle als Face Nr. 2 hinter Cena. Ein CM Punk sollte sich nicht hinten anstellen und darauf warten müssen, dass die Heels ihn durch das Programm treiben. Ein CM Punk sollte agieren dürfen und das kann er in der heutigen WWE-Welt vermutlich dann doch am besten als Bösewicht ohne moralische Skrupel. Der Summer Slam 2009 hat gezeigt, dass ein Heel-Punk im Main Event große Emotionen hervorrufen und auch für eine gute Buyrate sorgen kann. Statt sich mit den kleinen Heels Ziggler, Jericho oder Miz rumärgern zu müssen, könnte er so dann vielleicht auch wieder Jagd auf die großen Fische im Teich machen. Und selbst ein relativer neuer weißer Hai wie Sheamus in diesem Teich dürfte von einem Heel-Punk als Gegenspieler eher aufgewertet werden können als von Fehden gegen Daniel Bryan oder Alberto Del Rio. HHH und Cena dürften dann als zukünftige Face-Gegner ebenfalls wieder interessantere Gegner werden, vermutlich sogar interessantere als noch 2011. Und dann sind da ja auch noch schließlich die beiden Attitude-Ikonen Stone Cold Steve Austin und The Rock. Gegen beide wäre ein Heel-Punk für ein episches PPV-Match die wesentlich bessere Variante als ein weichgespültes Babyface. Hier hat man zwei potentielle WrestleMania-"Main Events" in der Hinterhand, die für viel mehr Furore in der Wrestling- wie Entertainment-Welt machen könnten, wenn Punk den Roddy Piper der 1980er Jahre gibt - und nicht den neuen John Cena der letzten Dekade.

Lionheart

Was meint ihr? Ist CM Punk als Babyface verschenkt?


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