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THE HISTORY OF ECW
Teil 1 (1992 - 1994) | Teil 2 (1994 - 1995) | Teil 3 (1996 - 1997) | Teil 4 (1997 - 1999) | Teil 5 (1999 - 2001)
Teil 1: The Early Years - HARDCORE Revolution (1992-1994)
Wir schreiben das Jahr 1992. Das nordamerikanische Wrestling-Business steckt in einer tiefen Krise. Die beiden dominerenden Promotions WWF und WCW haben rückläufige Zuschauerzahlen und niedrige PPV-Buyrates zu beklagen. Hulk Hogan, der größte Star in der Geschichte der Industrie, war zurückgetreten. Der Steroide-Skandal hielt die World Wrestling Federation und ihren Besitzer Vince McMahon im Würgegriff der Öffentlichkeit, während die seltsamen Machtstrukturen innerhalb der zum Turner-Konzern gehörenden WCW für regelmäßige Personal-Fluktuationen backstage und ein oftmals peinliches Produkt im TV sorgten.

Die WWF setzte fortan gezielter als je zuvor auf „Family Entertainment" und „saubere Storylines" in ihrem Programm um die kritischer gewordenen Medien zu beruhigen. Blut und übertriebene Gewaltdarstellung waren absolut tabu, genauso wie allzu harte „Schimpfwörter" bei Interviews im TV. Übertriebene Gimmicks dominierten das Programm, so dass Veranstaltungen der WWF oft an einen Zirkus erinnerten, in denen sich Clowns, Klempner, Rennfahrer, Müllmänner, Baseballspieler, Countrysänger und Totengräber gegenüberstanden. Weit enfernt hatte sich diese bunte Comic-Welt von den Wurzeln und Ursprüngen des Wrestling-Business in Nordamerika, bei denen noch der eigentliche „Fight" und der „Wettkampf"-Charakter der abgesprochenen Kämpfe im Vordergrund stand.

Die einst so mächtige und lange Nordamerika beherrschende National Wrestling Alliance (NWA) war quasi tot, nachdem die WWF unter Vince McMahon in den 80er Jahren expandiert und nach und nach fast alle alten Territorien der föderal aufgebauten Organisation aus dem Geschäft gedrängt hatte.Lediglich in Atlanta, Georgia leistete man der Dominanz der World Wrestling Federation und ihrem großen Star Hulk Hogan noch nennenswerte Konkurrenz. Die von Medienmogul Ted Turner aus persönlicher Dankbarkeit finanziell am Leben gehaltene WCW (World Championship Wrestling) hatte das Erbe von Promoter Jim Crockett angetreten, der McMahon in den 80er mit einem mehr auf „Old School"-Wrestling basierenden Produkt lange Zeit hartnäckigen Widerstand geleistet hatte. Doch Anfang der 90er Jahre sollte sich dies grundlegend ändern: Das letzte große Überbleibsel der NWA geriet unter die Kontrolle des „Coca-Cola"-Managers Jim Herd, der als neuer Präsident der WCW fortan versuchte die WWF zu kopieren. Statt Wrestling-Klassiker wie Flair vs. Steamboat bot die Liga den Fans bei ihren PPVs plötzlich ROBOCOP (!), böse Zwerge und peinliche „Mini-Movies", was die Krise im Business noch verstärkte.

„Old School"-Wrestling war tot, genauso wie die NWA, von der sich die WCW 1993 endgültig lossagte. Jobber-Kämpfe kennzeichneten die Sendungen der WWF und von World Championship Wrestling, technisch packende Fights oder Hardcore-Matches blieben dagegen Mangelware. Es war eine harte Zeit für talentierte Nachwuchs-Worker, da die Main Events in der Regel von wrestlerisch deutlich limitierten 2m-Riesen wie SID Vicious oder dem Ultimate Warrior dominiert wurden. Amerikas große Talente gingen lieber nach Mexiko oder Japan um sich weiterzuentwickeln, da die Chancen auf eine Karriere in der WCW oder WWF äußerst gering waren.

1992 war aber auch das Jahr, in der in Philadelphia, Pennsylvannia der dort beheimatete Promoter Tod Gordon eine neue Liga unter dem Dach der NWA gründete:

NWA-ECW: Eastern Championship Wrestling

Was in der Geburtstunde zunächst nur nach einer weiteren beliebigen Indy-Promotion mit monatlichen Veranstaltungen in Sporthallen oder heruntergekommenen Bars aussah, entwickelte sich 1993 plötzlich zu etwas größerem, als Gordon eine (lokale)Wrestling-Legende für seine kleine Liga als Performer und Booker verplichten konnte:

"Hot Stuff" Eddie Gilbert.

Gilbert hatte in den 80er Jahren für nahezu jede größere Promotion in Nordamerika gearbeitet (seine größten Erfolge feierte er dabei in Memphis in Jerry Lawlers USWA) und verfügte über neben seiner großen Erfahrung auch über einen natürlichen Instinkt für den Aufbau und das Booking von großen Storylines. „Hot Stuff"war darüberhinaus ein großer Anhänger von „Hardcore, Sex und Violence" in Wrestling-Shows, so dass die Cards der ECW-Events durch seinen Einfluss als Booker mehr und mehr von gewalttätigen Gimmick-Matches und halbnackten Frauen dominiert wurden. Da er aber ein großes Talent bei der Präsentation von langwierigen Fehden hatte, stieg der „Entertainment"-Faktor der ECW 1993 sprunghaft an und lockte regelmäßig ein größer werdendes Publikum zu den Veranstaltungen der Liga. Sein Name allein war zudem vielen Fans in Philadelphia seit seinen legendären Kämpfe 1991 gegen Cactus Jack in Joel Goodhart's „Tri-State Wrestling Alliance" noch ein Begriff, so dass die junge Promotion durch seine Verpflichtung ihren Bekanntheitsgrad deutlich steigern konnte.

Gilberts Visionen von einem härteren Wrestling-Produkt wurden in der Wrestling-Szene aufmerksam registriert und weckte das Interesse eines Mannes, der die Liga später in ganz neue Dimensionen führen sollten:

Paul Heyman

Heyman hatte als junger Mann Gilbert 1988 in der sterbenden Continental Wrestling Association in Alabama kennengelernt und dort u.a. als „Paul E. Dangerously" auch gemanagt. Er teilte seine Begeisterung für das „Hardcore-Wrestling" und war 1993 gerade von der WCW entlassen geworden. Nach mehreren für ihn überwiegend frustrierenden Jahren in Atlanta , wo er u.a. das Heel-Stable „Dangerous Alliance" als Manager angeführt hatte, erreichte ihn Anfang des Jahres die überraschende und juristisch fragwürdige Kündigung durch den neuen WCW-Präsidenten „Cowboy" Bill Watts. Damit war er frei für Indy-Projekte und Gilbert konnte ihn sehr schnell für ein Engagement in Philadelphia begeistern.

Und noch ein anderer großer Mann im Wrestling-Business wurde durch den Namen Eddie Gilbert nach „Philly" gelockt:

Terry Funk.

Der ehemalige NWA Champion war seit jeher ein großer Anhänger eines aggressiveren „Hardcore-Styles" und hatte just zu diesem Zeitpunkt in Interviews mit Wrestling-Newslettern darüber philosophiert, wie gerne er eine „Hardcore TV"-Wrestling-Show in Amerika etablieren würde. Gilberts Visionen sprachen Funk an und so konnte sich die junge Indy-Promotion in ihrem zweiten Jahr über die Verpflichtung einer wahren Legende freuen.

Im Frühjahr 1993 feierte Eastern Championship Wrestling dann einen Meilenstein-Erfolg, als der neue lokale Spartenkanal „SportsChannel Philadelphia" der Liga einen TV-Platz einräumte. So kam es im „Cabrini College" zu den ersten Tapings eines ECW-Events für das (lokale) Fernsehen - vor sagenhaften 60 (!) Zuschauern. Markanteste Fan-Schilder bei der Veranstaltung:

ECW= Eddie's Championship Wrestling.

Keine Frage: Eddie Gilbert war der erste Star der ECW, auch wenn er keinen Champion-Gürtel um die Hüften geschnallt hatte. ECW Champion durfte sich zu diesem Zeitpunkt nämlich ein anderer charismatischer Wrestler nennen:

The Sandman (James Fullington)

Nachdem im Gründungsjahr der Titel noch an alte Legenden wie Jimmy „Superfly" Snuka und Don Muraco gegangen war, hatte man in James Fullington einen jungen aufstrebenden Hardcore-Wrestler gefunden, der der ECW bis zum Ende ein Gesicht geben sollte. Der blonde Hüne kam regelmäßig mit Zigarette und Bierdose zum Ring, schlug sich vor jedem Kampf die eigene Stirn blutig und strahlte eine unglaublich brutale Intensität aus, die die Fans in ihren Bann zog. Sein wilder Brawling-Stil passte hervorragend in das neue „Hardcore"-Image der Liga, so dass er sehr schnell zu einem der großen Aushängeschilder der Promotion wurde.

Diese hatte indessen eine neue Heimat gefunden. Nachdem das „Cabrini College"" sich sehr schnell als zu klein für die Veranstaltungen der ECW erwiesen hatte, zog man im Mai 1993 in die größere, rund 1000 Zuschauer fassende „Viking Hall" in Philadelphia um. Diese diente der Stadt unter der Woche als „Bingo"-Spielhölle, was der Halle in späteren Jahren der Liga den Beinamen

„The world's most famous Bingo Hall" („Die berühmteste Bingo-Spielhalle der Welt") einbrachte.

Im TV promotete man sie derweil regelmäßig als „ECW ARENA", wie sie auch heute noch von vielen Wrestling-Fans auf der ganzen Welt schwärmerisch genannt wird. Denn in ihr sollte in den nächsten Jahren Geschichte geschrieben werden.

1993 hieß der größte Star der Liga aber immer noch „Hot Stuff" Eddie Gilbert, um dem im lokalen TV die großen Storylines aufgebaut wurden. So kam es im Sommer folgerichtig zum großen Showdown zwischen ihm und Terry Funk, die sich bei ECW's „Super Summer Sizzler" in einem „Texas Chain Saw Match" gegenüberstanden und - vor einer Rekordkulisse - eine blutige Schlacht lieferten. Gilbert gewann am Ende den Kampf und durfte sich fortan „King of Philadelphia" nennen, ein Gimmick, dass er in den Folgemonaten genüßlich auslebte. Der brutale Kampf machte danach als Video-Band unter Tape-Tradern eine Tour durch Nordamerika und weckte schließlich sogar die Aufmerksamkeit einiger mexikanischer und japanischer Ligen sowie deren Workern. So kam es noch bereits im August 1993 zu ersten Gastauftritten von Indy-Stars wie Miguelito Perez, Crash the Terminator (WWE's Bill De Mott) oder Mitsuhiro Matsunaga. Die regelmäßige Verpflichtung von Wrestlern mit anderen Kampf-Stilen aus Ligen außerhalb Nordamerikas sollte schon bald zu einem Markenzeichen der ECW werden und sie von WWF und WCW noch weiter absetzen. Denn bei Kämpfen dieser „Gaststars" bekamen die Zuschauer in Philadelphia in der Regel Moves und High-Flying-Action geboten, die man im Programm der beiden großen Ligen oft vergeblich suchte.

„The King of Philadelphia" verließ indessen im Herbst 1993 die Stadt und die Promotion, die er als Booker in so kurzer Zeit maßgeblich mitgeprägt hatte, für immer. Eddie Gilbert überwarf sich hinter den Kulissen mit Paul Heyman und Tod Gordon und hielt bei „ECW Ultra Clash" am 18.09.1993 eine - backstage vorher nicht abgesprochene - sentimentale Abschiedsrede vor den Fans in der „Viking Hall", in der seine Motive erklärte und sie aufforderte die Promotion auch weiterhin zu unterstützen. Ein mehr als ungewöhlicher Abgang für die damlige Zeit, der ebenfalls einen bemerkenswerten Trend für die kommenden Jahre setzen sollte:

Wenn Wrestler die ECW verließen, taten sie dies in der Regel mit einer Träne im Auge.

Die Dimensionen, in die die kleine Liga in den kommenden Jahren noch vorstoßen sollte, durfte Eddie Gilbert dann später nicht mehr miterleben. Am 18. Februar 1995 verstarb „Hot Stuff" in einem Hotelzimmer im Alter von nur 33 Jahren an den Folgen einer schweren Herzattacke. Sein letztes Match hatte er am Vorabend gegen einen Zirkusbären bestritten ...

Doch zurück ins Jahr 1993, zu „ECW Ultra Clash".

Denn in der gleichen Nacht, in der Eddie Gilbert sich von der Liga und ihren Fans für immer verabschiedete, ging ironischerweise der Stern eines jungen Mannes auf, der für das kommende Jahr das Aushängeschild von Eastern Championship Wrestling werden sollte:

The Franchise - Shane Douglas

Douglas hatte Anfang der 90er Jahre als talentierter Indy-Wrestler sein Glück bei World Championship Wrestling versucht und dort in Kämpfen mit Spitzen-Workern wie Ricky Steamboat, Steve Austin vor allem bei TagTeam-Matches auf sich aufmerksam gemacht. Ein größerer Push als Single-Star blieb ihm allerdings trotz guter Leistungen stets verwehrt. Die Schuld dafür gab er in erster Linie dem frisch aus der WWF in die WCW zurückgekehrten „Nature Boy" Ric Flair, der ihm seiner Meinung nach angeblich stets „unten gehalten" und einen Aufstieg von Douglas in die Main Event-Szene bewusst verhindert hätte.So verließ er Mitte 1993 mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch die WCW und fand eine neue Heimat in Philadelphia. Paul Heyman glaubte in seiner Funktion als Booker an Douglas, stellte ihm später mit Sherri Martel ein aus der WWF bekanntes Valet zur Seite und pushte ihn als schließlich als arroganten, „cocky" Top-Heel bis an die Spitze der Promotion. Am 09.09.1993 besiegte er WWF-Legende „El Matador" Tito Satana in Roanoke, VA um den ECW Title. Bei „Ultra Clash" konnte er als Champion zum erstenmal auch die Fans in Philadelphia begeistern und seinen Titel erfolgreich gegen The Sandman verteidigen. Mit der Titelregentschaft von Douglas wurde den Fans zudem einmal mehr signalisiert, dass in der ECW das Wrestling in den Main Events im Vordergrund stehen würde. Zwei Meter große Hünen mit drei Moves wie viele der damaligen Top-Stars der WWF und WCW (Hulk Hogan, Sid Justicem, Ultimate Warrior) suchte man in Philadelphia vergeblich. Junge, talentierte Worker (wie eben Douglas) würden dagegen ihre Chance auf den großen Ruhm erhalten. Es dauerte nicht lange bis Paul Heyman, der immer noch über seine Zeit in der WCW frustiert war, sich den Hass vieler Old-School und Hardcore-Fans gegen das comic-lastige „Family Entertainment" in den beiden großen Ligen zunutze machte und seine Wrestler dazu ermutigte in „Shoot-Interviews" gegen ihre alten Arbeitgeber zu stänkern. 1993 war dies immer noch ein großer Tabu-Bruch, da in einer Zeit ohne Internet kaum abgesicherte Informationen über Backstage-Politik und das Booking von Kämpfen von den großen Promotions nach außen drang. „Kayfabe" dominierte die wenigen Wrestling-Magazine, d.h. Wrestling wurde den Fans weitestgehend als „echt" verkauft. Die ECW unter Heyman brach mit diesen Traditionen und ließ ihre Stars für die damalige Zeit unerhörte Interviews geben, die zum Teil landesweit für Aufsehen sorgten. Shane Douglas machte hier den (behutsamen) Anfang, als er in Promos immer wieder über die WCW und insbesondere Ric Flair herzog, der ihn angeblich politisch „unten gehalten" hätte. In der ECW habe dagegen der Nachwuchs eine Chance und hier sei er der neue „Franchise". Solche kontroversen Interviews sollten das Image der Promotion als „Rebellen-Liga" nur noch weiter ausbauen und in den Folge-Jahren immer wieder zu außergewöhnlichen TV-Momenten führen..

1993 war es aber vor allem die unerhörte Gewalt und der Hardcore-Style in den No-DQ-Kämpfen, die die Promotion in den USA unter Tape-Tradern ins Gespräch brachten. Für den neuen Stil, den es in Nordamerika zu diesem Zeitpunkt sonst (fast) nirgendwo zu sehen gab, stand insbesondere ein Wrestler Pate, der schon bald mit seinen halsbrecherischen Manövern die Fans in der Bingo-Halle Monat für Monat mehr in den Bann ziehen sollte. Am 01.10.1993 gab er in Philadelphia sein Debüt:

Sabu

Terry Brunk, so der bürgerliche Name des High-Flying-Wunders, war in den harten Straßen von Detroit, Michigan aufgewachsen und fand über seinen Trainer und „Onkel", den berühmten „Sheik" (Ed Farhat) Mitte der 80er Jahre ins Wrestling-Business.1989 nannte er sich in Sabu um und verprügelte fortan Fans in der Öffentlichkeit, die ihn mit seinem alten Namen ansprachen. 1991 debütierte er in Japan bei der FMW und nahm an Dutzenden von „Barb Wire"-("Stacheldraht")-Kämpfen teil. Durch seine unglaubliche Körperbeherrschung sowie seine Neigung zu zum Teil außergewöhnlich akrobatischen und halsbrecherischen Moves machte er sich sehr schnell einen Namen in der Szene, so dass Heyman 1993 begeistert zuschlug um diesen ungewöhnlichen Mann für die ECW zu gewinnen. Und die Fans in Philadelphia staunten nicht schlecht, was sie fortan von „SAA-BUUU; SAA-BUUUU; SAA-BUUU" an Kämpfen geboten bekamen. Keine Aktion schien ihm zu waghalsig zu sein, kein Bump zu risikoreich. Wie ein Flummi sprang und flog er durch den Ring, die Halle sowie das Publikum und bestrafte dabei seine Gegner mit zum Teil noch nie gesehenen Manövern, Schlägen, Tritten, Kicks, Tischen und Stühlen. Insbesondere die „Chairs" hatten es ihm angetan, denn bei seinem Finishing Move, dem Arabian Facebuster, sprang er mit voller Wucht vom obersten Seil mit einem Stuhl auf das Gesicht seines hilflosen Gegners. Aber auch sonst machte er sich einen Spaß draus Sitzgelegenheite als Sprungbrett für waghalsige Bumps zu nutzen. Stuhl aufgestellt, Anlauf genommen, Sprung auf den Stuhl, abgefedert und dann wie ein Torpedo durch die Luft auf seinen Gegner ...

THIS IS HARDCORE!

Indeed.

Die Fans sprangen von Anfang auf ihn an und Paul Heyman belohnte ihn daher mit einem sofortigen Push in den Main Event. Nach seinem denkwürdigen Debüt-Match gegen den Tazmaniac am 01.10.1993 konnte er sich nur einen Tag später mit einem Sieg über Shane Douglas in der Viking Hall von Philadelphia den ECW-Heavyweight Title sichern. Heyman gab seinem Neueinkauf dabei ein „Hannibal Lector"-ähnliches Gimmick und ließ ihn angekettet mit Zwangsjacke zum Ring rollen um den Fans den Eindruck zu vermitteln, dass sich ein Monster unter ihnen befände. On air nannte er ihn als Paul E. Dangerously immer wieder „The most suicidal, homicidal, genocidal, death-defying athlete on the face of the planet".

Und einmal losgelassen, mit zahlreichen Narben auf dem Rücken versehen, konnte Sabu diesem Image durch seine Ringleistungen auch immer wieder gerecht werden. Obwohl er bei seinen Auftritten niemals auch nur EIN einziges Wort sprach und das Mic-Work von seinen Managern/Verbündeten übernommen wurde, strahlte er eine Aura aus, die die Fans in ihren Bann zog.

„Sabu was something special" ... und brachte die ECW in der Wrestling-Szene weiterhin ins Gespräch. Im Winter 1993 begann er eine intensive Fehde gegen NWA-Legende Terry Funk, die einen ersten Höhepunkt bei „ECW Holiday Hell" am 26.12.93 fand. Hier triumphierte nach einem harten Kampf nach „No-DQ-Regeln" am Ende der Altstar:

Terry Funk durfte sich im Alter von 48 Jahren noch einmal Champion nennen - als Teil von Eastern Championship Wrestling. Doch die Jugend hatte natürlich gegen die Titelregentschaft des Oldies etwas einzuwenden: Sowohl Sabu als auch Shane Douglas forderten Rückkämpfe um den Titel. „The Franchise" versuchte im Januar 1994 als erster sein Glück - und scheiterte am Ende denkbar knapp am „Time Limit" von 45 Minuten. So etwas hatte es in WCW und WWF seit Jahren nicht mehr gegeben. Da Douglas einen weiteren Titelkampf forderte und auch Sabu sein Re-Match wollte, wurde für den 04.02.1994 ein ganz besonderer Main Event festgesetzt, der in Nordamerika zu diesem Zeitpunkt fast völlig unbekannt war:

Ein Three-Way-Dance um die ECW Championship - mit einem Time Limit von 60 (!) Minuten.

Drei Wrestler gleichzeitig in einem Ring? Wie sollte das gut gehen? Würde das nicht schnell chaotisch oder langweilig werden?

Terry Funk, Shane Douglas und Sabu straften am Ende alle Zweifler Lügen und legten einen Klassiker im Ring hin, der die über 1000 Fans in der Viking Hall von Philadelphia am Ende zu Standing Ovations veranlasste, bei

ECW - The Night The Line Was Crossed

Terry Funk (c) vs. Shane Douglas vs. Sabu

Die Grenze war mit diesem Kampf in der Tat überschritten worden, denn noch heute wird dieser Main Event von vielen Experten als das Match genannt, mit dem die ECW endgültig als Promotion ihren Durchbruch feiern und internationale Bekanntheit erlangen konnte. Eine Stunde lang am Stück fesselten die drei von ihrem Stil her völlig unterschiedlichen Wrestler die faszinierten Fans - ohne sie dabei eine Minute zu langweilen. Nach einer spannenden Schlusssequenz gelang am Ende keinem der drei Beteiligten ein Pinfall vor dem „60 Minuten"-Limit. Der Kampf wurde daher als Draw (Unentschieden) gewertet und Terry Funk blieb somit auch weiterhin ECW Champion. Die eigentlichen Gewinner waren an diesem Abend die Wrestling-Fans, die ein großartiges Match gesehen hatten. Über Tape-Trader (Internet gab es damals so gut wie gar nicht) und Mund-zu-Mund-Propaganda wuchs die Bekanntheit der Promotion danach weiter an. Die drei beteiligten Wrestler wurden endgültig zu den Vorzeige-Stars der jungen Liga.

Während Sabu sich fortan auf den ECW TV Title konzentrierte, der durch ihn als Midcard-Titel ungemein aufgewertet wurde, gab Shane Douglas immer noch nicht auf und forderte Funk im März zu einem „Taped Fist"-Match heraus. Doch der alte Mann war nicht zu schlagen und überstand auch diese Herausforderung am Ende durch einen KO-Sieg nach 22 Minuten.

Am 26. März 1994 war dann aber Schluss für den Funker. Bei „ECW Ultimate Jeopardy" sollte es im Main Event zu einem WCW-typischen Wargames-Match kommen: Shane Douglas, Mr. Hughes und „The Public Enemy" vs. Terry Funk, Kevin Sullivan, Roadwarrior Hawk und den Tazmaniac. Besonderer Clou an dem Team-Kampf: Terry Funk setzte seinen ECW Title aufs Spiel. Es kam wie es komme musste - das Heel-Team triumphierte am Ende und „The Franchise" Shane Douglas war zum zweitenmal der Champion von Eastern Championship Wrestling ...

Eastern Championship Wrestling?

Dieser Name sollte bald in Vergessenheit geraten, und Shane Douglas sollte dafür am Ende maßgeblich mitverantwortlich sein ...

Im Sommer 1994 unternahm die nach dem Ausstieg der WCW 1993 eigentlich schon tote NWA einen neuen Anlauf einen eigenen WORLD Champion zu ermittlen. Da die ECW unter den wenigen übriggebliebenen Mitgliedern der Ogansiation noch die mit am bedeutendsten Liga war, setzte ECW-Besitzer Tod Gordon im Vorfeld durch, dass das Titelturnier in Philadelphia ausgetragen und Shane Douglas es am Ende gewinnern würde. So wurde am 27.08.1994 in der Viking Hall erneut Geschichte geschrieben:

Shane Douglas gewann das Turnierfinale nach einem guten Kampf gegen Too Cold Scorpio und war damit der neue NWA World Heavyweight Champion!

Oder etwa doch nicht?

Der Franchise schnappte sich nach seinem großen Sieg das Hallenmikrophon, nannte einige NWA-Legenden, die diesen Titel in der Vergangenheit groß gemacht hätten und meinte dann plötzlich:

"AND THEY CAN ALL KISS MY ASS!"

Darauf schmiss er den prestigeträchtigen NWA-Gürtel verächtlich zu Boden. Er hätte ganz bestimmt nicht vor, die Fackel einer toten Organisation zu übernehmen, da er für den „New Spirit" im Professional Wrestling stehen würde. Schnell holte er sich seinen ECW-Belt zurück in den Ring und erklärte sich selbst unter dem Jubel des Publikums zum neuen

ECW Champion of the WORLD.

Die Aktion, in die außer Douglas und Heyman/Gordon im Vorfeld des Titelturniers niemand eingeweiht worden war, wurde in der damaligen Zeit als handfester Skandal in der Wrestling-Szene angesehen. Wieder hatte die kleine ECW mit einer rebellischen Einstellung für Schlagzeilen gesorgt und diese selbstbewusst zur Schau gestellt: Der „New Spirit of Professional Wrestling" wollte mit der „Old School"-Attitude der NWA nicht länger in Verbindung gebracht werden. Diesen neuen Geist sollte fortan auch ein neuer Name kennzeichnen.

In der Woche nach dem Skandal erklärte ECW-Besiter Tod Gordon den Austritt seiner Promotion aus der NWA. Fortan würde sich die Liga

EXTREME Championship Wrestling

nennen. Und Shane Douglas sei ab sofort der World Champion der ECW.

Damit hatte man den letzten Grundstein für die Ausrichtung der Promotion gelegt, die im weiteren Verlauf der 90er Jahre dann damit für soviel Aufsehen im Wrestling-Business sorgen sollte. Denn fortan war der Name Programm: EXTREME - extrem - sollte es in den nächsten Jahren in Philadelphia zugehen. Schon bald wurden alle Kämpfe der Liga unter „NoDQ"-Regeln ausgetragen - alles war erlaubt, alles war möglich. Eine neue Ära hatte begonnen, die der „HARDCORE-Revolution". Eine Ära, mit der die ECW immer wieder ins Gespräch der Fans kam und die nach kurzer Zeit einige der besten Worker der Welt wie auch große Namen aus der WWF und der WCW nach Philadelphia locken sollte ...

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