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Kolumnen: [Lion's Take] The Legacy of WrestleMania 28: Bryan Danielson ist ein Mainstream-Star!
Verfasst von MS.de am 23.05.2012, 18:33 Uhr
[Lion's Take] The Legacy of WrestleMania 28: Bryan Danielson ist ein Mainstream-Star![Lion's Take] The Legacy of WrestleMania 28: Bryan Danielson ist ein Mainstream-Star!

WrestleMania. Superbowl des Wrestlings. Showcase of the Immortal. Grandest stage of them all. Die Zahl der Superlative reicht kaum aus, um den größten Wrestling-PPV des Kalenderjahres in seiner Bedeutung für die WWE angemessen zu beschreiben. WrestleMania ist im Verlauf von fast 30 Jahren zu einer Marke geworden, zu einem Gütesiegel, zu einem Höhepunkt der Entainment-Industrie in den USA. Kaum eine andere Kreation aus dem WWE-Hauptquartier in Stamford hat den Erfolg des McMahon-Imperiums in den letzten drei Dekaden so maßgeblich beeinflusst wie der Superbowl des Wrestlings. Zum Erfolg dieses außergewöhnlichen PPV-Konzepts hat sicherlich gerade in der Anfangszeit in vielerlei Hinsicht die immer wieder herausragende Vermarktung sowie die Einbeziehung von Prominenten aus der jeweils angesagten Popkultur der USA beigetragen. Was wäre WrestleMania 1 ohne Mr. T., Cindy Lauper und Muhammad Ali gewesen? Was WrestleMania 14 ohne den "Ohrbeißer" und "Baddest Man on the planet" - Iron Mike Tyson? Celebrities aller Couleur lockten immer wieder zahlreiche Non-Wrestling-Fans aus den amerikanischen Jugend- und Entertainment-Kulturszenen für eine Nacht zum Wrestling und machten WrestleMania so zu einer Buyrate-Sensation im amerikanischen "Pay TV". Dass sich viele von ihnen dann aber vom gezeigten Produkt begeistern ließen und auch danach Fans blieben, dafür sorgten in der Regel die beteiligten Wrestler an den jeweiligen Events.

Als Roddy Piper 1984 gegen Hulk Hogan und Schauspieler Mr. T. ("The A-Team") einen Kreuzzug begann, war er damit zwei Jahre lang ein Hauptthema (heute würde man wohl sagen: Ein "Trending Topic"!) beim angesagten Musiksender MTV. Seine Matchserien gegen die extrem populären Babyfaces bei den ersten WrestleManias sorgten auch nach den jeweiligen Events für viel Gesprächsstoff und heizten im Entertainment-Mainstream das Interesse am WWE-Produkt weiter an. Für noch viel mehr Wirbel sollten dann Hogans Gegner von WrestleMania 3 bis WrestleMania 7 in den jeweiligen Medien sorgen: Hogan vs. Andre? Größter Main Event aller Zeiten. Hogan vs. Savage (& Miss Elizabeth)? Über ein Jahr lang Hauptgesprächsthema unter Wrestling-Fans in den USA. Hogan vs. Warrior? Ein episches Spektakel, dass die Welt in Atem hielt und Jim Hellwig unsterblich machte. Hogan vs. Slaughter? Zumindest politisch gesehen am Ende eine große Kontroverse. WrestleMania kreierte jährlich Gesprächsstoff, hielt so das Interesse am WWE-Produkt schichtübergreifend in der Gesellschaft Nordamerikas wach und schuf oftmals Superstars, die im besten Fall zu Pop-Ikonen mit globalen Bekanntheitsgrad, ansonsten aber mindestens zu den größten Wrestling-Stars in den USA aufstiegen. Austin und Rock? WrestleMania machte sie zu Megastars auf der ganzen Welt. Shawn Michaels? Ein "Ladder"-Match und ein "Iron Man"-Match machte aus einem ehemaligen TagTeam-Wrestler einen der größten Namen seiner Generation. Bret Hart? WrestleMania legitimierte seine selbst gepushte Reputation als "Excellence of Execution" und "bester technischer Wrestler" seiner Zeit. Kurzum: Die WWE hatte es im Verlauf der Jahre immer wieder vorbildlich verstanden, ihren WrestleMania-Events eine "Legacy" nachfolgen zu lassen. "The grandest stage of them all" wurde immer wieder gezielt als Bühne dazu ausgewählt, um besondere Momente zu erschaffen, neue Stars zu kreieren und für reichlich Gesprächsstoff in den Monaten danach zu sorgen.

Und auch wenn das WrestleMania-Konzept in den letzten zehn Jahren immer mehr in die Richtung eines Celebrity-Treffens abdriftete und das eigentliche Wrestling dabei (im Vergleich zu den ersten zwei Dekaden) oftmals deutlich in den Hintergrund gerückt wurde (Donald Trump, Mickey Rourke und Floyd Mayweather lassen grüßen), schaffte es auch die moderne WWE der Post-Attitude-Ära weiterhin regelmäßig bei WrestleMania besondere Momente zu kreieren. Beispiele gefällig: WrestleMania XX: Das größte "Happy End" der Wrestling-Geschichte mit Chris Benoit und Eddie Guerrero feiernd im Ring. (Auch wenn es drei Jahre später keiner mehr erwähnen wollte.). WrestleMania 22: John Cena siegt gegen Chicago und bringt Triple H zur Aufgabe. WrestleMania 24: Shawn Michaels beendet die Karriere von Ric Flair. WrestleMania 25 & 26: Der Undertaker zementiert seinen Ruf als Legende mit zwei großartigen Matches gegen Shawn Michaels und zwingt den Heartbreak Kid schließlich ins Karriere-Ende. Kurzum: Die WWE demonstrierte auch in Zeiten des Monopols, dass man weiterhin gewillt ist, jeder WrestleMania zu einer speziellen "Legacy" zu verhelfen, die danach das WWE-Produkt in den wöchentlichen TV-Shows für lange Zeit beeinflussen sowie im Idealfall zahlreiche Aufhänger für neue Storylines bieten kann. Einem Shawn Michaels brachte so etwa 2008 sein finaler Sieg über Ric Flair gleich zwei spektakuläre Fehden gegen Batista und Chris Jericho ein.

Nicht immer lässt sich freilich eine "Legacy" einer WrestleMania auch im Vorfeld schon genau voraus planen. Zwar kann man im Wrestling (im Vergleich zu "echten" Sportarten) durch vorher minutiös geplantes Booking vieles an großen Momenten quasi auf dem Reißbrett im Büro entwerfen und dann hoffen, dass der eigene Plan aufgeht und man im Ring etwas Historisches zu sehen bekommt. Doch selbst in einer so prädeterminierten Entertainment-Industrie wie dem Wrestling-Business gibt es bekanntlich immer wieder Spielräume für besondere Augenblicke, die durch Interaktion mit den Fans entstehen und am Ende eben nicht komplett vorher vorausgesagt werden konnten. So kann es zu besonderen "WrestleMania-Moments" kommen, mit denen im Vorfeld keiner gerechnet hat. Und auch Verlierer können plötzlich zu Stars werden, über die die Fans nach dem Event noch wochenlang diskutieren. WrestleMania X sollte eigentlich eine Geschichte über Bret Hart erzählen. Nach dem PPV sprachen die Fans aber vor allem über das Leiter-Match zwischen Razor Ramon und Shawn Michaels. Oder noch präziser: Über den Heartbreak Kid. Dieser hatte zwar den Kampf verloren, dabei aber einige unglaubliche Moves gezeigt, die es vorher so noch nie im US-Wrestling zu sehen gab. Das Leitermatch machte ihn am Ende zu einem Star und nur ein Jahr später trat er bei WrestleMania XI um den World Title der WWE an. Noch krasser gegen die ursprüngliche Erwartungshaltung entwickelte sich im Jahr 2002 das Aufeinandertreffen von The Rock und Hollywood Hogan in Toronto. In einem Match, in dem Dwayne Johnson zu einem noch größeren Star gemacht werden sollte, feierte am Ende ausgerechnet der in die Jahre gekommene Hulkster seine triumphale Wiederauferstehung. Die Fans wollten einfach noch einmal Hulkamania feiern, machten entsprechenden Plänen der WWE-Booker einen Strich durch die Rechnung und verhalfen Hogan so zu einem vierten Frühling. Nur einen Monat später war er dann bereits neuer WWE Undisputed Champion. Trotz seiner Niederlage gegen The Rock bei WrestleMania X8. Manchmal sorgt freilich auch nur die überragende Matchqualität eines Kampfes für den meisten Gesprächsstoff und trägt damit zur Legacy des jeweiligen Events bei. WrestleMania 21 war im Vorfeld als Moment der Staffelübergabe an die beiden Auserwählten der letzten Dekade geplant worden - als "Krönungs"-Event für John Cena und Dave Batista, die beide ihren jeweils ersten World Title gewinnen sollten. Nach dem PPV sprach dann aber fast die gesamte Wrestling-Welt nur noch über Shawn Michaels und Kurt Angle, die mit einem atemberaubenden "*****"-Match allen anderen Superstars auf der Card die Show gestohlen hatten. Für den Olympic Hero ging es daher 2005 in seiner WWE-Laufbahn nach einer längeren Durststrecke auch endlich wieder nach oben. "Legacy" lässt sich also nicht immer planen, manchmal löst das Schicksal auch urplötzlich eine Entwicklung aus, mit der so vorher keiner gerechnet hatte. Dieses Phänomen lässt sich im Rückblick wohl auch bei WrestleMania 28 erkennen.

Gut sieben Wochen nach dem größten Wrestling-PPV des Jahres 2012 habe ich als Fan innerlich erstmals Bilanz gezogen und mich gefragt, was nun von diesem Event hängen geblieben ist und welche Konsequenzen die wichtigsten Matchausgänge für die heutigen Storylines sowie Superstars & Diven hatten. Was ist nun also das Erbe von WrestleMania 28? Und ich gestehe mir ein: Trotz dreier hervorragender Main Events kreisen meine heutigen Gedanken in keiner Weise mehr um eines dieser Matches. HHH vs. Undertaker III, End of an Era? Gesehen und vergessen. Beide Protagonisten tauchen eh kaum noch in den regulären Shows der WWE auf. CM Punk vs. Chris Jericho? Ein netter Sieg für Punk, aber in keiner Weise ein Showstealer, den Fans noch in 10 Jahren in einem Atemzug mit Klassikern wie "Bret vs. Owen Hart" (WrestleMania X), "Ricky Steamboat vs. Randy Savage" (WrestleMania 3) oder "Shawn Michaels vs. Chris Jericho" (WrestleMania 19) zitieren werden. Und der pompös über ein Jahr vorbereitete Main Event? In den aktuellen Shows spielt er quasi keine Rolle mehr. The Rock hat John Cena besiegt und ging danach zurück nach Hollywood. Konsequenzen für den Chaingang Commander hat dies am Ende so gut wie keine gehabt. Stattdessen gab es ein "Reset" und die Rückkehr von Super-Cena. Bei "Extreme Rules" besiegte er bereits wieder Brock Lesnar. Ùnd auch ohne Titel steht er weiterhin bei jedem PPV der WWE im Main Event. Die über 12 Monate künstlich hoch gehaltene Spannung um das erste Aufeinandertreffen zwischen The Rock und John Cena hat sich längst wieder in Luft aufgelöst. "Once in a lifetime" mag der WWE die beste WrestleMania-Buyrate aller Zeiten beschert haben. Zur Legacy des Events hat der große Kampf aber (im Gegensatz zu "Hogan vs. Andre", "Hogan vs. Warrior", "Hogan vs. Rock" oder "Austin vs. Rock", über deren Ausgang bis in den Herbst danach diskutiert und in den Shows Bezug genommen wurde) merkwürdigerweise bis jetzt kaum etwas beigetragen.

Die größte Geschichte von WrestleMania 28 mit nachträglicher Breitenwirkung war, Stand heute, wohl tatsächlich der Opener des PPVs. Dort sollte - wie schon im Vorjahr - der World Heavyweight Title von Friday Night SmackDown! ausgekämpft werden. Im Gegensatz zu WrestleMania 27 wechselte dann diesmal tatsächlich das große Gold auch den Besitzer. Und zwar in nur 18 Sekunden! Die Hintergründe für dieses kurze Squash-Match waren eigentlich offensichtlich: Der Auserwählte der WWE-Führungsetage, Sheamus, sollte nach seinem Rumble-Sieg auf möglichst spektakuläre Art und Weise seinen ersten Run als Babyface-Champion und Aushängeschild der Promotion beginnen, gerade weil in den Main Events der diesjährigen Wrestlemania leider kein Platz mehr für den Celtic Warrior übrig geblieben war. Das Kalkül der Booker, mit dieser Entscheidung die Fans zu überraschen und Sheamus einen großen WrestleMania-Moment zu bescheren, ging dann aber am Ende voll nach hinten los. Denn sein Gegner hieß an diesem Abend: Daniel Bryan.

Im Oktober 2011 war der frühere Bryan Danielson noch Edeljobber bei SmackDown! gewesen. Trotz seines "Money in the Bank"-Koffers und trotz seiner Ankündigung, diesen erst bei WrestleMania gegen den World Champion von SmackDown! eincashen zu wollen, glaubte zu diesem Zeitpunkt kaum ein Fan daran, dass er jemals einen überzeugenden World Title Run im McMahon-Imperium bekommen würde. Zu klein, zu wenig Charisma, zu austauschbar für eine große Rolle im WWE-Universe: So dachten noch im Herbst letzten Jahres viele Fans wie auch Experten. Und seine große Indy-Vergangenheit schien am Ende nur ein weiterer Stolperstein für seine WWE-Laufbahn zu sein. Zog ihn doch Kommentator Michael Cole zur Strafe für soviel vorzeitigen Ruhm im US-Wrestling regelmäßig als "Nerd" auf, der nur vor dem Internet hängt. Im World Wide Web gab es zudem regelmäßig Gerüchte zu lesen, dass Vince McMahon vom American Dragon eigentlich nicht viel hält und er der festen Überzeugung wäre, dass das "Nerd"-Image das einzige Gimmick wäre, was ihn überhaupt beim breiten Publikum als TV-Charakter interessant machen könnte. So schien noch im Herbst letzten Jahres eigentlich alles dagegen zu sprechen, dass Bryan Danielson jemals eine große Karriere in der WWE machen würde. Eine Rolle als "Midcard-Attraction" wie einst Chris Benoit? Vielleicht. Eine dauerhafte Rolle als Main Eventer an der Spitze eines WWE-Rosters im Stile eines Bret Harts oder Kurt Angle? Nie im Leben. So der Tenor auf vielen Fanforen im Jahr 2011. Im Gegensatz zu Kurt Angle oder dem Hitman sprach man Daniel Bryan schlichtweg die Fähigkeit ab, die Fans durch gute Promos oder kontroverses Micwork für seine Storylines zu begeistern.

Umso bemerkenswerter war daher für viele Beobachter sein sensationeller Aufstieg von Januar bis März 2012. Durch eine schwere Verletzung von Mark Henry durfte Bryan den World Title tatsächlich schon beim Dezember-PPV "TLC 2011" gewinnen. Man hatte zu diesem Zeitpunkt schlichtweg nur wenige Alternativen, so dass man das Risiko einging. Und schien damit auf die Nase zu fallen: Beim letzten RAW vor Weihnachten zog der neue World Heavyweight Champion als Babyface so gut wie keine Reaktionen und nahm am Ende der Show an einem Main Event teil, der für das schlechteste Rating eines "Overruns" bei Monday Night RAW nach über 14 Jahren sorgte. So sprach eigentlich nicht wirklich viel für einen erfolgreichen ersten Run als World Champion von Friday Night SmackDown!. Doch dann kam alles anders. Die Booker turnten Daniel Bryan notgedrungen wieder Heel, da der Titelgewinn bei TLC über Big Show eher die Tat eines karrieregeilen Opportunisten war, als die eines bravourös kämpfenden, "ehrenwerten" Sportmanns. Und der American Dragon schaffte es dann tatsächlich binnen kürzester Zeit zum interessantesten Heel-Charakter in beiden Shows aufzusteigen. Gerade am Mikrophon überzeugte Daniel Bryan die Fans jede Woche mehr und strafte damit alle Kritiker an seinem angeblich langweiligen Indy-Image Lügen. In Interaktionen mit seiner TV-Freundin AJ und mit immer gerisseneren Taktiken zur Verteidigung seines Titels gewann der frühere ROH Champion bei fast jeder Show weiter an Momentum. Die Fans liebten es nun plötzlich ihn zu hassen. Und so durfte er den World Title dann auch tatsächlich bis WrestleMania behalten, denn er war over wie nie zuvor in seiner WWE-Karriere.

Wie over er wirklich war, schien die WWE bei der Planung des PPVs allerdings noch gar nicht begriffen zu haben. Denn für viele Fans vor ihren TV-Geräten war bei der Bestellung von WrestleMania oder gar beim Gang ins Sunlife Stadium das erste richtige WrestleMania-Match von Daniel Bryan plötzlich ein großes Kaufargument. Nicht nur Rocky und Cena lockte die Fans mittlerweile vor die Bildschirme, sondern auch die Frage, wie Bryan sich gegen Sheamus schlagen würde. Nicht wenige gönnten dem ehemaligen ROH-Champion auch endlich ein richtig langes PPV-Match mit entsprechendem Spotlight auf großer Bühne, da er dann endlich sein wrestlerisches Talent vor einer möglichst großen Zuschauerzahl unter Beweis stellen würde können. Noch bei WrestleMania 27 war dieses Unterfangen daran gescheitert, dass man "Sheamus vs. Bryan" als US Title Match kurzerhand in die Pre-Show verbannte. Daher glaubten nun viele Fans an ein kompensatorisches Showstealer-Match im Jahr danach, schließlich sollte es ja diesmal sogar um einen World Title gehen. Da würden beide Männer doch sicherlich mindestens 15 Minuten bekommen ...

Pustekuchen!

Opener statt Uppercard. Und dann nach 18 Sekunden das ruhmlose Ende einer großartigen Titelregentschaft. Unfassbar. Sowohl im Sunlife Stadium wie auch in den Social Networks des Internets verharrten danach zunächst viele Fans in Schockstarre, bevor sie ihrer Empörung freien Lauf ließen. "Verarsche des Jahres" gehörte noch zu den harmloseren Kommentaren, die man fortan überall zu lesen bekam. Das WWE-Universe war sauer und begann noch beim gleichen Event gegen die Booking-Entscheidung zu rebellieren. Laute "Daniel Bryan"-Chants waren in der Folge bei vielen anderen Matches des Abends zu hören. Sheamus wurde als neuer Champion eher mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Und ein Chant, den Bryan drei Monate vorher als Instrument für seinen neuen Heel-Charakter erfunden hatte, das überschwängliche Jubeln nach einem fiesen Sieg - garniert mit Luftsprüngen und sich wiederholenden "YES!"-Schreien - wurde plötzlich aus Tausenden von Kehlen als Zeichen des Protests gegen die WWE-Entscheidungsträger angestimmt: "YES! YES! YES!" tönte es fortan bei den ersten Shows nach WrestleMania in den Hallen, wann immer Daniel Bryan nur in die Nähe einer Kamera kam. Ein Phänomen, was sich schnell verselbstständigte und viele lokale Märkte in den USA ansteckte. Waren es bei RAW nach WrestleMania in Miami noch vor allem die smarteren Fans aus der ganzen Welt, die dem Chant zu einem Kultstatus verhalfen und ein kollektives Happening in der ganzen Halle veranstalteten, breitete sich der Sprechchor danach auch in anderen Arenen des Landes aus. Der neue World Heavyweight Champion von SmackDown!, Sheamus, wurde dagegen bald bei jeder Show gnadenlos aus der Halle gebuht. Die WWE hatte mit ihrem "18 Sekunden"-Match paradoxerweise das Gegenteil von dem bewirkt, was sie eigentlich bei WrestleMania erschaffen wollte: Nicht Sheamus war nun ein großer Star, sondern Daniel Bryan.

Vieles deutet darauf hin, dass man ursprünglich für Bryan Danielson gar keine großen Pläne mehr für die Zeit nach WrestleMania hatte. Sein plötzlicher Run als Brückenchampion war am Ende eben wohl doch nur als Ubergangsregentschaft konzipiert worden, aus der er wieder Erwarten viel mehr gemacht hatte, als man ihm Vorfeld zugetraut hatte. Bryan Danielson fasst es in einem Interview mit GQ.com Mitte April 2012 zusammen:

"I thought the whole thing was unreal, that all these people were getting behind me. Or maybe they weren't getting behind me. Maybe it's just fun to chant "Yes!" But it was really cool. I came out and did a post-show [non-televised] dark match, and there was a really special moment where they were behind me 100%. [...]

Especially last week in Miami, I feel like part of it was a backlash against how short my match at Wrestlemania was. A lot of it is that people like to boo me, but they kind of like me. They don't want bad things to happen to me, like an 18-second loss at Wrestlemania, especially the hardcore fans, which is mostly who comes for Wrestlemania. People come from all over the world. They travel to Wrestlemania, and a lot of those people know my story, how long it took me to get a Wrestlemania match. And then for my first one to be an 18-second loss, it actually generated a lot of anger. [...]

I was World Heavyweight Champion for four months. I wanted to go out there and steal the show. I was trained by Shawn Michaels, and that's what he's notorious for. I've always had the mindset that my wrestling is as good as or better than anybody out there. I was really looking forward to going out there and showing everybody what I can do on the biggest stage of them all, and then I just wasn't able to do it. "

Quelle:
http://www.gq.com

Die euphorischen Reaktionen nach WrestleMania und die überall populären "YES!"-Chants ließen die WWE dann glücklicherweise umdenken. Nicht immer versucht man den Fans um jeden Preis eine vorgefasste Meinung zu Superstars zu diktieren, manchmal lässt man auch immer noch Publikumsreaktionen entscheiden und entscheidet dann, wie es mit einem Wrestler weitergeht. Und so bekam Daniel Bryan Ende April bei Extreme Rules dann doch noch endlich ein längeres PPV-Match gegen Sheamus. Und nicht Alberto Del Rio, den die WWE angeblich eigentlich ursprünglich als Herausforderer für diesen PPV vorgesehen hatte. Dieser war beim RAW nach WrestleMania als neuer Challenger vom Hallenpublikum schlichtweg nicht akzeptiert worden - Sheamus kämpfte derweil wochenlang gegen lautstarke Buhrufe an. Um Bryan bei "Extreme Rules" aber nicht wieder verjobben zu müssen, machte die WWE gnädigerweise gleich ein "2 of 3"-Fall-Match aus dem Kampf und gönnte dem neuen Shootingstar zumindest einen Fall gegen The Great White. Dass man ihn nach der finalen "1:2"-Niederlage gegen Sheamus aber noch nicht gänzlich als Main Eventer abgeschrieben hatte, sollte dann der Mai zeigen. Statt Bryan ein weiteres Mal gegen den Celtic Warrior zu stellen, schickte man ihn lieber als neuen #1-Herausforderer gegen WWE Champion CM Punk in den Ring. Die Chancen stehen damit für den Sommer gar nicht schlecht, dass er ein Dauergast in der "World Title"-Szene bleiben wird. Und ein baldiger Run als Heel Champion von Monday Night RAW scheint mittlerweile gar nicht mehr so realitätsfern zu sein. Neben Brock Lesner dürfte er im Moment die größten Chancen auf den "Spot" des Top Heels im Jahr 2012 bei der Montagsshow haben. Was, gerade im Angesicht seiner Lage im letzten Herbst, eine nicht oft genug zu erwähnende Sensation darstellt. Denn nun könnten ihm schon in sehr naher Zukunft die wirklich großen Money-Fehden und PPV-Kämpfe gegen WWE-Schwerkaliber wie Triple H, John Cena, The Undertaker, Randy Orton oder gar The Rock winken. Was angesichts seiner zweifellos grandiosen Fähigkeiten im Ring zu einigen echten wrestlerischen Leckerbissen führen dürfte. Und WrestleMania 28 hätte am Ende ein ganz bestimmtes Erbe hervorgebracht:

Der PPV, bei dem Bryan Danielson ein "Mainstream"-Star wurde. Sollte "Cena vs. Rock" nicht bald um ein spannendes Kapitel bereichert werden, dürfte dies tatsächlich das wichtigste Ergebnis von WrestleMania 28 für das aktuelle WWE-Roster sein. Eine ganz besondere Legacy für eine Indy-Legende, den keiner auf der Rechnung hatte und plötzlich von den Fans binnen eines Abends zu einem "Household Name" in den USA gemacht wurde. Wrestling mag in den USA nicht mehr so im Mainstream verankert zu sein wie in den 1980er-Jahren unter Hogan oder in den späten 1990er-Jahren unter Austin und Rock. Doch die drei bis vier Millionen TV-Zuschauer, die sich wöchentlich Monday Night RAW in den USA anschauen, stellen immer noch einen bemerkenswert großen Ausschnitt aus der "Masse" an amerikanischen Fernsehzuschauern dar. Wer hier monatelang im Main Event mitmischt und gegen die größten Wrestling-Stars der WWE antreten darf, bleibt für immer im Gedächtnis einer Nation präsent. Jedenfalls im Gedächtnis eines Teils von ihr. Daniel Bryan hätte es in vielerlei Hinsicht wie Jack Swagger 2010 ergehen können: Zu früh zum Titel gepusht, zu schwach als Champion dargestellt, zu schnell fallengelassen - der Ruf danach für immer zerstört. Dass es am Ende nicht so kam, hatte viel mit den glücklichen Umständen des Schicksals zu tun - aber auch mit einer Menge Talent auf der Seite des American Dragons. WrestleMania 28 hat seiner Karriere nun vermutlich endgültig eine entscheidende Wende gebracht. Und die Chancen stehen nun plötzlich gar nicht mehr schlecht, dass er in 20 Jahren einmal als einer der größten Wrestling-Stars seiner Generation in einem Atemzug mit Cena, Orton, Batista und CM Punk genannt werden wird. Daher ist Daniel Bryan für mich der "WWE Aufsteiger des Monats April 2012" - kein anderer Wrestler hat in diesem Zeitraum so signifikant an Bedeutung gewonnen wie der frühere Bryan Danielson. Als Fan darf man nun sehr gespannt sein, wohin ihn sein Weg im Jahr 2012 noch führen wird. The sky is the limit.

"Anderer Meinung? Für Feedback und konstruktive Kritik an seiner Kolumne sowie seiner Auswahl für den "Aufsteiger des Monats" ist der Autor wie immer sehr dankbar. Einfach eine eMail an lionheart@moonsault.de schreiben oder es direkt auf MOONSAULT.de im Feedback-Thread auf dem CyBoard ansprechen."


Bisherige WWE-Aufsteiger des Monats:

- Juni 2011: Mark Henry (Heiße Schokolade! Der WWE-Aufsteiger im Juni 2011 - und es ist nicht CM Punk!)
- Juli 2011: CM Punk (Rise of Personality! Der WWE-Aufsteiger im Juli 2011 - und diesmal ist es CM Punk!)
- August 2011: Kevin Nash (Zurück vom Schrottplatz: Diesel ist der WWE-Aufsteiger des Monats August 2011)
- September 2011: Mark Henry, World Heavyweight Champion (Der WWE-Aufsteiger September 2011: Faszination Mark Henry – wie aus einem Edel-Jobber in drei Monaten der größte Heel im WWE-Universe wurde)
- Oktober 2011: John Laurinaitis (Der steile Aufstieg eines Trittbrettfahrers!)
- November 2011: Daniel Bryan (Inflationsgefahr abgewendet? Daniel Bryan hat noch Geld auf der Bank!)
- Dezember 2011: Zack Ryder (Are you serious, bro? Ein Internet-Mark ist Wrestling-Champion von Amerika!)
- Januar 2012: Brodus Clay (Kolumne wird demnächst nachgereicht!)
- Februar 2012: Eve Torres (She looks good to me ... Hoeski statt Broski: Eve Torres ist der WWE-Aufsteiger Februar 2012!)
- März 2012: Chris Jericho ("... your sister however ..." - Mr. Letdown finally delivered: Chris Jericho ist der WWE-Aufsteiger März 2012)
- April 2012: Daniel Bryan (The Legacy of WrestleMania 28: Bryan Danielson ist ein Mainstream-Star! [WWE-Aufsteiger April 2012])

Alle anderen [Lion's Take]-Kolumnen im Jahr 2011:

- Royal Rumble 2011 Siegesprognosen: Del Rio vor CM Punk und John Cena
- Rezension: "UNDISPUTED" by Chris Jericho
- Rocky sucks! And so does WrestleMania!
- All we are saying ... is give CHRIS a chance!
- The Truth is ... MONEY IN THE BANK!
- PG goes to sleep ... (CM Punk is Money in the Bank - die WWE hat einen neuen Top-Star!)
- Triple H 2011 - one more for the good guys?
- DVD-Review: "The History of WWE: 1997 (told by Jim Cornette)"
- BluRay-Review: "WWE's Greatest Rivalries: Shawn Michaels vs. Bret Hart"
- Daniel Bryan bei TLC 2011: Let him fail today!

Alle anderen [Lion's Take]-Kolumnen im Jahr 2012:

- No Little Jimmy: John Laurinaitis - der beste RAW-GM seit Eric Bischoff! [100 Tage im Amt]
- Royal Rumble 2012 Siegesprognosen: 3 Favoriten und 3 Außenseitertipps
- Royal Rumble 2012: Sheamus didn't suck - Jericho als Vorletzter war das Problem!
- Daniel Bryan bei Elimination Chamber 2012: "Let him win today!"
- 100 Tage World Heavyweight Champion: Daniel Bryan 2012 - dank AJ ein Star für die nächsten fünf Jahre?
- It doesn't matter what the Rock says ... Ich freue mich auf WrestleMania!

Lionheart


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