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THE HISTORY OF ECW
Teil 1 (1992 - 1994) | Teil 2 (1994 - 1995) | Teil 3 (1996 - 1997) | Teil 4 (1997 - 1999) | Teil 5 (1999 - 2001)
Teil 2: UNDERGROUND Phenomenon (1994-95)
Mit der Umbenennung von Eastern Championship Wrestling in EXTREME Championship Wrestling endete letzte Woche unser erster Teil über die Geschichte der ECW. Shane Douglas hatte als frisch gebackener NWA World Heavyweight Champion den prestigeträchtigen NWA Titelgürtel verächtlich zu Boden geschmissen und sich zum neuen ECW World Heavyweight Champion erklärt. Damit brach die Liga zu neuen Ufern auf, denn fortan präsentierte man sich unter neuem Namen rebellischer, revolutionärer und grenzüberschreitender wie noch keine andere Promotion zuvor in der Geschichte der nordamerikanischen Wrestling-Szene. Die drei Buchstaben E - C - W sollten in Fankreisen schon bald ehrfurchtsvoll ausgesprochen werden, da man in Philadelphia - oftmals auf wöchentlicher Basis - Geschehnisse beobachten konnte, die es sonst nirgendwo anders zu sehen gab und sich von dem damaligen Produkt von WWF und WCW deutlich absetzten. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda, Tape-Trader und langsam auch durch das aufkommende Internet stieg der Ruf der Promotion mehr und mehr an, was die beteiligten Wrestler und Booker nur noch mehr dazu motivierte sich wöchentlich in ihren Leistungen zu übertreffen. Mitte der 90er Jahre war man endgültig ein „UNDERGROUND Phanömen" in den USA, eine Wrestling-Liga, die sich gegen das Etablishment stellte und für eine ganz bestimmte Einstellung - "Attitude" stand - die der "Hardcore Revolution".

Im zweiten Teil unserer ECW-Serie wird dieser Aufstieg zu einer Kult-Liga noch einmal nachgezeichnet, mit einem Rückblick auf die kontroversesten Angles, Storylines, Fehden und Wrestler der damaligen Zeit. Er behandelt ausfühlich die kreativste, innovativste, ruhmreichste und wohl auch beste Zeit in der Geschichte der Liga und endet mit einem Ausblick auf die Rolle der Promotion in den Monday Night Wars zwischen WCW und WWF. Viel Spaß beim Lesen!

Nachdem EXTREME Championship Wrestling aus der Taufe gehoben worden war, sollte sich dies im Programm der Liga schon bald mehr als je zuvor durch eine Flut an zum Teil äußerst harten und brutalen Gimmick-Matches manifestieren. Während in der WWF und WCW solche „Street Fights" eher eine Seltenheit waren, gab es sie bei der ECW nahezu bei jeder Veranstaltung zu sehen. Vom Tennisschäger bis zum Bügeleisen, vom Stopschild bis Schallplatte, vom Kendo-Stick bis zum Brandeisen, von der Ringglocke bis zum guten alten Steel Chair - alle möglichen Mitbringsel der Ringcrew wurden fortan als Waffen in den Kämpfen der Promotion eingesetzt. Die Fans liebten ihre Wrestler dafür so sehr, dass sie irgendwann damit anfingen eigene "Foreign Objects" mit zu den Events zu bringen, nur um diese dann ihrem Lieblingsstar in einem Hardcore-Kampf aushändigen zu können. Die Interaktivität zwischen Aktiven und Zuschauern in der Viking Hall nahm so Woche für Woche zu, da die Wrestler mit Freuden die Mitbringsel der Fans als Waffen einsetzten. Die Anzahl der Matches, die nach Hardcore-Regeln ausgekämpft wurden, stieg dabei so sprunghaft an, dass das ECW-Management eines Tages "Disqualification", "No Contest" und "Auszählen" als mögliche Matchausgänge gleich komplett abschaffte. In der TagTeam-Division wurden zudem schon bald alle Kämpfe nach "Tornado"-Regeln ausgetragen, d.h. alle vier an solchen Kämpfen beteiligten Wrestler waren nun die gesamte Zeit über gemeinsam im Ring - es gab kein "taggen" mehr, jeder konnte jederzeit jeden pinnen. Die Intensität, Action und Dramatik in den meisten ECW-Matches wurden im TV derweil von einem jungen Kommentator in Szene gesetzt, der seit den Anfangstagen der Liga im "Philiadelphia Sports Channel" 1993 mit im Boot war und in den kommenden Jahren zur "Voice of ECW", zur "Stimme der ECW" werden sollte:

Joey Styles

Joseph Bonsignore, so sein bürgerlicher Name, war seit seinen Teenager-Tagen ein riesengroßer Wrestling-Fan und träumte als junger Mann davon, eines Tages für eine der beiden großen Ligen WWF und WCW Matches zu kommentieren. Bei einer Independent-Show traf er Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal Paul Heyman und gab diesem ein Demo-Tape mit seinen "Play by Play"-Kommentar einer Indy-Show mit nach Hause. Dieser war von den Gehörten beeindruckt und verpflichtete den jungen Bonsignore im Juni 1993 prompt als Chefkommentator für die damals sehr junge ECW. Dieser sah sein Engagement in Philadelphia in erster Linie als "Sprungbrett"-Möglichkeit an um sich bei WCW und WWF ins Gespräch zu bringen. Doch am Ende kam alles anders: Als "Joey Styles" sollte er für die nächsten 7 Jahre - lange Zeit alleine und ohne Co-Host - die Kämpfe von Extreme Championship Wrestling kommentieren. Seine Kombination aus seriösem "Play by Play"- und mitleidenem "Colour"-Kommentar brachte ihm alsbald die Achtung der Fachwelt ein, da er sich größte Mühe gab, die Hintergründe der ECW-Wrestler zu studieren und ihre Move-Namen richtig auszusprechen. Als 1995 die erste Welle an mexikanischen Wrestlern in Philadelphia ankam, verblüffte Syles beispielsweise die Fans wie "Experten" mit seinem immensen Wissen über die verschiedenen Namen für die diversen High-Flying-Aktionen der Lucha-Libre-Stars. In WWF und WCW war dies gerade in der ersten Hälfte der 90er Jahre keineswegs selbstverständlich. Größte Berühmtheit bei den Fans erlangte Styles aber vor allem durch seinen Trademark-Spruch, den er immer dann dramatisierend ins Mikrophon kreischte, wenn im Ring ein ECW-Wrestler wieder gerade eine besonders unerhörte Hardcore-Aktion durchgezogen hatte:

"OH ... MY ... GOD ..."

Für diesen Satz fand er ab 1994 immer öfter Anlässe, da "No DQ"-Kämpfe zum neuen Standard der Promotion wurden. Meistens allerdings garniert mit „Special Stipulations", die Aufmerksamkeit erregen sollten und dabei oftmals auch ziehen konnten. So traf zum Beispiel der junge Tommy Dreamer eines Abends auf den Sandman - in einem Singapore Cane Match. Head-Booker Paul Heyman, der (nach dem Abgang von Eddie Gilbert im Vorjahr) wie noch nie in seinem Leben zuvor größte kreative Freiheit besaß, bediente sich dabei eines Skandals, der gerade die Öffentlichkeit in den USA bewegte. In Singapore war der amerikanische Teenager Michael Fay von den lokalen Behörden verhaftet worden, nachdem er mehrere Autos mit Grafitti besprayt hatte. Zum Entsetzen aller US-Eltern verurteilte ihn ein Gericht des Landes danach zu einer Geldstrafe und ... DREI Schlägen auf den nackten Rücken mit einem Singapore Cane - einem äußerst stabilen Rohrstock aus dem Landesinneren. Während Amerika schockiert über die angeblich rückschrittliche Barbarei des singapurschen Rechtssystem diskutierte, präsentierte Paul Heyman in der ECW prompt ein „Singapore Cane Match" (Klausel: Der Verlierer muss sich am Ende vom Gewinner mit dem Rohrstock verprügeln lassen ...) und sorgte damit für Publicity für seine kleine Liga. Die Karrieren der beiden beteiligten Wrestler sollten durch diesen Kampf ebenfalls schlagartig verändert werden, insbesondere die des Herausforderers ...

Tommy Dreamer

Tommy Dreamer war ein junger Nachwuchswrestler aus New York, der in seinen ersten ECW-Jahren vergeblich versucht hatte, die Fans mit einem Baybface-Charakter hinter sich zu bringen. Die rabiate Crowd in der Viking Hall hasste den „Pretty Boy" und sein buntes „Rockers"-Outfit und freute sich regelmäßig diebisch, wenn er wieder einmal von den Heels der Liga geschlagen und verprügelt worden war. Was in den Anfangsjahren der ECW mehr als oft geschah: Ob der Tazmaniac, Jimmy Snuka oder Shane Douglas - sie alle konnten Dreamer am Ende besiegen. Eine große Karriere sollte ihm scheinbar nicht bevorstehen, bis es dann zu jenem „Singapore Cane Match" gegen den Sandman kam, bei ...

ECW Hardcore Heaven 1994

Das Match gewann am Ende der Sandman, doch das vorher so stark beworbene Nachspiel machte Tommy Dreamer zum moralischen Sieger der Auseinandersetzung. Denn so oft und hart James Fullington mit dem „Singapore Cane"-Rohrstock auch Dreamers nackten Rücken malträtierte, immer wieder verlangte der junge Tommy am Mic nach weiteren Hieben. Am Ende hatte er viel mehr als die vorher abgemachten drei Schläge einstecken müssen, doch während blutige Striemen seinen Körper zeichneten und erste Frauen im Publikum zu weinen anfingen, konnte er endlich den Respekt der ECW-Crowd gewinnen, die ihn hier erstmals akzeptierte und mit „Tommy, Tommy" und „He's Hardcore. He's Hardcore."-Rufen feierte. Dreamer erhielt von Paul Heyman fortan den Charakter des „Gefolterterten", der niemals aufgibt, ganz egal welche Rückschläge er auch einstecken muss. Egal wie oft er auch verlor, egal wie oft er verprügelt wurde: Tommy Dreamer wird immer zurückkehren und es noch einmal versuchen, ein moderner Sisyphos.

Doch auch der Sandman gewann am Ende durch diese Auseinandersetzung etwas hinzu - eine neue Lieblingswaffe. Hatte er zuvor seine Gegner wahlweise mit Stühlen, Mülleimern oder Surfbrettern attackiert, wurde das Singapore Cane nach dem Kampf gegen Dreamer fest in sein Arsenal aufgenommen und entwickelte sich dabei zu seinem absoluten Markenzeichen. Seine Einzüge in die Bingo-Halle mit Zigarette, Bierdose und dem Rohrstock führten fortan regelmäßig zu Gänsehautmomenten in der Crowd, wofür auch sein neues stimmungsvolles Entrance Theme sorgte: „Enter Sandman" von Metallica ...

Die Fehde gegen Tommy Dreamer sollte indessen noch weitergehen und bald um einen weiteren spektakulären Angle bereichert werden. Bei einem weiteren Kampf - eine „I Quit"-Match - der beiden Rivalen stieß Dreamer plötzlich - versehentlich - seinem Gegner die Zigarette ins Auge, worauf dieser nicht mehr weiterwrestlen konnte. Vor den Augen der sichtlich schockierten Crowd wurde der Sandman - scheinbar „erblindet" - auf einer Trage aus der Halle abtransportiert ... und danach für vier Wochen nicht mehr gesehen. James Fullington verbarrikadierte sich in seinem Haus und nahm keine Anrufe mehr entgegen, was dazu führte, dass am Ende immer mehr Fans an die Echtheit des „Unfalls" glaubten und Tommy Dreamer tatsächlich die Schuld für den Vorfall gaben. Als der Sandman schließlich ins Programm zurückkehrte, tat er dies mit einer Augenbinde und unter der Führung seines Valets, scheinbar unfähig seine Umgebung erkennen zu können. Tommy Dreamer, der sich schuldbewusst für den „Zigaretten-Stupser" entschuldigen wollte, sollte freilich am Ende sein blaues Wunder erleben. Kaum hatte er seinem „Opfer" den Rücken zugewandt, nahm sich Fullington die Augenbinde ab, schnappte sich sein Singapore Cane und attackierte damit den unvorsichtigen Tommy hinterrücks ...

Die Fans jubelten ihm dafür lautstark zu und turnten ihn damit wieder Baybface. Auch hier sollte die ECW den Entwicklungen in WWF und WCW um einige Jahre voraus sein. Denn noch vor der nWo und Austin 3:16 gab es bereits in Phliadalephia keine strikten Schwarz-Weiß /Gut-Böse-Charaktere mehr im Programm. Die Fans entschieden am Ende selber darüber, wem sie zujubeln wollten und wem nicht. Die Booker hielten sich dann daran. Und so war der Sandman nach seiner - eigentlich sehr hinterhältigen - Attacke plötzlich ein Publikumsliebling, während Tommy Dreamer als - eigentlich bemitleidenswertes - Opfer in erster Linie die Schadenfreude der Crowd erntete.

Das Publikum in der Viking Hall sollte sich in der Folgezeit einen Ruf als eine der anspruchsvollsten, härtesten, gnadenlosesten und - blutdurstigsten - Crowds in ganz Nordamerika erarbeiten. Wer bei ihnen durchfiel, konnte keine Gnade erwarten und musste sich schlimmstmögliche Schmährufe gefallen lassen. Die Wrestler, die sie liebten, durften dagegen auf ihre bedingungslose Unterstützung hoffen. Kein anderer Superstar sollte freilich mit ihren Emotionen derart spielen, wie 1994-95

Cactus Jack

Mick Foley hatte seinen ersten Auftritt in der ECW Arena im Frühjahr 1994, als die WCW einen Talentaustausch mit Eastern Championship Wrestling anstrebte und deshalb ihren Hardcore-Wrestler Nr. 1 für ein Match gegen SABU nach Philadelphia schickte. Während der Kampf am Ende eher hinter den Erwartungen der blutdurstigen Zuschauer zurückblieb, sorgte das Post-Match-Interview von Cactus Jack für für große Aufregung. Mick Foley war nämlich als amtierender WCW TagTeam Champion in die Viking Hall gekommen und hatte sogar seinen Titelgürtel mitgebracht. Nach dem Kampf gegen Sabu erklärte dann ein über seine Niederlage frustrierter Cactus Jack, dass er in seiner Ehre als Hardcore-Wrestler gekränkt worden sei und man ihm etwas weggenommen hätte, was ihm mehr als alles andere bedeuten würde. Dann spuckte er gut sichtbar vor laufenden ECW-Kameras auf seinen WCW-TagTeam-Title-Gürtel. Eine Aktion, die Foley in Atlanta jede Menge Ärger einbringen sollte, wo ihn der damalige Head-Booker, Nature Boy Ric Flair, backstage zu sich bestellte und für den Spucker scharf tadelte. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft ...

Foleys zweiter Run in Philadephia sollte dann im Spätsommer 1994 erfolgen und diesmal deutlich länger andauern, da er mittlerweile freiwillig aus der WCW ausgeschieden und wieder als Indy-Wrestler unterwegs war. Begeistert von dessen Promo-Qualitäten hatte Paul Heyman zugeschlagen und ermutigte seinen Neueinkauf zu weiteren innovativen Interviews, die fortan ironischerweise oftmals für mehr Gesprächsstoff in der Szene sorgen sollten als seine eigentlichen Matches. Foley, frustiert über die kreativen Fesseln, die ihn in der WCW oftmals aufgelegt worden waren, nahm die ihm angebotene Gelegenheit dankbar an und faszinierte in der Folgezeit regelmäßig mit intelligenten und philosphisch angehauchten Promos, wie sie das Wrestling-Business zu diesem Zeitpunkt noch nie gesehen hatte. BANG BANG!

[In seinem Buch „Have a nice day" beschrieb Foley dann später, wie „inspierierend" die Interviews mit Joey Styles aus den „ECW Headquarters" für ihn stets gewesen seien. Das „Hauptquartier" der Liga befand sich nämlich im Kellergewölbe eines Kameramanns der Promotion, so dass Cactus Jack viele seiner berühmten Promos neben einer mit dem ECW-Banner überdeckten Waschmaschine gab ... ein Vorgeschmack auf die spätere Heizungskeller-Zeit als Mankind.]

Bei Hardcore Heaven 1994 sollte es im Main Event dann endlich zum Dream-Match „Terry Funk vs. Cactus Jack" kommen, welches sich sowohl Foley wie auch Heyman wie auch die Fans seit langer Zeit gewünscht hatten. Nach einem harten „Babyface vs. Babyface"-Kampf wurden die beiden Wrestling-Legenden dann plötzlich unerwartet von den amtierenden ECW World Tag Team Champions attackiert, von

The Public Enemy

„Flyboy" Rocko Rock und Johnny Grunge galten zu diesem Zeitpunkt als das am meisten gefürchtetste TagTeam der Promotion, wenn nicht gar Nordamerikas. Innerhalb eines Jahres hatten sie die ECW im Sturm erobert - mit ihrem coolen Entrance Theme, ihren harten Double-Team-Aktionen und vor allem mit ihrer Bereitschaft alles und jeden durch am Ring stehende Holztische zu slammen. Lange bevor es derartige „Table-Bumps" bei WWF und WCW zu sehen gab und noch lange vor den Dudley Boyz schockten bzw. faszinierten The Public Enemy Monat für Monat die Fans in Philadelphia mit - für die damalige Zeit - unerhört brutalen Manövern, so dass selbst Paul Heyman sich eines Tages gezwungen sah den beiden zu empfehlen: „Tone down a little bit!" „Fahrt ein wenig runter!"

Als Heel-Team waren sie folglich unglaublich over bei der Crowd, so dass diese nichts Gutes ahnte, als die beiden plötzlich die angeschlagenen Publikumslieblinge Terry Funk und Cactus Jack attackierten. Doch der Funker und Foley konnten sich erfolgreich zur Wehr setzen, bis letzterer schließlich in die Menge nach einem Stuhl rief ...

... was ungeahnte Folgen haben sollte. In einer Szene, die hinterher für viele viele Jahre im Vorspann der ECW-TV-Sendungen laufen sollte, regnete (!!!) es plötzlich Stühle in den Ring !!!.

Fast alle Fans schienen Foleys Bitte Folge leisten zu wollen und so wurden die noch am Boden liegenden Rocko Rocko und Johnny Grunge völlig unerwartet innerhalb von nur 30 Sekunden unter 200-300 (harten) Plastikstühlen begraben. THIS IS EXTREME! Hieß es mal wieder und der Main Event für den nächsten Monat schien nach diesen Bildern ebenfalls ohne Zweifel festzustehen: Funk und Cactus Jack vs. The Public Enemy. Doch ein ein verpaßter Flug des Funkers verhinderte diesen Kampf in letzter Minute, so dass Mick Foley sich nach einem anderen TagTeam-Partner umsehen musste. An Ende fand er einen mehr als ungewöhnlichen Ersatz:

Mikey Whipwreck

Gerade einmal 19 Jahre jung und ursprünglich ein Mitglied der Ringcrew, hatte Paul Heyman den mit bürgerlichen Namen John Watson heißenden Rookie backstage bei einigen Moonsaults beobachtet und ihm1994 schließlich seinen Herzenswunsch erfüllt und mehrere Matches in der Viking Hall wrestlen lassen. Obwohl der junge, sehr kindlich aussehende Mikey dabei meistens keine einzige Offensivaktion anbringen konnte und von seinen Gegnern in schöner Regelmäßigkeit windelweich geprügelt wurde, sympathisierten die Fans Woche für Woche mehr mit ihm. Heyman sah diese Connection mit der Crowd und baute das Image des bewundernswerten Prügelknaben immer weiter aus. Whipwreck bekam das Stück „Loser" von Beck als Entrance Theme und gewann durch eine gehörige Prise Zufall am 13.05.1994 völlig sensationell den ECW TV Title von Pitbull #1. Seine ersten Offensivaktionen wurden von den Fans in der Viking Hall dabei fast wie ein World Title Gewinn gefeiert, während Joey Styles am Mic „Oh my god! - His first offensive maneuver!" kreischte. In der Folgezeit konnte er seinen TV Title immer wieder durch „zufällige" Begebenheiten verteidigen, während er bei Promos und Interviews den Fans immer wieder kindlich-weinerlich seine Angst vor den kommenden harten Gegnern offenbarte. Dass Cactus Jack am 01.10.2004 ausgerechnet ihn als TagTeam-Partner für den großen Kampf gegen Public Enemy rekrutieren würde, war eine riesengroße Überraschung und sorgte vor dem Match für eine gehörige Prise erwartungsvolle Spannung in der Bingo-Halle ...

Und wie es sich für ein ordentliches Drama mit Happy End gehört, gewannen am Ende die Underdogs den Kampf, als Whipwreck einen von Cactus Jack malträtierten Rocko Rock im Ring erfolgreich covern konnte. Your NEW ECW TagTeam Champions of the World:

Cactus Jack & Mikey Whipwreck

Das ungleiche Duo sorgte danach selbstverständlich für einige unterhaltsame Momente, als Whipwreck im Arm von Cactus im Angesicht der zu erwartenden Revanche von Public Enemy jammerte: „I'm gonna die!" ...

Bei ECW November to Remember sollte es dann gut zu einem Monat später zum großen Rückkampf kommen. Diesmal konnten sich Rocko Rock und Johnny Grunge durchsetzen, so dass Cactus Jack danach wieder als Single Wrestler unterwegs sein konnte und prompt eine Fehde gegen den Sandman begann. Diese mündete nach einigen harten Auseinandersetzungen in Death Matches mit allerlei Foreign Objects im Februar 1995 in eine erneute Konfrontation mit Terry Funk. Dieser kam diesmal als Heel zurück und bearbeite zusammen mit dem Sandman den hilflosen Foley mit insgesamt 46 (!) Schlägen mit zwei Singapore Canes. Dann erschien zur großen Überraschung der Top-Heel und Champion der Promotion am Ring:

„The Franchise" - Shane Douglas.

Douglas hatte eigentlich in der Storyline keinerlei Bezüge zu Cactus Jack, war aber als junger Mann zur gleichen Zeit wie Foley von Joe DeNucci trainiert worden. Joey Styles informierte die TV-Zuschauer aufgeregt über diese gemeinsame Vergangenheit, während Douglas unter dem Jubel der Fans völlig überraschend auf den Sandman und Funk losging und somit Cactus Jack aus der Patsche half. Es waren diese gut dosierten, meist äußerst emotionalen Storyline-"Twists" (Wendungen), die die ECW-Shows oftmals zu den aufregendsten Wrestling-Sendungen in Nordamerika machten, weil man als Fan immer auf eine gut gebookte Überrasschung hoffen durfte. Wo WCW und WWF schwarz-weiß malten, handelten die Stars der ECW oftmals aufgrund von persönlichen Motiven und nicht nach dem Face/Heel-Schema, was sie deutlich realitätsnaher erschienen ließ als z.B. den „Rennfahrer" Bob Holly oder den „Müllmann" Duke Droese in der damaligen WWF.

Während Cactus Jack nach diesem Szenario sich erst einmal nach Japan verabschiedete um dort seine Fehde gegen Terry Funk fortzusetzen, stand Shane Douglas Anfang 1995 auf dem Höhepunkt seiner Wrestling-Karriere. Er war der unumstrittende Heel-Champion der Promotion, die Fans liebten es ihn zu hassen und er hatte dabei noch regelmäßig qualitativ hervorragende Titelverteidigungen. Seine Dominanz in der ECW wurde zudem mittlerweile durch zwei andere hervorragende Wrestler abgesichert, die 1994 beide in der Promotion debütiert hatten: Chris Benoit & Dean Malenko. Zusammen bildeten sie die Elite-Gruppierung

The Triple Threat

Die „dreifache Bedrohung" sollte in der Viking Hall schon bald in aller Munde sein, weil sie für qualitativ erstklassiges Wrestling stand. Denn obwohl die ECW in ihren Anfansjahren vor allem durch brutale Gimmick-Kämpfe ins Gespräch kam, konnte spätestens ab 1995 auch das hochklassige Wrestling in vielen Matches eines ECW-Events zum Markenzeichen der Promotion werden - ein Punkt der heute leider oft vergessen wird. Der Ruf als aufregendes „Underground Phenomenon" lockte junge Talente aus der ganzen Welt nach Philadelphia, die sich dort - oftmals höchst motivert - ihre ersten Erfolge in den USA erarbeiten wollten. Die ECW wurde ein Auffangbecken für sie und bot ihnen eine Plattform um sich zu präsentieren. Viele von ihnen sollten die Promotion in der Folge als Sprungbrett benutzen ...

Der junge Kanadier Chris Benoit hatte Anfang der 90er Jahre unter den Namen „Wild Pegasus" und „Pegasus Kid" sowohl in Mexiko wie auch in Japan als erstklassiger Techniker für großes Aufsehen gesorgt - dennoch reichte selbst dieser Ruf nicht aus um einen Vertrag bei der WWF oder der WCW zu ergattern. So lotste ihn Paul Heyman 1994 nach Philadelphia, wo er als erstes Fehden gegen Too Cold Scorpio und später dann SABU bekam. Letztere sollte ihm dann zu ungwolltem Ruhm verhelfen. Bei „ECW November to Remember 1994" musste sein Main Event-Kampf gegen Sabu bereits nach nur zwei Minuten abgebrochen werden, weil er bei einem verunglückten Suplex seinen Gegner versehentlich den Nacken „gebrochen" hatte. Im Gegensatz zu WWF und WCW reagierte Heyman auch hier wieder anders und machte keine Anstalten den schweren Unfall aus dem Show-Programm herauszuschneiden, sondern nutzte ihn für eine Storyline aus. Kommentator Joey Styles erklärte den TV-Zuschauern noch via TouchScreen die genauen Umstände des Bruchs, während der zuvor eher farblose Chris Benoit einen neuen Nick-Name verpasst bekam:

The Crippler - ein Mann, der mit seinen bloßen Händen seine Gegner zum „Krüppel" machen konnte.

Mit diesem Gimmick war Benoit fortan in der Viking Hall over, in der die Fans sowieso schon sein großes Wrestling-Talent zu schätzen wussten. Ende 1994 wurde er so ein Mitglied der Triple Threat.

Die Nr. 3 in der Gruppierung war der Sohn der NWA-Wrestling-Legende Boris Malenko:

Dean Malenko.

Der mit 1,78 m eher kleine Wrestler war zuvor in der Independent-Szene, in Europa und in Japan als erstklassiger „Mat-Technician" aufgefallen, schien aber aufgrund seines eher spröden und schweigsamen Auftretens keine große Zukunft im nordamerikanischen Wrestling-Business zu haben. Paul Heyman sah das anders, verpflichtete ihn zunächst im TagTeam mit Bruder Joe Malenko, bookte ihn dann aber bereits kurz nach seinem Debüt als Single-Wrestler in seinen Shows gegen andere Top-Techniker der Liga um den ECW TV Title und machte aus ihm einen Star. Wer gegen Malenko wrestlete, hatte nichts zu lachen, denn der „Man of the 1000 Holds" (wie er später in der WCW genannt werden sollte) brachte mit seinem schier unerschöplichen Repertoire an Haltegriffen früher oder später jeden auf die Matte, wo er seinen Gegnern dann meistens haushoch überlegen war und sie per Submission Move zur Aufgabe zwang. Da in den USA gerade „Ultimate Fighting" in Mode kam, erhielt er mit dem Nick „The Shooter" einen damals trendigen und seinem Wrestling-Charakter angemessenen Spitznamen. Damit war die ECW-Version der IV-Horsemen komplett.

„The Franchise" Shane Douglas
„The Crippler" Chris Benoit
„The Shooter" Dean Malenko

sollten für das erste Halbjahr 1995 die Promotion dominieren. Wie einst die Horsemen waren sie Heels und wie einst die Horsemen konnten sie die Fans dennoch immer wieder durch ihr hervrausragendes Wrestling-Können faszinieren. Damit lag die ECW den beiden „Großen" im Geschäft erneut eine Nase lang voraus, denn in der WWF hießen die neuen Top-Heels zum gleichen Zeitpunkt Psycho Sid und Mabel, während in der WCW zwischenzeitlich sogar „Brutus Beefcake" Ed Leslie einen PPV gegen Hulk Hogan geheadlinet hatte ...

Während Douglas sich abwechselnd mit Tommy Dreamer und dem Sandman herumschlagen musste, zog Dean Malenko die Fans vor allem durch eine intensive Fehde gegen einen Latino Amerikaner in den Bann, der im Frühjahr 1995 sein Debüt in der ECW feierte:

Eddy Guerrero

Der junge Mann aus El Paso, Texas hatte zuvor in Mexiko in der AAA an der Seite des legendären Art Barr durch sein Talent für derart großes Aufsehen als TagTeam-Wrestler gesorgt, dass 1994 die halbe Welt hinter dem charismatischen Duo her war: WWF, WCW und New Japan streckten die Fühler nach Barr & Guerrero - La Pareja del Terror - aus - genauso wie Paul Heyman und die ECW. Letzterer träumte bereits von einer Fehde der beiden Latinos gegen sein Top-Tag-Team „Public Enemy", als eine Tragödie alle diesbezüglichen Pläne zunichte machte: Art Barr wurde am 23.11.1994 tot in seinem Haus in Springfield, Oregon aufgefunden. Die Todesursache gilt bis heute als großes Mysterium, da Barr keinerlei Drogen- oder Herzprobleme hatte. Eddy Guerrero stand nach seinem großen Run in der AAA plötzlich ohne Partner da ...

Damit sank auch sein Marktwert in Nordamerika, so dass er 1995 dann doch - als Single-Wrestler - in der ECW landete. Gleich bei seinem Debüt konnte er Too Cold Scorpio besiegen und diesen damit als ECW Televison Champion entthronen. Damit geriet er ins Zielkreuz von Malenko, da dieser den Titel zuvor im Winter sein eigen genannt hatte und nun erneut Ansprüche auf das Gold anmeldete. Es folgte eine Fehde, die sich durch den ganzen Sommer zog und einige der besten Wrestling-Matches in der Geschichte der Promotion hervorbrachte. Ihre Kämpe vom 15.04.95 (ECW Hostile City Showdown) und 26.08.1995 (2 out of 3 Falls) sind wahre Technik-Leckerbissen, die auch jeder heutige Fan einmal gesehen haben sollte.

Zusätzlich zu seiner Fehde gegen Guerrero war Dean Malenko zudem auch noch in der TagTeam-Szene zusammen mit Chris Benoit aktiv - und erfolgreich. Am 25.02.1995 gewannen die beiden Mitglieder der Triple Thread die ECW World TagTeamTitle von Sabu und dem Tasmaniac. Wie einst die Horsemen in der NWA hielt der Stable damit für kurze Zeit alle Titel der Promotion.

Die TagTeam-Szene der ECW konnte sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls sehr sehen lassen und bestach - aufgrund der speziellen „ECW-Rules" (es gibt keine Tags, alle 4 Wrestler sind das gesamte Match über „gleichzeitig" im Ring) - oftmals durch jede Menge Action. Neben den angsprochenen Public Enemy, Sabu & Tasmaniac und Malenko & Benoit waren es vor allem die

Pitbulls,

Garry Wolfe und Anthony Durante, die als Lokalmatadoren mit einem wilden Brawling-Stil der Tag-Szene ihren Stempel aufdrücken konnten.

So hatte man in Philadelphia Mitte 1995 endgültig ein Wrestling-Produkt kreiert, dass durch erstklassiges Wrestling, nie zuvor gesehene Hardcore-Action, innovative Angles, Shoot-Interviews und eine Aufhebung der schlichten Schwarz/Weiß-Gut/Böse-Kriterien eine unglaublich aufregende Mischung darstellte und sich dabei so deutlich von WWF und WCW unterschied, dass weltweit immer mehr Fans auf die kleine Liga mit dem „EXTREME" im Namen aufmerksam wurden. Die ECW zu mögen und zu unterstützen war mehr und mehr „in", „cool" und „angesagt", weil sie auf freche Art und Weise Monat für Monat mit einem bescheidenen Budget den beiden großen Ligen mit ihren Shows voraus zu sein schien. Mehr denn je konnte die kleine Promotion dabei auch von dem zum Teil katastrophalen Booking in WCW und WWF präsentieren. Während erstere seit der Verpflichtung von Hulk Hogan 1994 die 80er Jahre die WWF zu kopieren versuchte und dabei Woche für Woche peinlicher wirkte, setzte Vince McMahon auf den 2,10 m großen Riesen „Big Daddy Cool Diesel" (Kevin Nash) als Champion und erlebte dabei ein finanziell mehr als ernüchterndes Jahr. Das Business steckte weiterhin in einer Krise und die kleine ECW galt zu dieser Zeit mehr und mehr als innovative Gegenkraft - mit dem aufregendesten und modernsten Shows in ganz Nordamerika.

Diese Trendwende im Geschmack der Fans sollte die World Wrestling Federation bald schon auf bittere Art und Weise selbst erfahren müssen. Beim traditionell zweitwichtigsten PPV des Jahres, dem Summerslam, kam es 1995 in der Civic Arena von Pittsburgh, Pennsylvannia - nur wenige Kilometer von der Viking Hall in Philadelphia entfernt - zum großen Main Event um die WWF Championship:

„Big Daddy Cool" Diesel gegen „King" Mabel.

Beides mit Sicherheit alles andere als große Techniker vor dem Herrn. Es kam wie es kommen musste: Kevin Nash und der heutige Viscera langweilten nach wenigen Sekunden die Zuschauer mit einer unansehnlichen Punch- und Tritt-Orgie so sehr, dass die Fans Minute für Minute wütender über die „Darbietung" im Ring wurden. Die Folge: In der Mitte des Kampfes schrie fast die gesamte Halle lautstark nach ihren Lokalhelden:

E-C-DUB!
E-C-DUB!
E-C-DUB!

Ein deutlicher Warnschuss für Vince McMahon, der als Kommentator zusammen mit Jerry Lawler große Mühe hatte die Chants zu ignorieren. Die Titelverteidigung Diesels in diesem Match gilt bis heute als der schlechteste Summer Slam Main Event aller Zeiten. Das „Underground Phenomenon"aus Philadelphia hatte sich dagegen zum erstenmal bei einer Großveranstaltung der WWF lautstark bemerkbar gemacht.

Der frische Ruhm der Promotion sollte sich nun allerdings immer öfter gegen die Liga wenden. Denn je mehr Aufmerksamkeit die ECW in Nordamerika ziehen konnte, desto größer wurde auch das Interesse von WCW und WWF an ihren Wrestlern. So musste Extreme Championship Wrestling 1995 zum erstenmal einen großen Abgang an Talenten und hauseigenen Stars verkraften, der die halbe Midcard der Liga hinwegzufegen schien.

„The Franchise" Shane Douglas nahm im Frühjahr ein Angebot der WWF an und verließ schweren Herzens die Promotion, die er so lange als Champion angeführt hatte. Am 15 April 1995 verlor er bei „Hostile City Showdown" nach einer über 13monatigen Titelregentschaft seinen ECW World Title an den Sandman. Die Triple Threat war damit - vorerst - Geschichte.

Denn auch Chris Benoit und Dean Malenko sollten die Promotion im Verlaufe des Jahres verlassen. WCW Präsident Eric Bischoff war auf die Spitzentechniker in Philadelphia aufmerksam geworden und kaufte sie mit dem Turner-Scheckbuch für World Championship Wrestling ein. Weil ihm Eddy Guerrero in dessen Kämpfen gegen Malenko ebenfalls ins Auge stach, verpflichtete er diesen gleich mit. Alle drei wurden nach ihren letzten Auftritten in der Viking Hall von den Fans euphorisch gefeiert und verließen Philadelphia mit einer Träne im Auge. Paul Heyman, seit seinem Abgang 1993 sowieso schon mit großem Hass gegen die WCW emotional aufgefüllt, sollte indessen Bischoff diese Einkaufspolitik (bis heute) nicht verzeihen und beschuldigte ihn fortan regelmäßig die ECW damit gezielt zerstören zu wollen.

Denn so geschickt Heyman sich auch gegen des Ausverkauf wehrte, das Scheckbuch der WCW-Oberen machte ihn in seinen Plänen in den nächsten Jahren immer öfters einen Strich durch die Rechnung. Als Ersatz für Benoit und Malenko holte er sich kurzentschlossen weitere Stars der mexikanischen Promotion AAA nach Philadelphia. Der dort vorgetragene „Lucha Libre"-Style war in Nordamerika noch gänzlich unbekannt, so dass die Fans in der Viking Hall nicht schlecht staunten, als sie zum erstenmal die Künste vieler mexikanischer Top-Stars live zu sehen bekamen, wie z.B. die von

Konnan, Psychosis , Juventud Guerrera, vor allem aber die von:

Rey Misterio, jr.

Letzterer war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 20 Jahre jung und zeigte High-Flying-Moves, die den Fans den Atem stocken ließ. Der kleine Mann mit dem großen Kämpferherzen und den orginellen Masken faszinierte die Zuschauer mit einer Körperbeherrschung und Akrobatik, die aufsehenserregend war. Insbesondere seine Technikfeuerwerke in Kämpfen gegen Psychosis hinterließen einen tiefen Eindruck bei den Fans und gehören bis heute zu den besten Matches in der Geschichte der Promotion ...

Dann zückte Eric Bischoff im Herbst 1995 erneut das Scheckbuch und kaufte nahezu alle von der ECW entdeckten mexikanischen Stars für die WCW ein, wo sie fortan in den großten TV-Shows von World Championship Wrestling ein Mainstream-Publikum begeistern konnten. Die ECW musste sich dagegen wieder einmal umorientieren und stand erneut mit leeren Händen da ...

Den Fans in Philadelphia wurden dabei durch die Abgänge noch einmal eindrucksvoll die eigene Verwundbarkeit gegenüber den mit reichen finanziellen Ressourcen ausgestatten „Big 2" vor Augen geführt, was den Hass auf die beiden großen Ligen bei vielen noch steigerte. Für das gesamte Wrestling-Business begann derweil im Sommer 1995 ein neues Zeitalter, als auf dem Kabelsender TNN die WCW ihre neue „Prime Time"-Show am Montagabend präsentierte: WCW Monday Nitro.

Der Clou daran: Nitro lief zeitgleich zur Flaggschiff-Sendung der WWF: Monday Night RAW und wurde im Gegensatz zu dieser Show stets LIVE ausgestrahlt. Schon bald machte sich Eric Bischoff in seiner Funktion als Kommentator einen Spaß daraus Vince McMahon zu demütigen und enthüllte regelmäßig die Results der getapten WWF-Show zu Beginn von Nitro. Die „Monday Night Wars" hatten begonnen, die ein Jahr später einen neuen Wrestling-Boom in Nordamerika einleiten sollten. Die kleine ECW geriet dabei in diesem „Krieg" immer öfters zwischen die Mühlsteine der beiden großen Promotions, die ihre Roster in der Folgezeit mehr und mehr mit ECW-Talenten aufrüsteten. EXTREME Championship Wrestling stand somit auch aufgrund dieser neuen Underdog-Position mehr den je GEGEN das Etablishment.

Paul Heyman machte dann schließlich aus der Not eine Tugend und sich die Einstellung vieler Hardcore-Fans zunutze: Er reagierte in der Folgezeit mit Storylines in seinen Shows, die auf Geschehnisse der aktuellen WWF und WCW-Sendungen Bezug nahmen und diese oftmals völlig durch den Kakao zogen. Einen willigen Partner für seine Ideen fand er dabei in Mick Foley, den er im Sommer 1995 zu einem Heel-Turn überredete. Und so begann eine der kreativsten, aufregendsten und lustigsten Storylines der ECW-Geschichte ...

Am 05.08.1995 schockte Cactus Jack die Fans in der Viking Hall, als er am Ende eines „4 on 4"-TagTeam-Kampfes plötzlich seinen Partner Tommy Dreamer attackierte und ihm so den sicher geglaubten Sieg raubte. Nach einem Abstecher nach Japan, wo er das IWA „King of the Deathmatch"-Tournament gewann, erklärte Foley im September der Öffentlichkeit die Motivation für seinen Turn. Er habe im Frühjahr das Licht gesehen und die blutdurstige ECW-Crowd zu hassen begonnen, nachdem er in der ersten Reihe ein Schild mit der Aufschrift „Cane Dewey" gesehen hätte. (Dewey ist Mick Foleys Sohn und war damals gerade drei Jahre alt.) Dann wäre ihm zu Ohren gekommen, dass Dreamer von Eric Bischoff ein Angebot für einen WCW-Vertrag erhalten habe, Tommy dies aber aufgrund seines „Hardcore"-Stolzes abgelehnt hätte. [- Dies entsprach der Wahrheit, da die WCW zu diesem Zeitpunkt tatsächlich an einer Verpflichtung Dreamers interessiert war, Tommy aber in Philadelphia bleiben wollte.] - Daher habe er - Cactus Jack - beschlossen Tommy Dreamer Vernunft einzuprügeln um ihm beizubringen, dass die Zukunft in der WCW das beste für ihn sei. Logischerweise brachten diese Kommentare die Fans erst richtig gegen Foley auf. Getoppt wurde das Interview dann allerdings noch durch die letzten Sätze Foleys: Er habe bereits mit „Uncle Eric" telefoniert und dieser habe ihm versichert, dass er Dreamer auch weiterhin nehmen würde.

Damit war Cactus Jack fest als Heel in Philadelphia etabliert, da viele Fans statt Jack vs. Dreamer nun die Fehde WCW/Eric Bischoff vs. ECW in die Auseinandersetzung hineininterpretierten. In einer Zeit, in der Interpromotional Angles noch äußerst selten waren und die Namen anderer Ligen oftmals gar nicht erst im Programm erwähnt wurden, gab es in der ECW nun also Monat für Monat Shoots gegen die Konkurrenz. Der war man mit dieser Storyline erneut um ein Jahr voraus (1996 kam es bekanntlich in der WCW zur Gründung der nWo ...). Cactus Jacks herausragende Promo-Qualitäten taten ihr übriges, so dass seine Fehde gegen Dreamer und die ECW-Fanbasis Woche für Woche mehr an Brisanz gewann. Um die blutdurstige Crowd noch weiter gegen sich aufzubringen, beschloss Mick Foley seinen Stil völlig zu ändern und auf alle „Cactus"-typischen Hardcore-Aktionen zu verzichten. Stattdessen langweilte er fortan die Fans absichtlich mit 10minütigen Headlock- und Haltegriff-Serien. Todd Gordon und Paul Heyman sprachen in TV-Interviews zornig darüber, dass Cactus Jack ihnen mit dieser Einstellung Geld stehlen würde, worauf Foley konterte, dass er ein ehemaliger WCW-Wrestler sei und schon deshalb sein Geld wert sei ... usw. usw.

Am 28.10.1995 sollte es dann in der ECW Arena schließlich endlich zum denkwürdigen Showdown mit Tommy Dreamer kommen, der sich als Verstärkung von Rückkehrer Terry Funk zum Ring begleiten ließ. Nach einem minutenlangen Geplänkel, in dem sich Floey u.a. versuchte auszählen zu lassen und nur durch eine Beleidigung des Funkers („Bischoff is a homo") zum weiterkämpfen motivieren ließ, griff am Ende des Kampfes ein Mann ein, über dem später hier noch ausführlich berichtet werden wird: Tommy Dreamers Erzfeind - Raven. Nach einem wilden Brawl mit allerlei Waffen schwang Cactus Jack plötzlich ein Mitbringsel aus Japan durch die Luft: Einen „Fire Chair" - einen brennenden Stuhl, der vom Funker prompt versehentlich mit einem brandeisen in Flammen gesetzt wurde. Nachdem Dreamer seinen Partner zunächst vor einem Stuhlschlag rettete, setzte Mick Foley zu einem zweiten Schlag an - mit ungeahnten Folgen. Ein Handtuch, dass vorher am Stuhl kleben geblieben war flog unabsichtlich auf den Rücken des Funkers und setzte diesen (scheinbar) - im wahrsten Sinne des Wortes - in Flammen. So sahen die schockierten Fans einen brennenden Terry Funk, der in den Backstage-Bereich raste ... und am Ende mit viel Glück mit nur leichteren Verbrennungen zweiten Grades davon kam.

Wieder einmal hatte die ECW eine Grenze überschritten und für eine Kontroverse gesorgt. „Did you believe what they did last night?" hieß es wieder kreuz und quer durch die USA und sorgten für Hockonkuntur unter den Tape-Tradern. Der Ausgang des Kampfes hatte aber auf der anderen Seite auch noch einmal eindrucksvoll die Schattenseiten des „EXTREME"-Hardcore-Styles der Liga aufgezeigt. Die Risiken, die manche Wrestler eingingen um die Crowd in Philadelphia zufriedenstellen waren stark gesundheitsschädigend und sorgten oftmals dafür, dass der Lockerroom nach einem ECW-Event zum größten Lazarett in der Stadt wurde. Foleys Kritik in seinen Promos am Blutdurst der Fans hatte daher durchaus einen sehr realen Hintergrund, da die Ansprüche der Hardcore-Stammzuschauer oftmals nicht mehr mit realen Maßstäben zu erfüllen waren.

Bei „ECW November to Remember 1995" kam es dann zum großen TagTeam-Kampf Cactus Jack & Raven vs. Tommy Dreamer & Terry Funk, den am Ende die Babyfaces auch gewinnen konnten. Die eigentlichen Highlights des Matches bestanden aber in Mick Foleys „Kleiderwechseln". Um Dreamer weiter gegen sich anzusticheln, enthüllte Cactus Jack in der Mitte des Kampfs plötzlich ein „WCW-T-shirt" !!!! Darauf abgebildet: Drei Mitglieder der zu diesem Zeitpunkt wohl trashigsten Heel-Gruppierung im Professional Wrestling - dem „Dungeon of Doom": The Shark (John Tenta), Kamala und The Zodiac (Brutus Beefcake Ed Leslie). WCW-Trash, den die harte ECW-Fanbasis hasste wie die Pest. Dementsprechend flippte die Halle bei der "Enthüllung" sofort aus, während Dreamer im Ring immer wütender wurde. Doch es sollte noch besser kommen: In den Schlussminuten zog sich Cactus auch dieses T-Shirt aus ... und enthüllte darunter ein zweites Shirt mit dem Abbild von Eric Bischoff. (!!!) Auf der Rückseite stand gut sichtbar der Spruch geschrieben: „Please forgive me, Uncle Eric". Das brachte die Halle dann endgültig zum Kochen und Tommy Dreamer bekam durch diese Provokation den finalen Motivationsschub um - als Underdog - die Hardcore-Legende am Ende erfolgreich bis 3 zu pinnen.

Zumindestens an diesem Abend hatte also die ECW die WCW zur Freude der Fans geschlagen, und das gleich in mehrerlei Hinsicht.

Denn bei „November to Remember 95" kam es nämlich auch zu dem einzigen Wrestling-Match von

Steve Austin

in der ECW Arena.

What?
What?
Steve Austin in der ECW Arena?
What happened before?

Eric Bischoffs größter Coup in der WCW war zweifelsohne die Verpflichtung von Hulk Hogan 1994, der damit nach einem Jahr Pause wieder aktiv ins Wrestling-Business zurückkehrte und den man in seiner neuen Heimat wie einen Gott empfing. Jeder Wunsch wurde der Legende von Mr. Bischoff erfüllt und so überfluteten schon bald alte Hulkster-Kumpanen wie Brutus Beefcake (Ed Leslie), Avalanche (aka „Earthquake" John Tenta) und „Hacksaw" Jim Duggan das Programm von World Championship Wrestling. Letzterer durfte den aufstrebenden US Champion „Stunning" Steve Austin in einem 30sekündigen (!) Squash im September 1994 den US Title abnehmen. Von da an war „Stunning Steve" nicht mehr gefragt, obwohl ihm Bischoff lange Zeit eine Titelfehde gegen Hogan versprochen hatte. Während Ed Leslie gegen den Hulkster Starrcade 94 headlinen durfte, schaffte es Austin auf keine PPV-Card der WCW meht. Was für ein Abstieg! Und es sollte noch schlimmer kommen, denn während einer Verletzungspause erreichte den EX- Champion im Frühjahr 1995 plötzlich ein Telefax von Eric Bischoffs Sekretärin: Er sei ab sofort fristlos entlassen! UPS! Per Telefonanruf bestätigte der WCW-Präsident Austin seine Entscheidung. Und Bischoff, beschwingt von seinem engen Verhältnis zu Hulk Hogan, trat in der Folge in öffentlichen Interviews noch mehrmals nach: NIEMALS würde Steve Austin im Wrestling-Business ein großer Star werden, NIEMALS würde er PPVs headlinen, NIEMALS ein großer Draw werden.

Es sah schlecht aus für die Karriere des Wrestlers Steve Williams im Sommer 1995 ... als plötzlich bei ihm das Telefon klingelte und Paul Heyman am Apparat war. Dieser hatte Austin bereits 1991-92 als „Paul E. Dangerously" in dem Stable „Dangerous Alliance" gemanagt und bot seinem alten Schützling nun Auftritte in den lokalen ECW TV-Shows an. Dort - so ein über Bischoff angefressener Heyman - könne Austin über alles reden, was ihn in der WCW frustiert habe ... Kollegen, Booker, Management. Ein arbeitsloser Austin willigte prompt ein und so kam es dann im Herbst 1995 zu mehreren für die damalige Zeit absolut unerhörten „Shoot"-Interview-Szenen im Rahmen einer Wrestling-Show, was den Ruf der ECW als „Rebellen"-Liga weiter fundamentierte. Steve Austin verkleidete sich dabei u.a. als Hulk Hogan und schimpfte Woche fürWoche wie ein Rohrspatz über Eric Bischoff, Dusty Rhodes und insbesondere den Hulkster. Man hätte ihn bewusst unten gehalten und Top-Fehden gegen Sting, Savage oder Hogan verhindert. Bei seinen Promos enthüllte er genüßlich pikante Details der Backstage-Intrigen und Booking-Pläne der WCW und brach somit klar „Kayfabe" - was für die damalige Zeit ebenfalls absolut ungewöhnlich war. Austin sprach offen darüber, dass Kämpfe abgesprochen seien und veräppelte schließlich noch die Nitro-Kommentatoren der WCW als „Bongo" (mit einer Bongo-Trommel) - in Anlehnung an Steve „Mongo" McMichael. Zwar hatten die wenigstens Fans zu diesem Zeitpunkt einen Internetzugang, dennoch verbreiteten sich die Stories um Austins comedylastige Shoot-Promos wie ein Lauffeuer in der Wrestling-Commnity ...

So war es kein Wunder, dass er am Ende bei „ECW November to Remember" unter dem Namen „Superstar" Steve Austin (Entrance Theme: Superstar Jesus Christ) auf ECW World Champion Mikey Whipwreck in einem Titelmatch traf, sich dort aber am Ende knapp geschlagen geben musste. Sein Gimmick war im Vorfeld des Kampfes als das eines frustrierten Ex-WCWlers aufgebaut worden, der sich eigentlich für etwas besseres als die ECW Main Eventer hält. Für Mikey Whipwreck reichte es am Ende dennoch nicht...

Paul Heyman hatte nichts destotrotz große Pläne für seinen Neuzugang und wollte Austin über eine Fehde gegen den Sandman später doch noch bis zum World Title booken. Ein plötzliches Angebot der WWF verhinderte dies jedoch in letzter Minute ... und so unterschrieb der mittlerweile mit einer Glatze antretende ehemalige „Hollywood BLONDE" einen Vertrag bei Vince McMahon. Seine kurze Zeit in der ECW hatte ihn unumstritten verändert und vor allem eine neue Seite in seinem Charakter hervorgebracht, die für seine weitere Karriere noch sehr wichtig werden sollte.

Auf der anderen Seite konnte die ECW enorm von der Cross-Promotion des Angles profitieren und nebenbei der verhassten WCW eins auswischen. Die Company erlebte so 1995 ihre wohl innovativste und aufregendste Zeitperiode. Neben der unerhörten Gewalt in den Shows und dem ständigen Einsatz von zum Teil mehr als ungwöhnlichen Foreign Objects bestach die Liga nun auch mit erstklassigen Wrestling, kontroversen Shoot-Interviews und einer Anti-WCW/WWF-Haltung, die immer weiter im Programm ausgebaut wurde - auch optisch: Das ECW-Logo wurde modifiziert. Stacheldraht umgarnte nun das „E" im Namen der Promotion. Die TV-Shows wurden nun mit dem Kult-Song „THIS IS EXTREME!" von Harry & The Slashstones eröffnet, während man zeigleich als Fernsehzuschauer „Best of"-Zusammenschnitte der härtesten Szenen der Vergangenheit serviert bekam.

ECW - das stand fortan mehr und mehr für eine Lebenseinstellung GEGEN das Etablishment, für eine „Counter-Culture" gegen das bestehende Wrestling-Produkt der beiden großen Ligen. 1996 sollte sich dieser Konflikt noch weiter verschärfen, als die Monday Night Wars durch den Heel-Turn von Hulk Hogan in der WCW und der Gründung der nWo ungeahnte Höhen erreichten und die ECW durch den einsetzenden Wrestling-Boom und über das sich verbreitende Internet immer bekannter in der Öffentlichkeit wurde, was allerdings nicht immer mit den günstigsten Folgen der kleinen Liga verbunden war ...

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