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THE HISTORY OF ECW
Teil 1 (1992 - 1994) | Teil 2 (1994 - 1995) | Teil 3 (1996 - 1997) | Teil 4 (1997 - 1999) | Teil 5 (1999 - 2001)
Teil 3: This is Extreme! (1996-1997)
Anfang 1996 konnte die ECW auf ein äußerst erfolgreiches Jahr zurückblicken. Die Fans in Nordamerika sahen die kleine Promotion immer mehr als "wahre" Nr. 3 hinter WWF und WCW an, viele Independent-Wrestler standen Schlange um in der Viking Hall wrestlen zu dürfen. Doch auch die Schattenseiten des Ruhms hatte die Company in diesem Jahr schmerzhaft erfahren müssen, als WWF und WCW-Talenscouts die Midcard der ECW plünderten und für ihre eigenen Roster aufkauften. Doch nicht alle diese Abgänge fanden in ihrer jeweils neuen Heimat das große Glück. Während Chris Benoit, Eddie Guerrero, Rey Misterio, jr. und Dean Malenko in der WCW zu Mainstream-Stars wurden, erlitt ausgerechnet der größte Name der ersten beiden ECW-Jahre, Shane Douglas, in der WWF in nur neun Monaten Schiffbruch. Ausgestattet mit einem lächerlichen Gimmick und backstage ein Opfer der "Clique" um Shawn Michaels und Kevin Nash beendete "The Franchise" schließlich aus freien Stücken sein WWF-Engagement.

Und so kehrte ein frustrierter Douglas Ende 1995 schließlich in die Stätte seiner größten Erfolge zurück - in die Viking Hall von Philadelphia zu Extreme Championship Wrestling. Dort wurde sein Comeback von den Fans allerdings unerwartet kühl aufgenommen. In seiner Abwesenheit war die Identifizierung mit den drei Buchstaben E-C-W bei vielen Fans noch weiter angestiegen und zu einer Lebenseinstellung geworden. Mehr denn je haßte man des Etablishment im Wrestling-Business, WWF und WCW, und mehr denn je verabscheute man Wrestler, die für mehr Geld die ECW Richtung Atlanta oder New York verließen. Die „Cactus Jack"-Storyline hatte diese Emotionen nur noch weiter kanalisiert und so wurde das einstige Aushängeschild der Promotion, der „Franchise", bei seiner Rückkehr in die Bingo-Halle mit frostigem Desinteresse begrüßt.

Erst das große Geld einstreichen und dann beim ersten Mißerfolg zurückkommen? Das entsprach nicht wirklich dem Hardcore-Stolz der Fans und so musste Douglas in seinen ersten Wochen in der alten Heimat sehr hart um die Akzeptanz als Main Eventer kämpfen. Um aus dem Lehrer Dean Douglas wieder den „Franchise" der ECW zu machen, beschloss Paul Heyman ihn gegen den WWF-Verräter Cactus Jack zu booken. So kam es im Januar 1996 zu einem Angle, bei dem Mick Foley in einem Kampf gegen Douglas mit Handschellen gefesselt wurde und danach von diesem sowie dem Sandman und dessen Singapore Cane die Tracht Prügel seines Lebens verabreicht bekam. Der Franchise verteidigte die Ehre von Extreme Championship Wrestling gegen den „Sellout" Cactus Jack und konnte die Fans damit teilweise wieder versöhnen. Drei Jahre vor jenem legendären „Royal Rumble" - Kampf gegen The Rock, bei dem Mick Foley - ebenfalls in Handschellen gefesselt - 11 Stuhlschläge auf den ungeschützten Hinterkopf verpasst bekam, spielten sich ähnliche Szenen in der ECW Arena von Philadelphia ab. Doch hier war Cactus Jack der Heel und nicht wie Mankind beim Rumble das Babyface, so dass die meisten der anwesenden Fans den Sandman und den Franchise für ihre harten Aktionen gegen den hilflosen Foley lautstark bejubelten. Dieser schrie schließlich verzweifelt nach seinen verstoßenen TagTeam-Partner um Hilfe: Mikey! Mikey!

Und Mikey Whipwreck kam angesichts dieser brutalen Szenen dann tatsächlich zum Ring gespurtet ... nur um den hilflosen Cactus Jack einen Stuhl über den Schädel zu ziehen!

Was die ECW Arena endgültig zum kochen brachte. Solche ungewöhnlichen Überraschungen, die mit der Erwartungshaltung der Fans spielten und Angles in Storylines auch mit „politisch uncorrect"en Enden auflösten, machte einen großen Teil des Flairs der Promotion im Frühjahr 1996 aus. In der WCW fehdete zur gleichen Zeit Hulk Hogan gegen den Dungeon of Doom, während in der WWF der Gimmick-Wahnsinn in der Midcard u.a. einen Klempner ins Programm spülte. Die Attitude-Ära, bei der wie oben beschriebene Überraschungen zum Standard werden sollten, lag noch in weiter Ferne. Das musste auch Mick Foley erfahren, der bei seinem Wechsel nach Stanford von Vince McMahon persönlich zu hören bekam, dass die WWF nicht am Charakter „Cactus Jack" interessiert sei. So bestritt der legendäre Hardcore-Wrestler, der sich in den Vorjahren in WCW, ECW, Japan, Europa und dem Indy-Zirkus einen so großen Namen gemacht hatte sein vorerst letztes Match unter dem ruhmreichen Gimmick des Mr. BANG! BANG! in der ECW Arena - gegen Mikey Whipwreck.

Paul Heyman zeigte sich beim Booking des Kampfes von seiner dankbaren Seite und ließ den legendären CACTUS JACK sein letztes Match clean mit dem Double Underhook DDT gewinnen - ein ungewöhnlicher Schachzug für eine Wrestling-Promotion, wo doch normalerweise die Wrestler over gebracht werden, die der jeweiligen Liga erhalten bleiben als die, die ihr den Rücken zurückkehren. Doch Mick Foley hatte der ECW in seinen 18 Monaten in Philadephia viel gegeben, was Heyman ihm hoch anrechnete. Und so verließ Cactus Jack die Bingo-Halle am Ende als strahlender Sieger, den die Fans nach dem Match mit „Standing Ovations" feierten. In seinen letzten Minuten versöhnte sich Mick Foley also doch noch mit den Leuten, die in den Monaten zuvor unermüdlich beschimpft und gereizt hatte. Er schnappte sich ein letztes Mal das Mikrophon, brach „Character" und feierte zusammen mit der Comey-Fraktion der ECW - Stevie Richards und dem Blue Meanie - zu den Klängen von „New York, New York" tanzend seinen Abschied von der Viking Hall in Richtung World Wrestling Federation. Cactus Jack war damit (vorerst) Geschichte. Nur einen Tag später zog sich Mick Foley eine Ledermaske über den Kopf und feierte bei einem Dark Match als verrückt-labiler MANKIND sein WWF-Debüt ...

Ihm sollte am Ende glücklicherweise der Gimmickwechsel nicht so sehr schaden wie einst Shane Douglas, der sich nun wieder in der ECW durchbeißen musste. Der Franchise war nun nicht länger der Top-Heel der Promotion, denn in seiner Abwesenheit war der Stern eines Mannes aufgegangen, der Extreme Championship Wrestling fast das gesamte Jahr 1996 über dominieren konnte:

Raven

Scott Levy, so der bürgerliche Name des Rabens, war als junger talentierter Independentwrestler bereits Anfang der 90er Jahre von Dusty Rhodes und Eric Bischoff für die WCW verpflichtet worden und hatte dort in seinem Rookie-Jahr u.a. unter dem Namen „Scotty Flamingo" - mit Diamond Dallas Page als Manager an seiner Seite - sogar den WCW Lightheavyweight Title von Brian Pillman gewinnen können. Doch der neue Präsident von World Championship Wrestling, „Cowboy" Bill Watts, hielt nicht viel von dem Newcomer und beendete 1992 abrupt dessen Midcard-Push. Ein frustierter Levy nahm darauf ein Angebot der World Wrestling Federation an und wechselte Anfang 1993 nach Stanford. Dort wusste man ihn allerdings auch nicht einzusetzen und schob ihn zunächst in die Farmliga USWA (von Jerry Lawler) ab, wo er mit Lawler Sohn Brian Christoper die TagTeam-Title gewinnen konnte. Mitte des Jahres zog man ihn dann allerdings doch noch ins WWF-Programm hoch, jedoch vorerst nur als Manager und nicht als Wrestler:

Johnny Polo war geboren. Levy verkörperte ab unter diesem Namen ab sofort ein verzogenes Reiche-Eltern-Kind, dass im Polo-Hemd, Polo-Kappe und Golfschläger seine Schützlinge zum Ring begleitete und diese in deren Kämpfen oftmals mit unfairen Aktionen unterstützte und so zu Siegen verhalf. Während sein Engagement für Adam Bomb (Brian Lee) nur eine kurze Zeit anhielt, führte er die Quecbecers (Jacques Rougeau und Pierre LaFitte) als Manager immerhin innerhalb kürzester Zeit an die Spitze der WWF TagTeam Division und schließlich zu Titelehren. Mitte 1994 widmete er sich dann aber immer mehr Tätigkeiten hinter den Kulissen, wo er sich schließlich begeistert in die Produktion von Video-Vignetten von neuen wie aktuellen WWF Wrestlern stürzte (u.a. Undertaker vs. Undertaker 94). Außerdem moderierte er als „Johnny Polo" fortan die Show „WWF All-American Wrestling" auf dem USA Network. Seine aktive Wrestling-Karriere schien damit bereits Geschichte zu sein ehe sie richtig begonnen hatte, da die WWF mit seinen Backstage-Jobs zufrieden war und ihn ihren Sendungen nach dem Abgang der Quebecers schließlich gar nicht mehr als Manager einsetzte. Diese Perspektive reichte Levy aber nicht, der sich danach sehnte, wieder in den Ring steigen zu dürfen. Als die WWF ihm schließlich klar machte, dass man ihn definitv nicht mehr als Wrestler einsetzen würde, verließ er Ende 1994 aus freien Stücken die Company und einen sicheren Job um einen Neuanfang in der Independent-Szene zu wagen. Paul Heyman steckte sofort die Fühler nach dem Mann aus, den er noch aus der WCW kannte und arbeitete mit ihm zusammen ein neues Gimmick aus. Tot war der bunte und leichtmütig-oberflächliche Scotty Flamingo, tot war auch der Golfschläger-schwingende Johnny Polo, neu geboren war der düster-vielschichtige Raven, ein Heel-Charakter, wie ihn die Wrestling-Szene zu diesem Zeitpunkt noch nie gesehen hatte ...

In der ECW begann alles damit, dass Rookie und Undercarder Stevie Richards in den TV-Shows plötzlich behauptete, dass er Ex-Wrestler Scotty Flamingo aka Johnny Polo bei einem „Pearl Jam"-Konzert getroffen hätte und dieser nun als Head Road Agent und „Groupie-Tester" für die Band arbeiten würde. Da Richards in seinen ersten ECW-Jahren immer wieder andere Gimmicks aus der Wrestling-Szene kopierte - meist zur Belustigung der Fans in Philadelphia - war es kein Wunder, dass Stevie diesmal die ersten Charaktere von Scott Levy im Business kopierte.

Zunächst verkleidete er sich als „Stevie Flamingo", dann als „Stevie the Body" - in Anlehnung an Levys erste Gimmicks „Scotty Flamingo" und „Scotty the Body" - und besiegte in diesen Kostümen jeweils einen Jobber. Joey Styles machte sich derweil am Mikrophon regelmäßig über die vergessenen Wrestling-Charaktere aus WCW und WWF lustig und zog ein vernichtendes Urteil über Johnny Polo: „A rose by any other name would still stink ..." In der dritten Woche endete dann aber Richards Siegesserie, als er auf Tommy Dreamer traf und von diesem clean gepinnt wurde. Das machte den armen Stevie dann aber erst so richtig wütend. Er versprach den spottenden Fans unmittelbar nach dem Match schon bald den „echten" Johnny Polo in der ECW Arena zu präsentieren ...

... und so kam es am 07.01.1995 zu einem denkwürdigen Interviewsegment zwischen Stevie Richards und Joey Styles. Auf Nachfragen des Kommentators, wann denn Johnny Polo endlich in der ECW Arena auftauchen würde, erwiderte Richards, dass jemand anderes auf den Weg in die Viking Hall sei ... dafür gerade ein Double Date mit Eddie Vedder von Pearl Jam aufgegeben hätte ... und außerdem wahnsinnig wütend auf Tommy Dreamer sei ...

WHAT? Wer kommt denn da?

... fragten sich die Fans. Richards gab Ihnen die Antwort:

Now I hear this story about Tommy Dreamer touring Japan and I think that's a bunch of B.S. I think he's back in Yonkers hiding because he knows my man is gonna be here tonight, but let's not talk about Tommy Dreamer, because as I said January the 7th 1995 is a historical night in ECW and now Joey Styles I'd like to give you punks ... the debut ... no, no ... The birth of ... THE RAVEN!!!!"

Zu den Klängen von The Offspring - „Come Out and Play" - erschien ein Mann in der ECW Arena, der äußerlich nur noch wenig mit Johnny Polo oder Scotty Flamingo gemeinsam hatte:

„Ministry"-T-shirt, schwarze Kampfstiefel, zerrissene kurze Jeanshosen, ein Flannell-shirt um die Hosen gewickelt, Halskette und Nasenring - so präsentierte sich RAVEN bei seiner Prmiere den Fans in Philadelphia. Seine ersten Worte in der neuen Heimat (zu Stevie Richards):

„You suffered a minor setback last week, you know there are 12 year old kids in cracked filled stupors, parents are abusing their children (smiling) We've all had that happen. Did you ever wake up with a stack of cardboard boxes for a pillow and newspapers for a blanket?"

Und so nahm die seltsame Abhängigkeitsbeziehung zwischen dem naiv-treuen Richards und dem düster- dominierenden Raven ihrer Anfang ... letzterer führte dann bei seinem ersten Interview auch gleich seine ureigenste Cachphrase ein:

Stevie verneinte die Frage Ravens mit einem Kopfschütteln.

Raven: "Then do not let it happen again!"
Steve: "I won't"
Raven: "I want elimination by any means neccesary, Quote the Raven ... Nevermore.

Sprach der Rabe nimmermehr ... ein Schelm, wer hier an Parallelen zu Figuren aus der Welt der Märchen und Sagen denkt ...

Schon bald wurde klar, dass der „Raven"-Charakter ungemein viele Facetten aufwies und damit einen Heel mit Tiefgang darstellte, den man in WCW und WWF zu diesem Zeitpunkt vergeblich suchte. Folgende Eigenschaften kristallisierten sich - neben den offensichtlichen Anleihen aus der damals in den USA ungemein populären „Grunge"-Subkultur (nirvana, Pearl Jam, etc.) - in seinen ersten Wochen in der ECW heraus:

- Raven wurde offenbar als Kind mißbraucht und wuchs in erbärmlichen Verhältnissen auf.
- Raven haßt die Welt für sein Schicksal.
- Ravens einzige Möglichkeit von seinen seelischen Schmerzen für einen Moment wegzukommen besteht darin anderen Menschen Schmerz zuzufügen.
- Raven zeigt fast nie Emotionen, und wenn, dann nur zu scheinbar unpassendsten Gelegenheiten - etwa, wenn er anderen Menschen Schmerz zufügt.
- Raven haßt Tommy Dreamer, den er noch aus seiner Schulzeit kennt!

Stoff genug also für eine große Fehde des Rabens gegen den aufstrebenden Hardcore-Wrestler, der 1994 so lange um die Anerkennung der Fans in der Viking Hall hatte kämpfen müssen. Keiner sollte jedoch Anfang 1995 ahnen, wie groß diese Auseinandersetzung im Verlaufe nächsten zwei Jahre werden sollte, so dass sie von vielen Experten heutzutage als die aufregendste, wichtigste und größte Fehde in der Geschichte der ECW angesehen wird.

In den Wochen nach seinem Debüt nahm Raven in Video-Einspielern von einem Kinderspielplatz (!) und einem Klassenzimmer unentwegt Tommy Dreamer aufs Korn - in poetisch-kryptischen Versen:

"The world Is full of Kings and Queens, They'll blind your eyes and steal your dreams. Kurt Cobain didn't make it and he left an entire generation of tortured souls behind. Tommy Dreamer take heed ... Quote The Raven ... Nevermore."

"The pain and suffering of a childhood lost. An empty swing, An empty promise. A broken dream, A broken home. It's strange how laughter looks like crying.... with no sound and raindrops taste like tears ... without the pain. Tommy Dreamer, you will relive the turmoil and anguish of an uncertain youth. Quote The Raven ... Nevermore."

„Tommy Dreamer, you will return to the inescapable horror of the classroom of your youth. Except this time, you will not graduate!"

Im Februar 1995 begann er Stevie Richards als „Guru"/"Mentor" zum Ring zu begleiten und zu weiteren Siegen zu verhelfen, doch bei „ECW Double Tables" musste sein Schützling erneut eine Niederlage gegen Tommy Dreamer einstecken. Nachdem dieser versuchte Raven in die Finger zu kriegen und ihn als WWFler beschimpfte, zog sich der Newcomer erst einmal zurück ... und rekrutierte sich eine Woche später Verstärkung über Stevie Richards:

Johnny HotBody und Tony Stetson, frühere TagTeam Champions von Eastern Championship Wrestling, schlossen sich überraschend Raven an, mit der Begründung, dass sie in diesem den legitimen Anfüherer „ihrer" Generation erkannt hätten. Ein neuer Stable war geboren:

Raven's Nest

Und das Nest des Rabens sollte schon bald zur dominierenden Heel-Gruppierung der ECW aufsteigen (nachdem sich die erste Triple Threat von Shane Douglas auflöste, was insbesondere Tommy Dreamer schon bald schmezhaft erfahren sollte. Am 24.03.1995 trat er in einem Generation X Gauntlet Match gegen alle Mitglieder des Stables nacheinander an - nur bei einem Sieg gegen alle drei Gehilfen von Raven - so die Abmachung im Vorfeld - würde dieser, der mit Handschellen am Ring gefesselt war, gegen ihn in den Ring steigen. So kämpfte Tommy Dreamer verbittert gegen die Übermacht des Nests ... und schien dabei erfolgreich zu sein ...

Pinfall gegen Tony Stetson.

Pinfall gegen Johnny HotBody.

Pinfall gegen Stevie Richards.

Nun sollte Dreamer also endlich auf Raven losgehen dürfen ... BANG! da attackierte dieser ihn auch schon hinterrücks. Terry Funk hatte ihn in der Zwischenzeit von seinen Handschellen befreit, so dass er Tommy sofort angreifen konnte. EVENFLOW DDT auf die scharfe Handschellen-Kante:

1-2-3. Raven besiegt Tommy Dreamer. Dieser erlitt bei dem Finishing-Move eine blutende Platzwunde an der Stirn, die mit 17 Stichen genäht werden musste ... EXTREME war die Fehde damit geworden, was sich in den nächsten Monaten noch weiter verdeutlichen sollte.

Während im April Dreamer gelobte, Rache für die Niederlage nehmen zu wollen, stellte Raven sein Nest neu zusammen. Er schmiss völlig überraschend Tony Stetson und Johnny Hotbody aus der Gruppierung und ließ sie von seinen neuen „Jüngern" , den Pitbulls, verprügeln. Und es sollte noch besser kommen, denn am gleichen Abend überraschte Stevie Richards seinen „Meister" noch mit einem neuen Valet für die Gruppierung, dass aus seiner und Dreamers Vergangenheit entsprungen war:

Beulah McGillicutty

Richards erklärte den verblüfften Fans in der Viking Hall, dass Dreamer und Raven einst in ihrer Jugend als beste Freunde als zusammen in ein Summer Camp gefahren waren und der junge Tommy sich dort in die fette Beulah verliebt hatte. Daran zerbrach schließlich die Freundschaft zwischen den beiden Jungen, denn ein eifersüchtiger Raven zerstörte am Ende die junge Beziehung, in dem er Beulah quälte und unentwegt hänselte. Nun habe er, Stevie Richards, sie für die ECW gewinnen können. Das fand Raven dann aber gar nicht lustig und prügelte erst einmal auf Stevie ein:

„You brought that fat piece of hell here?"

Fat?

Nun, nicht ganz, denn als Beulah schließlich in der Halle auftauchte, war aus dem häßlichen, dicken Highschool-Girl von einst mittlerweile ein Penthouse-Playmate geworden, dass ungemein sexy und vor allem schlank aussah. Unterwürfig warf sie sich vor Raven nieder und bat darum in sein Nest aufgenommen zu werden. Dieser akzeptierte dies schließlich, sehr zum Zorn und Ärger von Tommy Dreamer, der seine Jugendliebe nun in den Klauen des Bösen verschwinden sah.

Am gleichen Abend kam es dann noch zum ersten Single-Match Raven vs. Tommy Dreamer OHNE ein vorher stattfindendes Gauntlet. Und diesmal schien ein ausgeruhter Dreamer das bessere Ende für sich zu habe, als er Raven mit allerlei Foreign Objects auf brutale Art und Weise blutig schlug ... Da erschienen plötzlich Richards und McGillicutty am Ring und sorgten für allerlei Verwirrung. Nachdem Beulah scheinbar zunächst Dreamer elfen wollte, wurde sie von Stevie attackiert und gewürgt. Tommy ließ darauf von Raven ab um ihr zu helfen ... und bekam zur Belohunung eine Prise Hairspray in die Augen gesprüht. Superkick von Richards, Evenflow DDT von Raven, 1-2-3. Wieder hatte Raven Dreamer besiegen können. Und Beulah hatte derweil ihre Loyalität zum Nest unter Beweis gestellt.

Damit ging die Fehde in eine neue Runde und gewann das gesamte Jahr 1995 immer mehr an Fahrt. Was Tommy Dreamer auch versuchte, so sehr er sich auch anstrengte, NIE gelang ihm ein Pinfall gegen Raven, IMMER und IMMER wieder verhinderten widrigste Umstände und Schicksalsschläge einen Sieg über seinen Erzfeind. Nur bei Houseshows-Kämpfen, die von der ECW für die eigene Geschichtsschreibung „offiziell" nicht gewertet wurden, gelang ihm ab und zu ein Three-Count gegen seinen Rivalen. Die Niederlagenserie sollte schon bald zu einem Running Gag in der Viking Hall werden, da die Fans bei jeder erneuten Auseinandersetzung dem Kampfende mit mehr Spannung entgegenfieberten und sich immer wieder fragten: Wird Dreamer heute endlich endlich Raven schlagen? Am Ende wurde diese Frage dann immer wieder mit NEIN! beantwortet.

Raven stieg durch die Fehde derweil zum meist gehaßtesten Heel der Company auf. Sein mystisch-unkonventionelles Auftreten, die Art, wie er seine „Jünger" behandelte und sein brutaler, gnadenloser Kampfstil - neben dem Evenflow DDT setzte er auch mit Vorliebe Foreign Objects und Steel Chairs bei Moves ein - wie z.B. beim Drop Toe Hold Into Standing Chair - zogen die Fans in ihren Bann und ließen sie relativ schnell Johnny Polo vergessen. Raven war Hardcore und over - das erkannte schließlich auch Paul Heyman und bookte seinen neuen Top-Heel Ende 1995 gegen den Sandman.

James Fullington sollte sich als frisch gebackener ECW World Champion eigentlich möglichst schnell „Superstar" Steve Austin stellen, doch dessen Abgang zur WWF verhinderte diese Main-Event-Fehde in letzter Minute. Damit schlug die Stunde von Scott Levy. Nachdem er im Sommer 1995 bereits zusammen mit Stevie Richards ECW World TagTeam Champion geworden war, setzte ihn Heyman nun auf das ganz große Gold der Company an: den WORLD Heavyweight Title. Nachdem ihm der erste Anlauf auf den Titel im Dezember 1995 noch mißglückte, weil Tommy Dreamer erneut gegen ihn eingriff, sollte er im Januar 96 dann mehr Glück haben - allerdings auch sein Valet Beulah McGillicutty für immer verlieren ...

Raven's Nest hatte derweil erneut einige Personalfluktuationen zu verkraften. Nachdem Pittbull #1 und Pitbull #2 selbst Ansprüche auf die TagTeam-Title von Raven und Stevie Richards anmeldeten, wurden sie aus der Gruppierung geschmissen und fortan zu erbitterten Feinden des Rabens. Im Herbst 1995 rekrutierte Stevie Richards dann aus dem Publikum einen dicklichen Fan als neues Mitglied:

The Blue Meanie

Von seinem Look her (angemalte Augenmaske, blau angefärbtes Haar, weißes T-Shirt über Speckbauch) ein echtes Unikat und nicht gerade wie ein Hardcore-Wrestler wirkend, bildete dieser von da an zusammen mit Stevie Richards die Comedy-Abteilung der ECW. Da beide großes Talent dafür hatten, andere populäre Gimmicks und Charaktere der nordamerikanischen Wrestling-Szene nachzuahmen, ließ Paul Heyman ihnen und ihrer Kreativität fortan freien Lauf und räumte ihnen in den ECW TV Shows immer wieder 5minütige Segmente für ihre meistens brüllend komischen Imitationen ein. Ins Visier nahmen sie dabei vor allem die besonders peinlichen Gimmicks aus WCW und WWF der damaligen Zeit, die die Fans in Philadelphia seit jeher verabscheuten wie die Pest. So konnte es passieren, dass die blutdurstige Crowd in der ECW Arena zwischen „Barb Wire"- und „Singapore Cane"-Kämpfen plötzlich die „adeligen" BLUE BLOODS aus der WCW („Lord" Steven Regal & „Earl" Robert Eaton) zu Gesicht bekam, bzw. meinte sie zu Gesicht zu bekommen, denn unter den lächerlich wirkenden Kostümen und Adelsperücken steckten in Wirklichkeit natürlich Richards und der Meanie. So machten die beiden sich als Comedy-Act einen Namen und zogen Woche für Woche andere Wrestler durch den Kakao. Nachdem beispielsweise das Top-TagTeam „Public Enemy" die Promotion Richtung WCW verlassen hatte, tauchten sie kurze Zeit später zu altem Entrance Theme noch einmal in der Viking Hall auf ... oder besser gesagt: Stevie Rock und Meanie Grunge liefen in die Halle ein - unter dem begeisterten Jubel der Fans.

Doch trotz all dieser humorigen Einlagen blieben sie ein fester Bestandteil von Raven's Nest und ihrem Herrn und Meister hörig. Dieser hatte im Angesicht der bevorstehenden Auseinandersetzung mit dem amtierenden ECW World Heavyweight Champion, dem Sandman, ihre Unterstützung auch bitter nötig. Doch ausgerechnet kurz davor platzte eine Bombe, die ihm sein Valet rauben sollte. Am 07.01.1996 versuchte Stevie Richards (in scheinbarer Abwesenheit von Raven) bei Beulah zu landen und machte sich im Ring an sie heran. Diese blockte seine ungestümen Annäherungsversuche aber ab, was den eigentlich so netten und zahmen Stevie diesmal allerdings nicht bremsen konnte, da er unbedingt die ebenfalls anwesende Missy Hyat von seinen Qualitäten als „Womanizer" beeindrucken wollte. Und so kam es in den nächsten 5 Minuten zu einigen sensationellen Enthüllungen, die die anwesende Crowd zum Teil völlig vom Hocker riss, weil sie wieder einmal von einer Booking-Idee Paul Heymans ÜBERRASCHT worden waren ...

Beulah: "Stop it ... because I don't want to be touched."
Stevie: "Oh, what's the matter? Oh, is it because you're Raven's girlfriend?"
Beulah: "No! I'M PREGNANT!"

„ICH BIN SCHWANGER!" verkündete Beulah McGillicutty an diesem denkwürdigen Tag in der ECW Arena und brachte damit die Fans zum Kochen. Stevie Richards klappte die Kinnlade herunter, während sich alle fragten: „Wie konnte das nur passieren?" und „Wer ist denn nun der Vater?"

Das wollte dann auch Raven von ihr erfahren, der nach der Enthüllung sofort in den Ring stürmte.

Raven: "You're what? You're pregnant!? The pills say one day at a time, moron! What are you an idiot?!"
Beulah: "What do you care! It's not yours!"

„Es ist nicht Dein Kind, Raven!" Das fand der Rabe natürlich gar nicht witzig und begann sofort danach auf den armen Stevie Richards einzuschlagen. Denn hatte nicht Stevie die ganze Zeit über Beulah immer äußerst nett behandelt? Nur er konnte der Vater sein, wer sonst sollte in ihre Nähe gekommen sein?

Beulah: "No! Stop it! Stop it! It's not his either . . . it's Tommy's."
Joey Styles: "Tommy's?!"

Nach diesem Satz stand die Halle endgültig Kopf. Raven konnte es nicht fassen und begann Beulah zu würgen ... als plötzlich Tommy Dreamer himself - in schwarzer Lederjacke und Flanell-Shirt gekleidet - zum Ring stürmte um seinen Erzrivalen von weiteren Schandtaten abzuhalten. Angefeuert von den begeisterten Fans setzte es am Ende einen Piledriver gegen Raven in einen Kuchen (!) hinein. Ein gereifter Tommy Dreamer verließ dann am Ende des Abends glücklich die ECW Arena - in seinen Armen seine Jugendliebe Beulah McGillicutty - in der mittlerweile über ein Jahr andauernden Fehde gegen seinen Erzfeind sein bis dahin wohl größter Triumph. Fortan war Beulah SEINE On-Air-Freundin, die von ihm ein Kind erwartete, während der gehörnte Raven sich nach Ersatz umsehen musste ...

... diesen fand er eine Woche später in einem neuen Valet: Kimona Wanaleia.

Am 27.01.1996 kam es dann schließlich zum großen Titelkampf gegen den Sandman. In einem wilden Hardcore-Match, bei dem der Champion zwischendurch sämtliche Mitglieder des Raven's Nest mit dem Singapore Cane bearbeitete und schon wie der sichere Sieger aussah, machte am Ende Cactus Jack den Unterschied aus. Mick Foley war in seinen letzten ECW-Tagen eine Mini-Allianz mit Raven eingegangen, da man in Tommy Dreamer einen gemeinsamen Feind hatte. Als dieser in das Titelmatch eingriff um Raven zu bearbeiten, stürmte ihm Cactus Jack hinterher und verpasste dem Sandman im Ring den Double Underhook DDT auf einen Steel Chair. Ein wilder Brawl zwischen Ravens Lakaien und Cactus Jack auf der einen sowie Tommy Dreamer auf der anderen Seite folgte. Als sich das ganze nach außerhalb des Ringes verlagerte, nutzte Raven die Gunst der Stunde für seinen Finishing-Move:

Evenflow DDT gegen den Sandman auf einen Steel Chair!

Das Cover ... 1-2 ...3 (!)!

We got a new Champion!

Nur 13 Monate nach dem Scott Levy seinen sicheren Job als Video-Producer für die WWF aufgeben hatte, stand er auf dem Höhepunkt seiner Wrestling-Karriere:

World Heavyweight Champion von EXTREME Championship Wrestling, einer Promotion die just zu diesem Zeitpunkt dabei war sich als Liga Nr. 3 in Nordamerika zu etablieren. In ihrer wichtigsten und wohl auch besten Zeitperiode führte Raven die ECW als Champion an. Das nun folgende Jahr sollte dabei unter Beweis stellen, dass Levy keine Eintagsfliege an der Spitze war, sondern ein würdiger Top Heel, an dem sich die Babyfaces der Liga für lange Zeit die Zähne ausbeißen sollten ...

Am Ende dieses historischen Abends seines ersten World Title Gewinns drehte sich freilich immer noch alles um die schwangere Beulah. Raven schnappte sich das Mikrophon, erklärte der Crowd, dass er nun Kimona und den World Title besitze und deshalb „on top of the world" wäre. Beulah brauche er dagegen nicht mehr, wie er sie sowieso nie gebraucht hätte ...

Tommy Dreamer musste sich derweil nicht mit der Tatsache herumärgern, dass sein schlimmster Feind der neue World Champion der ECW geworden war, sondern auch mit seinem temporären Partner Shane Douglas. Der Franchise behauptete in den folgenden Wochen nämlich immer wieder, dass Beulah ihn heimlich hintergehen und anlügen würde. Nachdem Tommy dies zunächst nicht glauben wollte, kam es im Frühjahr in der ECW Arena erneut zu einem äußerst denkwürdigen Angle. Nachdem ein wütender Dreamer von Douglas endlich die Wahrheit über seinen Nebenbuhler wissen wollte, enthüllte der Franchise vor den Augen der verblüfften Fans, dass Beulah heimlich eine lesbische Liebesbeziehung zu Ravens Valet Kimona pflegte (It's not a HE, Tommy, It's not a HE ...)...

Die beiden Mädels gingen darauf aufeinander zu und begannen sich unter dem Gröhlen der Menge leidenschaftlich zu küssen ... OH - MY - GOD!

„What do you say, Tommy Dreamer?"

- „I say I take both of them, because I'm hardcore!"

Sprachs und verpasste beiden Damen einen Zungenkuss.

Ein Lesben-Angle (der erste in der Geschichte des nordamerikanischen Wrestlings) gefolgt von einem flotten Dreier in einer US-amerikanischen TV-Show?

Das konnte nicht gut gehen und so kam es wie es kommen musste: Fast alle TV-Stationen, die die ECW ausstrahlten, nahmen die Sendung OFF AIR. EXTREME Championship Wrestling war Opfer der Zensur geworden - und prompt wieder in aller Munde. Was sie zu diesem Zeitpunkt allerdings eh schon war.

Das sich immer weiter verbreitende Internet machte es 1996 nämlicher immer einfacher für Fans in ganz Nordamerika wie auf der gesamten Welt die Geschenisse in der Liga zu verfolgen, die zuvor in erster Linie durch Mund-zu-Mund-Propaganda, Hotlines und Tapetrader nationale Berühmtheit erlangt hatte. Die regelbrecherische Anti-Establishment-Haltung der Promotion zog dabei immer mehr Zuschauer nach Philadelphia. An der ganzen Ostküste stiegen Fans in ihre Autos um für einen Abend bis zu drei-vier Stunden zur berühmtesten Bingo-Halle der Welt zu reisen, nur um die Hardcore-Revolution einmal selbst live miterlebt zu haben. Fortan waren fast alle regulären Veranstaltungen in der Viking Hall wie auch die Houseshows innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Der frische Ruhm der Promotion lockte zudem immer mehr talentierte Indy-Wrestler nach Philadephia, die mittlerweile zum Teil monatelang sehnsüchtig auf ein OK des ECW-Managements für einen Run in der Liga warteten.

Einer von diesen hungrigen Indy-Talenten war der junge Chris Irvine, der zuvor im TagTeam mit Lance Storm (The Thrillseekers) als Chris Jericho bei Smokey Mountain Wrestling für Furore gesorgt hatte. Anfang 1996 verpflichtete ihn Paul Heyman dann zu seiner großen Freude für EXTREME Championship Wrestling ... wo er die Fans sehr schnell durch sein technisch erstklassiges Wrestling und sein charismatisches Auftreten hinter sich bringen konnte. Am 22. Juni 1996 gelang ihm bei HARDCORE HEAVEN 96 der Sieg über Pitbull #2 und damit der Gewinn des ECW TV Titles. Sein Run mit dem „kleinen" Gold der Liga sollte allerdings nicht lange anhalten, da WCW Talent Scouts bereits auf ihn aufmerksam geworden waren. So verlor er am Ende seinen Titel nach nur drei Wochen als Champion in einem Fatal Four Way bei HEAT WAVE 96 an Shane Douglas. Kurz darauf gab Chris Jericho sein Debüt bei World Championship Wrestling, in einem Match bei WCW Monday Nitro gegen einen gewissen Alex Wright ... der Rest ist Geschichte. Jericho wurde zum Mainstream-Star in WCW und WWF und später zum ersten UNDISPUTED Champion. Die kurze Zeit in der ECW war - rückblickend betrachtet - dabei für seine Karriere wohl das entscheidende Sprungbrett ...

Ein Sprungbrett sollte sie auch für Brian Pillman werden, der 1996 die Wrestling-Welt mit einer privat ausgeklügelten Storyline schockte, die alle drei führenden Ligen: WCW, WWF und ECW einband und am Ende für die damalige Zeit als einer der größten Shoot-Angles in der Geschichte des nordamerikanischen Wrestlings einging.

Was war passiert?

Das Langzeit-Midcard-Babyface der WCW, Flyin' Brian, war Mitte 1995 überraschend zum Heel geturnt und hatte kurz darauf zusammen mit Arn Anderson und Ric Flair die legendären IV Horsemen wieder auferstehen lassen (Chris Benoit wurde die Nr. 4). Um endlich weg von dem Milchbubi-Image des netten, ewig lächelnden High-Flyers wegzukommen, kreierte Pillman ein neues Gimmick für sich - das eines völlig durchgeknallten Wrestlers, der scheinbar absichtlich „kayfabe" bricht, gegen alles und jeden shootet und seinen Rausschmiss aus der Company provozieren will.

The Loose Cannon war geboren.

Ende 1995 waren Shoot-Interviews, die Bezug auf die „reale" Welt hinter den Kulissen nahmen noch etwas absolut außergewöhliches und gerade in der Hogan-lastigen WCW eigentlich ein absoluter Tabubruch. Doch die Resonanz auf die ECW-Interviews von Mick Foley und Steve Austin hatte eindeutig gezeigt, dass die Fans hungrig auf diese „Kayfabe"-Brüche waren und sie in der Regel mit guten Einschaltquoten belohnten. Das sich verbreitende Internet enthüllte zudem immer schneller für ein immer größer werdendes Publikum die „wahren" Hintergründe im Wrestling-Business, so dass Backstage-Rivalitäten den Fans weltweit immer mehr bekannt waren. Viele Hardcore-Fans sehnten sich daher nach reiferen „Insider"-Angles, weil diesem zu diesem Zeitpunkt noch etwas absolut unerhörtes waren.

Pillman sollte diese Wünsche im Winter 1995/96 reichlich bedienen. Immer mehr flippte er in seinen Kämpfen aus und konnte oftmals nur mit Mühe von Arn Anderson beruhigt werden. Wahllos griff er Kommentatoren (Bobby Heenan!) und Ringrichter an, planlos beschimpfte er die Interviewer und Announcer (u.a. Tony Schiavone und Eric Bischoff). Da der Verlauf des Angles nur einem kleinen Zirkel an Personen bekannt war, fingen selbst mehr und mehr WCW-Angestellte an daran zu glauben, dass Pillman es wirklich auf eine Entlassung anlegte. In der fiktiven Welt der WCW-storylines befand er sich derweil in einer erbitterten Fehde gegen den Taskmaster des Dungeon of Dooms, Kevin Sullivan, wieder - der zu diesem Zeitpunkt „zufällig" auch noch im Kreativteam saß. Nachdem es ursprünglich eine Allianz von Horsemen und Dungeon gegen die Hulkamania gegeben hatte, brachten die ständigen Undizipliniertheiten Pillmans in der Storyline Sullivan so in Rage, dass er ihn für WCW SUPERBRAWL VI im Februar 96 zu einem „Strap"-Match herausforderte. Das Match könne nur dann beendet werden, wenn ein Wrestler ins Hallenmikrophon die Worte „I RESPECT YOU" schreien würde. Pillman akzeptierte die Herausforderung und sorgte dann beim PPV für einen Skandal.

Nach nur 59 Sekunden Kampfzeit griff sich die Loose Cannon plötzlich das Mikro, grinste Sullivan frech an und sprach dann laut und deutlich die Worte:

„I respect you, Bookerman!"

What? Die Fans in der Halle rieben sich verblüfft die Augen, während die SmartMarks unter ihnen aufgeregt zu tuscheln begannen.

Waren sie etwa gerade Zeugen eines Shoot-Angles geworden?

Hatte Kevin Sullivan etwa im Vorfeld in seiner Funktion als Booker eine Niederlage von Pillman im Strap-Match verlangt, die dieser dann nicht akzeptieren wollte?

Hatte Brian Pillman etwa wirklich absichtlich das SCRIPT eines vorher abgesprochenen Wrestling-Kampfes gebrochen um Kevin Sullivan vor den Augen der Welt bloßzustellen?

Es sah alles danach aus. Die Kommentatoren verkauften das Matchende als Skandal, Bobby Heenan prognostizierte Pillman die Entlassung und Arn Anderson kam verzweifelt als „pflichtbewusster" Wrestler zum Ring um an der Stelle seines Horsemen-Kollgens gegen Sullivan zu kämpfen um „so den Fans doch noch etwas für ihr Geld zu bieten".

Alles roch nach einem handfesten, realen Skandal. Getoppt wurde der Vorfall dann wenige Tage später, als „The Loose Cannon" plötzlich in der ECW Arena auftauchte ...

Unter dem begeisterten Jubel der Menge zog Brain Pillman in die Viking Hall ein. Was würde der zu diesem Zeitpunkt scheinbar heißeste Regelbrecher im Professional Wrestling der Welt zu sagen haben?

Pilman behauptete, dass die WCW ihn entlassen habe und er ab sofort ein Free Agent sei. Danach begann er dann aber die Fans zu beschimpfen und drohte an, seinen „Johnson" (seinen Penis) aus der Hose herauszuholen und in den Ring zu urinieren. Das fand die Crowd natürlich gar nicht lustig und begann folglich lautstark die „Loose Cannon" auszubuhen. Tod Gordon und Paul Heyman stürmten aufgeregt zum Ring um Pillman aufzuhalten, „dies sei nicht Teil der Abmachung gewesen ...". War Flyin' Brian nun endgültig duchgedreht? Es schien fast so, denn erst als Shane Douglas zum Ring kam um die Ehre von Extreme Championship Wrestling gegen den „WCWler" zu verteidigen, konnte Pillman zum Verlassen des Rings genötigt werden ...

Der erneute Shoot der Loose Cannon verbreitete sich wie ein Lauffeuer und machte die ECW zum erstenmal auch bei den WCW-Fans im großen Rahmen bekannt. Damit hatte der zuvor geschickt ausgeklügelte Angle sein Ziel erreicht: WCW, ECW und Brian Pillman waren plötzlich in aller Munde. Denn natürlich waren sämtliche „Shoots" der Loose Cannon mit dem WCW- wie ECW-Management abgesprochen worden, es handelte sich also um einen „worked shoot". 1996 gab es derartige Angles allerdings noch so gut wie gar nicht, so dass die Pillman-Story für einige Wochen die meistdiskutierteste News der wachsenden Online-Wrestling-Community wurde. Flyin' Brian heizte die Spekulationen über die angebliche Echtheit seiner „Shoots" dann noch weiter an, als er bewusst in AOL-Chatrooms ging um wahllos User zu beleidigen und sich auch in der Öffentlichkeit weiter absichtlich daneben und wie ein Verrückter benahm. Der ursprüngliche Plan in der Storyline sah vor, dass Pillman nach seinem ECW-Ausflug zur WCW zurückkehren von Eric Bischoff wieder „eingestellt" werden würde. Doch das Schicksal zerstörte am Ende auf perfide Weise den geschickt ausgearbeiteten Plan von WCW Booker Kevin Sullivan. Da Pillmans Vertrag mit World Championship Wrestling tatsächlich im Frühjahr auslief, nutzte die „Loose Cannon" die Gelegenheit mit der WWF zu verhandeln. Als man in Atlanta seine Rückkehr aus der ECW erwartete, unterschrieb Pillman zum Entsetzen von Sullivan in Stanford bei Vince McMahon einen Vertrag bei der World Wrestling Federation. Der Ex-„Hollywood Blonde" hatte die Storyline zu seinem Gunsten mit einem alternativen Ende versehen und seinen alten Chefs eine lange Nase gezeigt. Freuen konnte er sich darüber freilich nicht lange, da er nur kurz darauf einen schweren Motorradunfall erlitt und erst 9 Monate später sein eigentliches Debüt in einem WWF-Ring feiern konnte - als Schatten seines alten Ichs. Das Glück hatte den jungen Brian nach seinem ECW-Auftritt verlassen - im Sommer 1997 verstarb er an den Folgen einer Überdosis von Schmerzmitteln in einem Hotelzimmer, unmittelbar vor dem PPV In Your House: Bad Blodd ...

1996 sorgte sein Ligen-Jumping auf alle Fälle für jede Menge Aufsehen und verdeutlichte eindrucksvoll, wie verzahnt das Wrestling-Business in den Zeiten des Internets mittlerweile funktionierte. WWF und WCW bekämpften sich wie nie zuvor - die kleine ECW versuchte in diesem langsam eskalierenden „Krieg" von der Rivalität zu profitieren und die bislang so enge Nische für ihr spezielles Wrestling-Produkt weiter in Nordamerika bekannt zu machen.

Ab dem Sommer 1996 sollte ihr das dann auch tatsächlich besser gelingen, denn in der WCW wurde Wrestling-Geschichte geschrieben, als Hulk Hogan, Kevin Nash und Scott Hall die

New World Order (nWo)

gründeten - mit dem Ziel die Promotion zu zerstören.

Der Angle um die in schwarz-weiß auftretenden (WWF?)-Invasoren schlug in der Wrestling-Community wie eine Bombe ein, weil man hier tatsächlich scheinbar die Auseinandersetzung zwischen WWF und WCW in PPV-Main Events zu sehen bekam. Ein Jahr nachdem sich die ECW mit Cactus Jack die Rivalität zwischen zweier Ligen für eine große Storyline zunutze gemacht hatte, kopierte Eric Bischoff das Prinzip auf einer ungleich größeren Ebene, womit er den Nerv der Mainstream-Fans traf. WCW Monday Nitro wurde zum Quotenhit und World Championship Wrestling zur unangefochtenen Promotion Nr. 1 in Nordamerika. Die WWF kam ins Strudeln und kämpfte in den folgenden zwei Jahren erbittert gegen die Dominanz aus Atlanta an. Amerika erlebte nach den 80er Jahren einen zweiten Wrestling-Boom, von dem nun auch die ECW profitieren konnte ...

... dabei allerdings auch verstärkt in Gefahr lief, von den beiden Großen erdrückt bzw. aufgekauft zu werden. Paul Heyman erkannte die Zeichen der Zeit und begann darüber nachzudenken, wie man die kleine Company im großen Business weiter und effektiver vermarkten könnte. Da Cross-Promotion im Fahrwasser der „Take Over"-Storyline in der WCW (nWo vs. WCW) so angesagt war wie nie zuvor, beschloss Paul E. Dangerously seine Fühler Richtung WWF auszustrecken, die unter dem nWo-Angle in Atlanta sichtbar zu leiden hatte, da ihr Flagschiff Monday Night RAW nun Woche für Woche hinter Nitro den kürzeren zog.

Außerdem gab man Stevie Richards grünes Licht für die größte Parodie seiner ECW-Karriere:

Zusammen mit dem Blue Meanie und Nova (der heutige Simon Dean) gründete er die

blue World order,

als Antwort auf die „new World order" in der WCW.

Statt in schwarz-weißer Kleidung wie das Orginal präsentierten sich drei ganz in blau-weiß (Schalke-Fans?) und zogen fortan regelmäßig die Catchphrases ihrer berühmten Vorbilder durch den Kakao.

Aus Stevie Richards wurde "Big Stevie Cool" ... in Anlehnung an "Big Daddy Cool Diesel" (Kevin Nashs altes WWF-Gimmick).

Aus dem Blue Meanie wurde "The Blue Guy" ... in Anlehnung an "The Bad Guy Razor Ramon" (Scott Halls altes WWF-Gimmick)

Und aus Nova wurde "Hollywood Nova" ... in Anlehnung an "Hollywood Hogan".

Zusammen kamen sie fortan Woche für Woche zur bWo-Musik inden Ring um die Fans mit Comedy-Segmenten zu unterhalten. Diese begrüßten sie alsbald mit Monsterpops. Die bWo-Tshirts wurden zu Kassenknüllern und die ECW hatte ein neues Kult-Stable ...

Doch neben der Imitation von Gimmicks aus den großen beiden Ligen, konzentreite sich Heyman nun immer mehr auf eine reale Crosspromotion seiner kleinen Liga mit der Word Wrestling Federation.

Beim WWF PPV „In Your House: Mindgames" im September 1996, der im großen Core States Center von PHILADELPHIA (=ECW Hinterhof) stattfand, schickte Heyman eine Crew von ECW-Wrestlern in die erste Reihe zur Ringabsperrung um sich in einem günstigen Augenblick vor einem Millionenpublikum in Szene zu setzen. Nachdem der Sandman WWF Wrestler Savio Vega mit Bier überschüttete, enfernte eine Security-Crew die „Invaders" aus der Halle - Taz kugelte dabei sogar in der Folge des Getümmels einem Sicherheitsmann die Schulter aus. Während Jerry Lawler als Kommentator wie ein Rohrspatz über die Störenfriede aus der „Bingo-Halle" schimpfte, war Vince McMahon - nach dem lauten EC-DUB Chants beim King of the Ring 95 - zum zweitenmal auf die kleine Liga aufmerksam geworden. Als sich beim RAW nach den PPV die Szenen wiederholten - Taz und sein Manager Bill Alfonso sprangen mit dem Schild „Sabu fears Taz" über die Ringabsperrung und mussten erneut - während die Halle laut EC-DUB chantete - von Security gestoppt werden, kam der mächtige WWE Besitzer endgültig ins Grübeln ...

Sollte die große Popularität dieser kleinen Liga aus Philadelphia vielleicht auch der angeschlagenen WWF helfen können?

Paul Heyman schien davon überzeugt zu sein und setzte seine Offensive in der nächsten Woche weiter fort. Er rief unter dem Namen „Bruce" bei der WWF Call-In Show „Live Wire" an und beschimpfte nach einer Weile Small-Talk mit des Hosts Todd Pettengill und Dok Hendrix plötzlich die WWF-Spitze und Vince McMahon, denen er unterstellte, die ECW ausrauben und kopieren zu wollen. Paul E. Dangerously hatte wieder zugeschlagen und der Vorfall wurde prompt aufgeregt im Internet diskutiert. McMahon dämmerte derweil das Potential eines Cross-Promotion-Angles und entschied sich im Winter 1996/97 überraschend dazu Heyman bezüglich einer ECW-Invasion bei RAW zu kontaktieren. Nicht wenige Leute in der WWF hielten die Entscheidung ihres Chefs für fragwürdig, da man die sehr viel kleinere Liga aus Philadephia für ihre Störungen bei In Your House: Mind Games nun auch noch mit wertvoller Air Time belohnen wollte. Zu den größten Kritikern an den Invasions-Plänen zählte von Anfang an Jerry Lawler, der die „Invaders" der ECW als Parasiten betrachtete, die durch WWF-TV-Auftritte Publicity gewinnen wollten. So war es nicht überraschend, dass „The King" im Februar 1997 auch in der Storyline als erster gegen „Extremely Crappy Wrestling", wie er die Liga nannte, ins Felde zog. Bei In Your House: Final Four schnappte sich Lawler nach dem Opener das ECW-Schild eines Fans in der ersten Reihe, stieg damit in den Ring, griff sich ein Mikrophon, beleidigte die Liga als Ansammlung von Ex-WWF-Möchtegern-Stars und sprach danach eine offene Herausforderung an alle ECW Wrestler aus sich bei einer TV-Show der WWF blicken zu lassen um ihr Können zu demonstrieren. Noch während des PPVs wurde „Paul E Dangerously" aus Philadalphia per Telefon in die Kommentatoren-Leitung geschaltet. Heyman nahm die Herausforderung an und kündigte eine ECW-Delegation für das kommende RAW an ...

Für Extreme Champiosnhip Wrestling kam dieser Angle zu einem äußerst günstigen Zeitpunkt, da man gerade plante seinen ersten PPV zu veranstalten und dafür jede nur mögliche nationale Mainstream-Werbung gebrauchen konnte. Um im Wrestling-Krieg zwischen WWF und WCW überleben zu können, setzte Heyman alles auf eine Karte und versuchte die Company weiter in ihrem Bekanntsheitsgrad und ihrer Reichweite auf ein neues Level zu bringen. Ein Auftritt bei WWF Monday Night RAW in Zeiten der viel beachteten „Montagskriege" war für dieses Ziel ein nahezu idealer Aufhänger und zum Teil auch bitter notwendig. Denn erst kurz zuvor hatte die kleine Liga einen schweren Rückschlag erlitten, als der ursprünglich für März 1997 geplante PPV „Barely Legal" vom Anbieter „InDemand" wieder abgesetzt wurde. Schuld daran war ein Skandal im Dezember 1996, als ein ECW Midcarder in einem Match die Kontrolle über sich verlor:

New Jack

Jerome Young, so sein bürgerlicher Name, gehörte zu diesem Zeitpunkt zu den härtesten und brutalsten Brawlern der Promotion. Seine Bereitschaft seine Gegner mit allerlei Gegenständen blutig zu schlagen war in Philadelphia ebenso gefürchtet wie seine Stunteinlagen von 5m hohen Balkons, von denen er sich regelmäßig auf seine in der Regel auf Tische platzierten Gegner stürzte. Zusammen mit Mustafa Saed bildete er das extrem gewalttätige TagTeam „The Gangstas". Ein durchaus angebrachter Name, da Young vor seiner Wrestling-Zeit als stadtbekannter Geldeintreiber „arbeitete" und in seinem „Job" angeblich auch vor Totschlag nicht zurückgeschreckt hatte. Sein schwer kontrollierbares Gemüt machten ihn oftmals zu einer tickenden Zeitbombe, die jeden Moment im Ring zu explodieren drohte. Das sollte sich für die ECW am 23. November 1996 beinahe bitter rächen, beim sogenannten

„Mass Transit Incident"

Im Co-Main Event einer ECW Houseshow in Revere, Massachusetts sollten die Gangstas (Mustafa und New Jack) auf das Team D-von Dudley und Axl Rotten treffen. Doch Rotten blieb unterwegs im Stau hängen und schaffte es nicht mehr rechtzeitig zur Halle. Kein Ersatz schien parat zu stehen, als sich plötzlich der 17jährige lokale Independent-„Wrestler" Eric Kulas im Lockeroom meldete und erklärte, dass er bereit sei den Part von Rotten im Kampf zu übernehmen. Ein gestresster Heyman, der zu diesem Zeitpunkt ohne Alternativen da stand, willigte schließlich ein - ein schwerer Fehler, wie sich schon bald herausstellen sollte.

Kulas, der vor dem Kampf die Promoter anlog und angab bereits 19 Jahre alt zu sein, hatte in seinem ganzen Leben noch kein Wrestling-Match bestritten und lediglich einige Trainings-Kämpfe gegen „Midgets" absolviert. Völlig untrainiert und unvorbereitet, mit einem großen Speckbauch und einem Busfahrer-Kostüm stieg er unter dem Namen „Mass Transit" zusammen mit D-von Dudley gegen die Gangstas in den Ring - die große Chance auf den nationalen Durchbruch als Wrestler vor Augen. Nach einer mutigen Heel-Promo gegen das Publikum erlebte Kulas dann jedoch die 7 schlimmsten Minuten seines Lebens. Im Verlaufe des Kampfes ging New Jack immer härter auf das „Kid" los und bearbeitete ihn mit diversen Foreign Objects. Da Kulas noch nie zuvor selbst gebladet hatte, sollte sein Gegner den Schnitt mit einer Klinge übernehmen. Doch Jack verkalkulierte sich etwas beim Zufügen der Platzwunde, so dass dem vor Schmerz schreienden und den Tränen nahende Kulas plötzlich das Blut fontänenartig aus der Stirn sprudelte. Der Kampf geriet völlig außer Kontrolle, während Paul Heyman verzweifelt außerhalb des Ringes verzeifelt versuchte die Gangstas zum Einhalten zu bewegen. Doch New Jack setzte immer weiter nach und setzte noch mit einem Sprung mit einem Steel Chair vom Top Rope auf das Gesicht des Rookies nach. Dieser verlor danach das Bewusstsein. Cover und Three Count, dann endlich ließ New Jack die aus dem Backstage-Bereich angestürmten Sanitäter gewähren, die sich sofort daran machten den Blutfluss bei Kulas per Tacker zu stoppen.

Hier hatten sich zum erstenmal deutlich die Schattenseiten des ECW-Styles gezeigt. Die zum Teil außergewöhnliche Brutalität in den diversen Gimmick-Matches barg oftmals ernorme Risiken und machte die Liga bei gestiegenem Bekanntheitsgrad zur Zielscheibe der öffentlichen Meinung. „InDemand", die einem PPV der ECW von Anfang an kritisch gegenüber gestanden hatten, weil sie Angst vor den „Real Guys" aus Philadelphia hatten, wo das Wrestling (angeblich) im Vergleich zu WWF und WCW nicht „fake" war, weil es eben nicht „fake" aussah, zogen ihre Zusage für „Barely Legal" nach dem „Mass Transit Incident" wieder zurück. Mit einer Promotion, in der es ständig Barb Wire-, Tables- oder Death-Matches gab, wollte man eigentlich schon nichts zu tun haben. Mit einer Promotion, in der 17jährige halb zu Tode geprügelt werden, wollte man da dann erst recht nicht in Verbindung gebracht werden. Weihnachten 97 wurde die Entscheidung öffentlich bekannt gegeben und versetzte den Lockerroom wie die Fans für die Ferien in ein wütend-frustiriert-melancholisches Koma. So kurz vor dem großen Ziel - einen eigenen PPV von Extreme Championship Wrestling zu veranstalten - hatte ein Skandal bei einer Houseshow alle Pläne zunichte gemacht. Eric Kulas stieg nach dem „Mass Transit Incident" nie wieder in einen Wrestling-Ring. Auf Anraten seiner Eltern verklagte er später die ECW wegen des angeblich unprofessionellen Bladings auf Schadensersatz ...

Doch Heyman ließ sich von dem Rückschlag nicht entmutigen und bastelte weiterhin an seinem Ziel die ECW auf die PPV-Ebene zu pushen. Nach schwierigen Verhandlungen im Januar 1997 einigte man sich schließlich doch noch mit „InDemand" und setzte als neuen Termin den April 97 an. Um „Barely Legal" ausreichend bei den Mainstream-Fans zu bewerben, kam das Angebot der WWF für eine ECW Invasion daher gerade zur rechten Zeit.

Und wo wurde am 24.02.1997 im Manhattan Center von White Plains, New York Geschichte geschrieben, als zum erstenmal in einer Sendung der großen World Wrestling Federation eine Delegation von Wrestlern der kleinen ECW ihr Können zum besten gab. Vince McMahon erhoffte sich durch den Angle einen Quotenpush, da das ultracoole „Underground Phenomenon" aus Philadelphia von seinem Ruf ansatzweise durchaus mit der legendären New World Order in der WCW mithalten konnte.

So präsentierten sich die Stars von EXTREME Championship Wrestling an jenem Montag zum erstenmal einem Millionenpublikum - sehr zum Ärger von Jerry Lawler...

Den Anfang der angekündigten Invasion machte das Vorzeige-TagTeam der Promotion:

The Eliminators

John Kronos & Perry Saturn hatten die Liga 1996 im Sturm erobert und Public Enemy vergessen gemacht. Aufgrund ihres schnellen, technisch versierten Kampfstils, ihren harten und oftmals spektakulären DoubleTeam-Manövern und vor allem aufgrund ihres furchterregenden Finshing Moves: „TOTAL ELIMINATION", galten Anfang 1997 als Musterbeispiel für den EXTREME-Style in der ECW Tag Team-Division. Das musste ein Mitglied der WWF-RAW-Ringcrew dann auch schmerzhaft am eigenen Leibe erfahren. Während dieser noch am Ring-Apron werkelte, stürmten Kronos & Saturn plötzlich in den Ring und verpassten dem Roadie TOTAL ELIMINATION. Ihnen folgte Paul Heyman, der ankündigte, dass ECW „in da HOUSE" wäre und sich darauf zu Vince McMahon und Jerry Lawler an das Kommentatorenpult gesellte. Gleich drei Matches innerhalb der Show stellte die WWF in der nächsten Stunde den Invasoren zur Verfügung. Stevie Richards besiegte Little Guido, Taz besiegte Mikey Whipwreck und Tommy Dreamer besiegte D-von Dudley - LIVE in Farbe vor einem Millionen-TV-Publikum. Spektakulärer Höhepunkt der Sendung war die Konfrontation zwischen den beiden Erzrivalen Sabu und ...

Taz

Peter Senerca, so der bügerliche Name des gerade einmal 1,73 großen gebürtigen New Yorkers aus Brooklyn, war im Oktober 1993 zur ECW gestoßen und seitdem ein essentieller Bestandteil der Midcard der Liga gewesen. Zunächst im TagTeam mit Jack Chetti („The Tasmaniacs") debütiert, machte er sich 1994 und 1995 schnell einen Namen als Singlewrestler unter dem Nick „The Tasmaniac". Der manische Irrwisch überzeugte in seinen Kämpfen immer wieder mit Submission-Wrestling und einem äußerst ernsten, auf Effizienz und maximalen Schaden beim Gegner ausgerichteten Ringer-Stil, der ihm von Rest des Rosters deutlich absetzte. In seinen Anfangsjahren in der ECW lief er teilweise noch wie ein Verrückter um den Ring herum. Obwohl er meisten mit wechselnden Partner in erster Linie in der TagTeam-Division eingesetzt wurde, verband ihn von Anfang an eine besondere Beziehung zu SABU, dem er in dessen ersten 6 Monaten in Philadelphia mehrmals im Ring über den Weg lief und im April 94 sogar den ECW TV Title abnehmen konnte. Im Herbst des gleichen Jahres steckte Paul Heyman die beiden ungleichen Partner dann allerdings in ein TagTeam und ließ sie sogar von Public Enemy die World TagTeam Titles gewinnen. So weit, so gut, doch dann kam es im Frühjahr 1995 zu einem kleinen Skandals, als Sabu eine groß angekündigte Titelverteidigung platzen ließ und lieber durch Japan tourte, was dazu führte, dass ein wütender Paul Heyman ihn vor laufenden Kameras und vor den Augen der Hardcore-Fans in der Viking Hall ON AIR feuerte ... (Remember: He NEVER lied to the audience ...)

Auch für den Tasmaniac war 1995 kein gutes Jahr, weil ihm Dean Malenko bei einem verunglücktem Piledriver den Nacken (an)brach und er danach für beinahe 12 Monate eine Verletzungspause einlegen musste. Bei seiner Rückkehr 1996 war er dann nicht mehr länger der Tasmaniac, sondern schlicht und einfach nur

TAZ - The Human Suplex Machine

Der

tollwütige Irrwisch war verschwunden, übriggeblieben war ein kühl kalkulierender Submission-Wrestler, der alles und jeden durch den Ring suplexte und am Ende mit seinem neuen Submission-Finisher - THE TAZMISSION - zur Aufgabe zwang. Um ihn als Heel-Charakter over zu bringen, stellte Paul Heyman ihm zudem noch einen Manager zur Seite, der innerhalb kürzester Zeit zum meistgehaßtesten Mann in der ECW Arena aufgestiegen war:

Bill Alfonso

Ursprünglich als Referee in der WWF und in der Indy-Szene tätig, war „Fonzie" im Mai 1995 als „Trouble-Shooting"-Ringrichter in die ECW gekommen, um dort dafür seinen eigenen Worten zufolge zu sorgen, dass „die Regeln in der ECW eingehalten werden". In einer Liga, wo es praktisch keine Regeln gibt, war dies natürlich ein nahezu perfektes Heel-Gimmick. Schon balde haßte die Crowd in der Bingo-Halle den neuen Referee wie die Pest, einen Hass, den er noch weiter durch den unaufhörlichen Einsatz einer mitgebrachten Trillerpfeife anheizte, mit denen er manche Matches im wahrsten Sinne des Wortes über Minuten zerpfiff. Der Klang der Pfeife war oftmals derart ohrenbetäubend und nervtötend, dass bei vielen Gelegenheiten mehr als nur ein Fan Alfonso an den Kragen gehen wollte und dieser sich vor der blutdurstigen Crowd in Sicherheit bringen musste.

Ausgestattet mit diesem Monster-Heel-Heat präsentierte Alfonso sich ab Anfang 1996 als Manager des wiedergenesenen Taz ... und führte diesen zu einer über ein Jahr anhaltenden Siegesserie (Hallo Bill Goldberg!) in der ECW Arena...

BEAT ME IF YOU CAN - SURVIVE IF I LET YOU!

wurde zum neuen Motto von Taz.

Wer würde diesen Mann noch aufhalten können? Die Fans träumten von Sabu, aufgrund der gemeinsamen Geschichte zwischen den beiden Wrestlern. Und auch Taz schien sich an seinen alten TagTeam-Partner und gleichzeitigen Erzrivalen noch zu erinnern: Unaufhörlich forderte er ihn vor laufenden Kameras zu einem Match heraus (SA-BU. I'm GONNA CHOKE YOU OUT!"). Anfang 1997 war es dann endlich soweit: Nachdem Taz erneut ein Match gewonnen hatte, gingen plötzlich die Lichter in der Viking Hall aus - als sie wieder angingen, stand die Legende der ersten beiden ECW-Jahre schweigend im Ring und starrte unter dem großen Jubel der Fans die Human Suplex Machine nieder. Nach zwei Jahren Pausen war „the most suicidal athlete" im Wrestling-Business wieder in die ECW-Arena zurückgekehrt, bereit für den großen Showdown bei „Barely Legal 97" gegen seinen alten TagTeam-Partner ...

So sollte diese große Fehde dann auch bei der ECW Invasion bei Monday Night Raw im Vordergrund stehen. Nach dem Match von Taz tauchte Sabu plötzlich auf dem roten „R" der RAW-Kulisse im Entrance-Bereich auf. Paul Heyman schrie am Mic aufgeregt: „It's SABU! It's SABU! It's SABU!", da fiel dieser auch schon kopfüber runter von dem wackeligen Buchstaben. Nicht ganz geplant und etwas unkoordiniert stürzte er nach unten auf einen anderen ECW-Rivalen ...Ein halsbrecherischer Bump aus luftiger Höhe, der im Internet wie auch die gesamte Show an sich für großen Gesprächsstoff sorgte.

Das Ende der ECW Invasion markierte schließlich eine Beinahe-Prügelei zwischen Paul Heyman und Jerry Lawler, der zuvor keine Gelegenheit in der Show ausgelassen hatte die ECW Wrestler durch den Kakao zu ziehen und zum Teil wegen ihrer (geringen) Größe aufzuziehen. The King machte zu dem noch einmal in einer Promo in der Mitte der Show klar, dass er für as Auftreten der ECWler in einer WWF SHow kein Verständnis habe und Vince McMahon nicht verstehen könne. ECW stehe für ihn immer noch für „Extremley Crappy Wrestling". Es sollte erst der Anfang einer denkwürdigen Fehde werden ... Heyman konterte derweil mit dem stimmungsvollen Satz: „Man, would this show have sucked without ECW, or what?"

RAW brachte es zumindestens ein kleines Quotenhoch, wenn man auch weiterhin klar hinter Nitro zurücklag. Zudem kam die WWF durch den Angle wieder mehr ins Gespräch der Mainstream-Fans, die sich zu dieser Zeit in erster Linie auf die aufregende nWo-Storyline in der WCW konzentrierten. Der ECW half der Angle auf der anderen Seite sicherlich immens weiter, konnte sie sich doch unmittelbar vor ihrem ersten PPV einem Millionenpublikum präsentieren und dabei noch ziemlich „cool" rüberkommen ...

Beide Parteien waren daher mit der Zusammenarbeit zufrieden und sollten sie schon bald weiter fortsetzen ...

Doch vorher hieß es erst einmal PPV-Time!

„Barely Legal" stand vor der Tür und sollte die Promotion auf ein anderes Level heben ...

Neben dem lange aufgebauten Kampf Sabu vs. Taz stand vor allem die Frage im Vordergrund, ob jemand Raven als ECW World Champion würde entthronen können. Seit seinem Titelgewinn im Januar 1996 hatte Scott Levy fast jeden Herausforderer abblocken können. Insbesondere dem Sandman setzte er dabei in einer langen Fehde auf übelste zu. In einer der wohl „erwachsensten" Storylines überhaupt im Wrestling-Business, schaffte es der Rabe die Ex-Frau des Sandmans und seinen 8jährigen Sohn Tyler unter seine Kontrolle zu bringen und als neue Mitglieder für Raven's Nest zu rekrutieren. Anstatt nur den Titel zu jagen, musste der Sandmann nun plötzlich auch um seine Familie und sein Kind kämpfen - eine Storyline mit vielen emotionalen Wendungen war geboren, bei dem Tyler mehrmals seinen Vater „verriet" und „Singapore Cane"-Schlägen von Raven aussetzte. Die ECW Arena hielt den Atem an, als der kleine Junge wie sein „neuer Papa" das Raven-Symbol mit den Armen machte, der Rabe darüber hämisch lachte und der „alte Papa" mit den Tränen rang. Obwohl der Sandman im Herbst 1996 kurz erneut World Champion wurde (Stevie Richards musste den Titel für Raven verteidigen), konnte er ihn danach nur für eine kurze Zeit halten. Zu Weihnachten war Scott Levy ein zweifacher World Heavyweight Champion und fuhr damit zum Main Event von Barely Legal.

Wer sollte den Raben jetzt noch aufhalten?

Tod Gordon und Paul Heyman setzten für den PPV einen Three Way Dance um den No.1 Contender Spot an: Stevie Richards (der sich von Raven zu emanzipieren versuchte) vs. The Sandman vs. Terry Funk ... So blieb den Fans die Spannung auf den endgültigen Main Event bis zum Tag des PPVs erhalten ...

Am 13.04.1997 war es dann endlich so weit: PPV-Time in der ECW Arena vor ausverkauftem Haus. Viele ökonomische Risiken war die Company für diesen Event eingegangen, es hieß alles oder nichts - ein finanzieller Mißerfolg hätte das Aus der Compnay bedeutet - dementsprechend motiviert kamen die Wrestler zur Veranstaltung um den Fans für ihr Geld etwas zu bieten.

Diese wurden am Ende nicht enttäuscht, sondern sahen eine sehr gute Veranstaltung mit drei äußerst dramatischen letzten Matches. Joey Styles, Tommy Dreamer und Beulah McGillicutty kommentierten das Geschehen, als

- The Eliminators neue TagTeam-Champions wurden und die verhassten Dudley entthronten ...
- Taz auch von Sabu nicht aufgehalten werden konnte und diesen mit der Tazmission zur Aufgabe chokte ...
- Und der 52jährige Terry Funk als alter Mann am Ende Raven dessen World Title abnehmen konnte ...

Das Jahr des Rabens in der ECW war zu Ende gegangen und der Altstar, der der Company in den Anfangsjahren soviel gegeben hatte, stand noch einmal ganz an der Spitze. Unter dem Jubel der Fans ging Barely Legal mit den Bildern eines blutenden und triumphierenden Teryy Funk off air, keine Sekunde zu spät, denn nur zwei Sekunden darauf folgte ein massiver Blackout nach einem Generatorausfall ... doch an diesem Tag hatte es das Schicksal gut mit der ECW gemeint ...Viele weinten backstage Tränen der Rührung angesichts des Erfolgs der Veranstaltung ... EXTREME Championship Wrestling hatte den Höhepunkt seiner 5jährigen Geschichte erlebt ... nun würde man den beiden großen Ligen das fürchten lehren, oder doch nicht?

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