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Kolumnen: [Lion's Take] John Laurinaitis: Der steile Aufstieg eines Trittbrettfahrers (WWE-Aufsteiger Oktober 2011)
Verfasst von Lionheart am 27.11.2011, 18:27 Uhr
[Lion's Take] John Laurinaitis: Der steile Aufstieg eines Trittbrettfahrers (WWE-Aufsteiger Oktober 2011)John Laurinaitis: Der Aufstieg eines Trittbrettfahrers (WWE-Aufsteiger Oktober 2011)

Vor zehn Jahren stieß im Zuge der Übernahme von World Championship Wrestling durch die WWE ein gewisser John Laurinaitis als einfacher Road Agent in den Kreis der Backstage-Crew von World Wrestling Entertainment. Der ehemalige Johnny Ace hatte erst im Jahr 2000 - nach einem erfolgreichen Run bei All Japan Wrestling - seine Karriere als aktiver Wrestler beenden müssen und danach als Booker in der von Vince Russo terrorisierten und im Sterben liegenden WCW sein Debüt gefeiert. Wie so oft in seiner Laufbahn profitierte Laurinaitis dabei von persönlichen Beziehungen hinter den Kulissen. Zehn Jahre nach seinem WWE-Debüt ist der Bruder von Road Warrior Animal backstage mittlerweile zu einem der mächtigsten Männer der Promotion aufgestiegen. Und seit dem 10. Oktober ist er der General Manager der wichtigsten Wrestling-Show der Welt: Monday Night RAW. In den letzten vier Wochen war er quasi der wichtigste Heel in der Promotion von Vince McMahon. Grund genug für MS.DE-Mitarbeiter Lionheart den früheren "Johnny Ace" (und Erfinder des beliebtesten Wrestling-Finishing Moves der letzten 15 Jahre) zum WWE-Aufsteiger Oktober 2011 zu küren. In seiner aktuellen Kolumne beleuchtet er daher folgerichtig den "Aufstieg eines Trittbrettfahrers".

John Laurinaits erblickte am 31.07.1962 als zweiter von drei Brüdern im kalifornischen San Bernadino das Licht der Welt. Alle drei Männer schlugen am Ende eine Karriere im Wrestling-Business ein. John Laurinaits feierte dabei 1986 bei Florida Championship Wrestling sein Debüt als „Johnny Ace“. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Marcus (The Terminator, später „Fury“ im WCW-Duo „Wrecking Crew“) trat er zunächst im TagTeam im Sonnenstaat der USA an. Damit eiferten die beiden Männer quasi dem Erfolg ihres großen Bruders Joe nach, der zu diesem Zeitpunkt unter dem Namen Roadwarrior Animal als Teil der legendären „Legion of Doom“ zu einem der bekanntesten TagTeam-Wrestler des Landes aufgestiegen war. Kurz nachdem Promoter Jim Crockett die Roadwarriors für sein NWA-Territorium verpflichten konnte, kam auch Johnny Ace in Georgia an. Zuvor hatte er bereits 1988 einen Sommer lang bei All Japan Wrestling im Duo mit Dan Spivey einen Gast-Run gehabt. Auch bei Crockett Promotions steckte man ihn wieder in ein TagTeam: Zusammen mit Shane Douglas – dem späteren „Franchise“ der ECW - bildete er das jugendliche Duo „The Dynamic Dudes“. Ihr Gimmick: Sie kamen mit Skateboards zum Ring! Als Manager stellte ihnen die Booker von Crockett Promotions sogar zunächst Jim Cornette zur Seite. Doch der zu diesem Zeitpunkt bekannteste Wrestling-Manager der USA turnte innerhalb kürzester Zeit wieder Heel und ließ die Dudes schließlich im Stich, um seine Dienste wieder dem „Midnight Express“ (diesmal mit Stan Lane) zur Verfügung zu stellen. Die Dynamic Dudes sollten in der danach folgenden Fehde eigentlich zu neuen Babyface-Aushängeschildern der NWA aufgebaut werden. Doch schnell zeigte sich, dass am Ende vor allem der „Midnight Express“ von der Rivalität profitierte und immer mehr von den Fans für ihre Aktionen bejubelt wurde. Douglas und Laurinaitis entwickelten schließlich beide Ambitionen eine Karriere als Single Wrestler einzuschlagen. Glaubt man Jim Cornette, ging der spätere Franchise eines Tages ins Büro von WCW-Präsident Jim Herd, um ein Finish ändern zu lassen. Kurz danach waren die Dynamic Dudes Geschichte. Während Shane Douglas danach zunächst sein Heil in der US-Indy-Szene suchte, verschlug es Johnny Ace erneut nach Japan. Bei All Japan Wrestling sah er dann im Sommer 1990 größere Chancen für seine Karriere. Nachdem die japanische Promotion ihre Zusammenarbeit mit der NWA beendete, entschied sich Laurinaitis für eine Zukunft im Land der aufgehenden Sonne.

Hier sollte er sich dann in den nächsten zehn Jahren vom Ruhm seines älteren Bruders emanzipieren. Als einer der wenigen regulären Ausländer im Roster von All Japan feierte er diverse Erfolge im TagTeam-Bereich. Viermal gewann er die damals durchaus prestigeträchtige AJPW World TagTeam Championship. Seine illustren Partner bei diesen Regentschaften: Puro-Legende Kenta Kobashi (2x), Dr. Death Steve Williams (1x) und Mike Barton (1x). Zusammen mit Kobashi gewann er zusätzlich noch zweimal die All Asia TagTeam Championship. Seine Leistungen im Ring fanden dabei mittlerweile weltweit Beachtung. 1996 zeichnete ihn der Wrestling Observer Newsletter für seinen TagTeam-Kampf mtit Kenta Kobashi gegen Mitsuharu Misawa und Jun Akiyama mit dem Award „Match of the Year“ aus. Dave Meltzer gewährte diesem Kampf ebenso die selten verliehene Auszeichnung von fünf Sternen wie schon ein Jahr zuvor dem Match: „Johnny Ace & Steve Williams vs. Mitsuharu Misawa & Jun Akiyama“. Laurinaitis hatte damit den Höhepunkt seiner aktiven Wrestling-Karriere erreicht. Böse Zungen (wie die von Mick Foley in seinem ersten Buch) behaupten freilich, dass sein Erfolg auch mit besonderen Backstage-Beziehungen zu tun hatte. Laurinaitis galt aufgrund seines athletischen Körperbaus und seiner für japanische Verhältnisse beeindruckenden Körpergröße von 1,97 m als Liebling von Motoko Baba, der Ehefrau von AJPW-Wrestling-Besitzer Giant Baba. Glaubt man der Gerüchteküche, entwickelte Mrs. Baba in den 1990er-Jahren eine Vorliebe für ausländische Wrestler, die sie für besonders attraktiv hielt. Und sorgte dann stets durch Einflussnahme auf Ihren Mann dafür, dass diese Auserwählten vom Booking-Team speziell protegiert wurden. John Laurinaitis galt backstage als einer von „Mrs. Babas Boys“.

Wie sehr er nun am Ende von seinem größten weiblichen Fan in Japan profitierte, kann heute freilich niemand mehr genau nachweisen. Fest steht auf jeden Fall, dass Johnny Ace sich im Ring enorm verbessern konnte und sich durch seine guten Matches schließlich auch den Respekt der japanischen Fans sicherte. Seine größte historische Leistung, die am Ende weitreichende Folgen für das Wrestling-Business auf der ganzen Welt hatte, war dabei wohl die Erfindung eines revolutionären Finishing Moves: Dem „Ace Crusher“. Dieser modifizierte „Inverted Neckbreaker“ (oder auch „ three-quarter facelock bulldog“), der in allen möglichen Kampfsituationen aus dem Nichts gegen den Gegner gezeigt werden kann, sorgte Mitte der 90er-Jahre in den Kämpfen von John Laurinaitis immer wieder für Furore und steigerte seine Popularität. Der „Finishing Move“ erlangte schließlich weltweite Berühmtheit, als ihn Diamond Dallas Page in den USA für seinen WCW-Run kopierte und als „DIAMOND CUTTER“ in sein Move-Arsenal aufnahm. In der WWF entwickelte derweil ein gewisser Stone Cold Steve Austin den Ace Crusher in einer modifizierten Form zum bekanntesten Finishing-Mänover der Attitude-Ära weiter: Den STONE COLD STUNNER! Und auch in der WWE der Neuzeit ist der Move des Johnny Ace noch präsent: Randy Orton nutzt ihm unter den Namen „RKO“ regelmäßig dazu, um seine Matches zu gewinnen.

Nach dem überraschenden Tod von Giant Baba im Jahr 1999 begann bei All Japan Wrestling schließlich ein Machtkampf um die Führung der Promotion. Laurinaits, der Gerüchten zufolge nicht länger für die Witwe Motoko Baba arbeiten wollte und mit Rückenproblemen zu kämpfen hatte, entschied sich dann im Jahr 2000 dazu, seine Zelte in Japan abzubrechen und seine aktive Wrestling-Karriere zu beenden. Den Weg zurück in die USA ermöglichte ihm dabei erneut sein Bruder Joe. Im chaotischen letzten Jahr von World Championship Wrestling hatte sich Road Warrior Animal mit den richtigen Seilschaften im Backstage-Bereich noch einmal einen Platz für einen größeren Run in der sterbenden Promotion gesichert. Seine Kontakte ermöglichten seinem jüngeren Bruder Johnny Ace nach der zweiten Ablösung von Vince Russo im Sommer 2000 so tatsächlich eine Führungsrolle im Booking-Team der WCW. Doch die letzte große Storyline der Promotion um die Heel-Fraktion „The Magnificent Seven“ konnte am Ende nicht mehr zu Ende erzählt werden, weil der TimeWarner-Konzern der Liga im März 2001 das Licht ausknipste und sie danach von Vince McMahon (& der WWE) aufgekauft wurde. Laurinaitis arbeitete in den letzten Wochen der Promotion mittlerweile auch als Road Agent und stieg in dieser Rolle schließlich – als einer der wenigen WCW-Angestellten, die von den McMahons übernommen wurden – auch bei World Wrestling Entertainment ein.

In den Jahren danach begann dann ein unerwartet schneller Aufstieg hinter den Kulissen für den WCW-Outsider. Während frühere WCW Main Eventer im TV-Programm der WWE in der Regel fast alle schnell verjobbt, ehemalige Ringrichter, Kommentatoren und Agents sogar binnen kurzer Zeit aussortiert wurden, überlebte Johnny Ace die Invasion-Storyline 2001 ohne größere Kratzer. Laurinaitis machte sich nützlich, sagte oft „Yes“ und gewann so backstage Gerüchten nach die Sympathie von Stephanie McMahon. Die ehrgeizige Tochter von Vince McMahon war just zu diesem Zeitpunkt gerade dabei, hinter den Kulissen eine Führungsrolle im neuen Writing-Team der WWE zu übernehmen. Im Frühjahr 2002 gab es schließlich eine grundlegende Neuorientierung hinter den Kulissen. Nach WrestleMania X8 nannte sich die Promotion von WWF in WWE um, sämtlicher offizieller Kontakt mit den US-Internet-Newslettern wurde abgebrochen, die Wrestler für Öffentlichkeitskontakte unter die volle Kontrolle der WWE-Presseabteilung gestellt, der Kader der Liga auf zwei Roster aufgeteilt. Nach 15 Jahren Konkurrenzkampf gegen die NWA und die WCW hatte eine neue Ära für die WWE im US-Wrestling-Business begonnen: Die des Monopols. Und hinter den Kulissen übernahm die sehr junge und unerfahrene Stephanie McMahon die Kontrolle über das WWE-Kreativteam. Relativ schnell wurden von der machtbewussten Ehefrau von Triple H alle einflussreichen Personen der alten Garde aussortiert und kaltgestellt. Stephanie McMahon wollte sich in ihrem Rookie-Year von keinem Veteranen in ihre Entscheidungen reinreden lassen und stellte stattdessen vorzugsweise Drehbuschreiber aus der US-Film- und Fernsehindustrie ohne Wrestling-Erfahrung für ihr neues „Writing-Team“ ein. Diese jungen Männer waren politisch aufgrund ihrer Unerfahrenheit mit der Materie „Sports Entertainment“ in der Regel keine Gefahr für die Tochter von Vince McMahon und daher eher willkommen als kritische Geister, die sie backstage hätten herausfordern können. Eine der wenigen Persönlichkeiten, die backstage immer noch gewaltigen Einfluss auf die Personalpolitik der WWE hatten, war indessen Jim Ross. Als „Head of Talent Relations“ bestimmte „Good Old JR“ immer noch maßgeblich darüber mit, welche Wrestler neu verpflichtet und später aus der Development-Liga OVW ins Hauptroster der WWE hochgezogen wurden. Damit war er automatisch auch ein politischer Störfaktor für Stephanie McMahon. Glaubt man der Gerüchteküche, führte dieser Konflikt hinter den Kulissen schließlich am Ende im Frühjahr 2004 auch zur überraschenden Ablösung von Ross als Personalchef der Promotion. Sein Nachfolger wurde der damals in der US-Öffentlichkeit völlig unbekannte John Laurinaitis …

Nach nur drei Jahren als Road Agent war Johnny Ace also plötzlich backstage in eine der wichtigsten Führungspositionen hinter den Kulissen der größten Wrestling-Promotion der Welt gelangt. Freilich auch in eine der undankbarsten. Denn der Personalchef darf nicht nur Leute einstellen, sondern muss sie am Ende auch entlassen, wenn das obere Management eine Kostenreduzierung durchsetzen will. Mit John Laurinaitis hatten die McMahons nun ein „Greenhorn“ für dieses Aufgabenfeld rekrutieren können. Karriereorientiert, formbar, gehorsam – so beschreiben viele Beobachter Johnny Ace im Jahr 2004. Nach seinem Karriereaus im Jahr 2000 war für Laurinaitis die Beförderung zum „Head of Talent Relations“ zweifelsohne wie ein „Sechser im Lotto“. Nur vier Jahre später war er der Personalchef der wichtigsten Wrestling-Promotion der Welt. Ein kometenhafter Aufstieg. Wer hätte dazu schon „Nein!“ sagen können?

Doch mit der neuen Position begann fortan auch die Kritik auf ihn einzuprasseln. Besonders schnell machte er sich bei den Development-Ligen der WWE politische Feinde. Denn im Gegensatz zu seinem Vorgänger Jim Ross verfolgte er das Programm von OVW und Co. erst gar nicht. Ergo nahm er auch auf keinerlei Storylines dort Rücksicht. Wenn die McMahons sich dafür entschieden, einen Wrestler hochzuziehen, wurde dies Jim Cornette und Danny Davis fortan zumeist nur noch in letzter Minute mitgeteilt, so dass diese größere Schwierigkeiten hatten, ihre Storylines zu Ende zu booken, da Wrestler plötzlich einfach „verschwinden“ oder gar – wie im Fall von OVW-Champion Nick „Eugene“ Dinsmore – zu komplett anderen Persönlichkeiten mutieren konnten. Immer wieder prangerten die Kritiker von Laurinaitis daher dessen angeblich mangelnde Kommunikationsfähigkeit und Menschenführung als Charakterschwächen des Personalchefs an. Jim Cornette ging später sogar noch weiter. Auf Rückfrage, wie es Laurinaitis überhaupt in die Position des Personalchefs hätte schaffen können, erwiderte die Manager-Legende lakonisch, dass Johnny Ace „gut in einem Anzug aussehen und sehr oft „YES!“ sagen würde“. Dies hätte Stephanie McMahon als Einstellungskriterium gereicht.

Cornette blieb im Verlauf der letzten sieben Jahre dann mit seiner Kritik an Laurinaitis auch nicht allein. Egal ob Wrestler, Diva, Road Agent, Referee oder Ringsprecher: Wer auch immer in der letzten Dekade von der Promotion entlassen wurde, hatte meistens in seiner Zeit danach einige negative Dinge über Johnny Ace zu erzählen. Etwas, was in der Geschäftswelt in der undankbaren Position des Personalchefs vielleicht teilweise durchaus normal sein mag. Was allerdings im Fall der WWE bei Laurinaitis-Vorgänger Jim Ross in dieser massiven Wucht noch niemals so vorgekommen war (Damals gab es allerdings auch noch die WCW, so dass Wrestler in der Regel sofort einen neuen Arbeitsplatz finden konnten.). Wer auch immer die WWE nach 2004 verließ, ließ an dem Mann mit der heiseren Stimme in der Regel kein gutes Haar. Hinterhältig, aalglat, unehrlich, intrigant, bösartig, inkompetent, verräterisch, McMahon-hörig, denunzierend, manipulierend – die Liste der Vorwürfe war lang und machte spätestens ab 2005 immer mehr im Internet die Runde. Erschwerend für den angekratzten Ruf des „Johnny Ace“ kam zudem noch hinzu, dass die WWE spätestens ab 2004 immer weniger Storylines für ihre Undercarder entwickelte, bei Entlassungswellen den betroffenen Wrestlern und Diven dann jedoch trotzdem immer wieder lapidar mitteilen ließ: „We’re sorry, creative just hasn’t got anything at the moment for you!“ Eine offensichtliche Lüge, da viele Superstars längst das seltsame System der neuen Writing-Teams durchschaut hatten und sich fragten: „Warum tun die Schreiber nicht ihren Job und entwerfen auch für mich eine Storyline?“ In der Attitude-Ära Ende der 90er-Jahre war es schließlich noch Standard gewesen, dass wirklich so gut wie jeder Wrestler vom damaligen Booking-Team in eine Rivalität zu einem anderen Roster-Mitglied verwickelt wurde. In der WWE nach 2002 musste man dagegen gerade als Undercarder (und oftmals auch als Midcarder) schon darauf hoffen, dass man Beziehungen zu einzelnen Writern hatte, um überhaupt in den Shows irgendwie voranzukommen und der Willkür der neuen WWE-Hollywood-Maschinerie zu entkommen. Selbst Titelgewinne retteten am Ende manche Wrestler nicht vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Ob Paul London & Brian Kendrick als längste amtierende WWE Tag Team Champions der letzten Dekade, Shelton Benjamin als Intercontinental Champion oder MVP als US Champion: Storylines und Charakterentwicklung blieb ihnen auch mit Gold um die Hüften oft genug komplett versagt. Von der damals noch existierenden Cruiserweight Division ganz zu schweigen.

So war es nur natürlich, dass Laurinaitis mit Aussagen wie „Du hast es leider nicht geschafft, over zu werden!“ oder den eben schon zitierten: „Leider hat die Kreativabteilung für Deinen Charakter im Moment keine weiteren Ideen!“ bei Entlassungen den Zorn vieler Wrestler und Diven auf sich zog, die zuvor jahrelang vergeblich darauf gehofft hatten, irgendwann vielleicht doch noch einmal eine signifikante Storyline zu erhalten. Manch ein vielversprechender Rookie wurde gar während eines ersten Runs schon durch besonders haarsträubende Gimmicks direkt zerstört. Aus Matt Morgan machte die WWE einen Stotterer, aus Nick Dinsmore einen geistig Behinderten und aus diversen OVW-Champions männliche Cheerleader. Wenn es dann irgendwann nicht mehr weiterging, weil die Gimmicks nicht mehr over waren oder keine neuen Storylines mehr für die Neuzgänge geschrieben wurden, folgte meist relativ schnell die Entlassung, übermittelt von Mr. John Laurinaitis. Als Sinnbild für das System „Corporate WWE“ stellten ihnen daher viele der gefeuerten Superstars danach im Internet an den Pranger. Sein Standard-Ausspruch in Kündigungsgesprächen - „We wish you all the best in your future endeavours“ - wurde danach meist zynisch von vielen Entlassenen reflektiert und oft genug auch kritisiert. Denn der neue Geist in dem mittlerweile an der Börse notierten Unternehmen stellte nun regelmäßig „Business über den Menschen“. Diva Dawn Marie erhielt ihre Entlassungspapiere, als sie kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes stand. Jackie Gayda und Charlie Haas überraschte Laurinaitis mit einem Anruf nach der gemeinsamen Hochzeitsreise im Sommer 2005: Nachdem er kurz zuvor schon Jackie entlassen hatte, feuerte er telefonisch – direkt nach dem Honeymoon - nun auch Ehemann Charlie. Es waren diese zahlreichen Auftritte als Bote der schlechten Nachrichten in der Mitte der letzten Dekade, die ihm im Internet einen nachhaltigen Ruf als besonders gefühlskalt einbrachten. Und ihn in den Weiten des World Wide Web immer mehr zu einer Anti-Figur machten. Während Vorgänger Jim Ross auch bei Kündigungen den Ruf genoss, die schlechte Nachricht den Betroffenen möglichst sensibel beizubringen, sagte man Laurinaitis nach, im zwischenmenschlichen Bereich zu versagen und stets äußerst schmierig, verlogen und hinterlistig rüberzukommen. Den McMahons war es letztendlich egal. Sie waren froh, jemanden gefunden zu haben, der diesen undankbaren Job für sie ausfüllte und am Ende auch daran interessiert war, in diesem Posten zu bleiben und Karriere zu machen. Ergo belohnten sie John Laurinaitis zweimal mit großen Beförderungen und Gehaltsaufstockungen: 2007 stieg er zum „Senior Vince President of Talent Relations“, 2009 schließlich gar zum „Executive Vice President of Talent Relations“ auf. Zwischendurch rückte er auch ins „Board of Directors“ und damit in das wichtigste Führungsgremium des Unternehmens auf.

Sein steiler Aufstieg ist in vielerlei Hinsicht für das McMahon-Imperium außerordentlich bemerkenswert:

Er ist der erste Wrestler, der es in der an der Börse notierten WWE nach seiner aktiven Karriere in die obersten Führungsetage des Managements geschafft hat.

Er ist der erste Wrestler, der zu seiner aktiven Zeit nie für die McMahon-Familie gearbeitet hat, der es hinter den Kulissen so weit nach oben in der WWE schaffte. (im Vergleich zu früheren markanten Einflussfiguren wie etwa Pat Patterson, Sgt. Slaughter, etc.)

Er ist der einzige Mann, der in der WCW im Jahr ihres Untergangs in einer Führungsposition war, der danach auch in der WWE Karriere hinter den Kulissen Karriere machte.

Alle diese Fakten lassen seinen beruflichen Werdegang in den letzten 10 Jahren in einem spektakulären Licht erscheinen, da die McMahons ihr Führungspersonal zuvor in der Regel stets auf der Basis von langjährigen Beziehungen rekrutiert hatten. Für Laurinaitis bleibt festzuhalten, dass er am Ende wohl einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Das Schicksal hatte es gut mit ihm gemeint und beruflich zu einem steilen Aufstieg verholfen, den er in seiner aktiven Wrestling-Karriere sicherlich nicht mehr hätte erreichen können.
Und es war wohl auch am Ende eine besonders spektakuläre Wende des Schicksals, die ihm im Jahr 2011 plötzlich noch einmal einem Millionenpublikum auf der ganzen Welt als Top-Heel im WWE-Universe bekannt machte. Denn irgendwann im Frühjahr muss irgendjemand mit Einfluss hinter den Kulissen auf die Idee gekommen sein, den spektakulär schlechten Ruf des John Laurinaitis in den Weiten des World Wide Web für eine Storyline „im TV“ auszunutzen. Die einen munkeln, es war Stephanie McMahon, die anderen deuten auf Triple H, der bekanntlich seit 2010 hinter den Kulissen für sein zukünftiges Berufsfeld eingearbeitet wird. Wer immer es am Ende auch backstage durchsetzte: Im Juni 2011 begann für den früheren Johnny Ace, ohne dass er es gewollt haben soll, eine dritte Karriere im Wrestling-Business: Die der schmierigen Autoritätsfigur VOR den Kameras. Denn CM Punk machte den Personalchef der WWE bei seiner berühmten Wutrede bei Monday Night RAW zum Thema und sprach das aus, was die kritischen Stimmen im Internet schon lange über diesen verbreitet hatten und es gerne einmal im TV von jemanden ausgesprochen haben wollten:

„John Laurinaitis - a glad-handing, nonsensical, douchebag, yes man" who would "tell (Vince McMahon) anything he wants to hear" (CM Punk)

Die Promo, die von Herzen kam und doch vorher mit Vince McMahon abgesprochen war, markierte am Ende den Anfang eines Wrestling-Angles, der den einstigen Johnny Ace zu einer zentralen Figur in einer komplexen Verschwörungsstoryline machte und ihn für die fiktive Welt bei Monday Night RAW zu einer immer bedeutender werdenden Persönlichkeit aufsteigen ließ. Schon beim RAW vor dem „Money in the Bank“-PPV war er erstmals an der Seite von Mr. McMahon im TV zu sehen. Hier wurde er in erster Linie als gehorsamer Befehlsempfänger präsentiert. Beim PPV ließ man ihn dann schon aktiver ins Geschehen eingreifen: Im Auftrag von Vince McMahon versuchte Laurinaitis bei „Money in the Bank“ CM Punk daran zu hindern, den WWE Titel von John Cena zu gewinnen. Am Ende vergeblich. In den Wochen danach führte dann die Ablösung von Mr. McMahon als CEO überraschend zu einer Ausweitung seiner Rolle vor den Kameras. Fortan griff der WWE-Personalchef immer häufiger selbst zum Mikrophon und stellte sich dem Fernsehpublikum stets mit dem immer gleichen Satz vor: „My name is Mr. John Laurinaitis, and I am the EXECUTIVE VICE PRESIDENT of Talent Relations“ röchelte er fortan Woche für Woche den Fans entgegen. Warum er plötzlich in den Storylines mitmischte und welche Motivation ihn nun am Ende eigentlich antrieb, wurde dabei zur allgemeinen Verblüffung nie wirklich aufgeklärt. Sein plötzlicher Einsatz VOR den Kameras lässt sich eigentlich nur mit der plötzlichen Vorliebe für Internet-Trends im WWE-Office erklären, die sich seit dem Sommer in vielen Angles bei RAW und SmackDown! widerspiegelte. Denn das Bild des schmierigen, langweiligen Büro-Hengst, der stets auf seinem Titel rumreitet und kontroverse Entscheidungen trifft, ist am Ende ziemlich genau das Porträt, was sich viele Fans durch die diverse Kritik im Internet vermutlich immer in Gedanken von Laurinaitis ausgemalt haben dürften. Nur: Sind diese smarten Zuschauer am Ende wirklich in der Mehrheit, dass sie den Push von Johnny Ace zum wichtigsten Heel von Monday Night RAW rechtfertigen können? Zweifel sind hier durchaus angebracht.

Denn die Storyline um sein intrigantes Wirken plätschert seit dem Juli erstaunlich ziellos durch das Programm. Immer wieder hat man den Zuschauern gezeigt, dass Laurinaitis nach Gesprächen im Backstage-Bereich gerne zum Handy greift, um anderen Leuten eine SMS zu schreiben. Als beim Summer Slam 2011 plötzlich Kevin Nash in die WWE zurückkehrte und CM Punk attackierte, dominierte in den Wochen danach die Frage nach einer ominösen SMS für Big Sexy die Storyline. Viele Fans rechneten daher damit, dass schon bald John Laurinaitis als Strippenzieher entlarvt werden würde. Doch am Ende kam alles ganz anders: Kevin Nash gab zu, sich die SMS selbst geschrieben zu haben (???) und Johnny Ace blieb weiterhin eine nebulöse Figur im Hintergrund. Im Oktober sollte er dann bei RAW in einen offenen Machtkampf mit Triple H verwickelt werden. The Game war als „COO“ 12 Wochen lang die wichtigste Autoritätsfigur bei Monday Night RAW gewesen. Im Oktober entzog ihm das RAW-Roster dann das Vertrauen. Und wieder wurde dem Fernsehzuschauer suggeriert, dass auch diese Entmachtung von John Laurinaitis aus dem Hintergrund orchestriert wurde. Diese Theorie wurde dann noch zusätzlich dadurch unterstrichen, als das „WWE Board of Directors“ einen neuen Interims-RAW-„General Manager“ einsetzte: John Laurinaitis. Damit krönte man seinen Aufstieg im letzten Herbst am Ende also auch noch mit einer (vorerst) festen Rolle als wichtigste „On Air“-Autoritätsfigur im WWE-Universe. Eine Position, dier er vermutlich noch länger bekleiden wird, da die WWE bisher keine Anstalten machte, einen regulären RAW General Manager zu benennen. Mit gutem Grund: Denn mittlerweile ist der „Executive Vice President of Talent Relations“ beim Publikum als Heel over. Und da RAW im letzten Herbst über so gut wie keinen überzeugenden Heel unter den Wrestlern verfügte, kann man mit mittlerweile ohne Augenzwinkern sagen, dass John Laurinaitis vom Spätsommer an der wichtigste „Bösewicht“ im WWE-Universe war – auch wenn er ironischerweise von der Promotion „offiziell“ noch gar nicht als Heel präsentiert wurde, sondern vielmehr als ambivalent, durchtrieben und undurchsichtig. So oder so bleibt festzuhalten, dass John Laurinaitis niemals zuvor eine derart große Bedeutung für das Wrestling-Business in den USA hatte wie im Oktober 2011. Damit ist er für den Autor dieser Kolumne unumstritten der "Aufsteiger des Monats“!

Und die Chancen stehen gut, dass Johnny Ace dem WWE-Universe noch eine Weile im Fernsehen erhalten bleibt. Bietet er durch seine schmierige Persönlichkeit doch quasi den idealen Gegenpart zu CM Punk, der seinen großen Push ja auch gerade auf der Basis realer Mißstände hinter den Kulissen, die insbesondere durch den WWE-Personalchef verkörpert wurden, mit einer legendären Wutrede begann. Das Potenzial für eine mehrmonatige Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Männern ist nun auf jeden Fall da. Und wer weiß: Vielleicht steigt Johnny Ace ja doch noch einmal ein letztes Mal in den Ring und verpasst CM Punk den Ace Crusher? Everything can happen in the WWE.

Lionheart



Alle anderen [Lion's Take]-Kolumnen im Jahr 2011:

Royal Rumble 2011 Siegesprognosen: Del Rio vor CM Punk und John Cena
Rezension: "UNDISPUTED" by Chris Jericho
Rocky sucks! And so does WrestleMania!
All we are saying ... is give CHRIS a chance!
The Truth is ... MONEY IN THE BANK!
PG goes to sleep ... (CM Punk is Money in the Bank - die WWE hat einen neuen Top-Star!)
Fünf Jahre Babyface: Triple H 2011 - one more for the good guys?
DVD-Review: "Timeline - The History of WWE: 1997 (told by Jim Cornette)"
BluRay-Review: "WWE's Greatest Rivalries: Shawn Michaels vs. Bret Hart"


Bisherige WWE-Aufsteiger des Monats:

Juni 2011: Mark Henry (Heiße Schokolade! Der WWE-Aufsteiger im Juni 2011 - und es ist nicht CM Punk!)
Juli 2011: CM Punk (Rise of Personality! Der WWE-Aufsteiger im Juli 2011 - und diesmal ist es CM Punk!)
August 2011: Kevin Nash (Zurück vom Schrottplatz: Diesel ist der WWE-Aufsteiger August 2011)
September 2011: Mark Henry, World Heavyweight Champion (Der WWE-Aufsteiger September 2011)
Oktober 2011: John Laurinaitis (Der steile Aufstieg eines Trittbrettfahrers!)
November 2011: Daniel Bryan (Inflationsgefahr abgewendet? Daniel Bryan hat noch Geld auf der Bank!)

Lionheart



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